Traumata aus NS-Zeit belasten Celler Familien noch heute

Fritz Darges und Dr. Helene Darges-Sonnemann 1996 oder 1997. Der Blick der Medizinerin, die 1998 starb, geht ins Leere. Foto: Sammlung Bettina Tegen

Das Buch "Kindermord im Krankenhaus" beschäftigt viele Celler auch knapp eineinhalb Jahre nach Erscheinen immer noch. So war das Interesse groß bei einem Vortrag des Autors in Celle. Wie die NS-Zeit bis ins heutige Leben hineinwirkt, wurde in diesen Tagen deutlich: Eine Cellerin hat im Jahr 1969 ihre behinderte Tochter getötet, weil die Leiterin der Celler Kinderklinik, Dr. Helene Darges-Sonnemann, eine frühere "Euthanasie"-Ärztin, ihr zuvor aktive Sterbehilfe empfohlen hatte. Das belastet die Familie natürlich sehr.

CELLE. Die NS-Zeit hat für viele Celler noch immer schreckliche Auswirkungen. Das wurde am Mittwochabend während einer Vortrags- und Diskussionsveranstaltung im Kantoreisaal an der Kalandgasse deutlich. Bei dem Abend der Stadtkirchengemeinde ging es um das Thema „Kindermord im Krankenhaus“, so auch der gleichnamige Titel des Buches von Andreas Babel.

Der Blattmacher der Celleschen Zeitung hatte erst am Morgen des Vortrags erfahren, dass eine Cellerin 1969 ihr behindertes Kind umbrachte, nachdem die Celler Kinderärztin Dr. Helene Darges-Sonne-mann ihr zuvor empfohlen hatte, dem Kind aktive Sterbehilfe zu leisten. Edda hatte durch eine Infektion eine Hirnschädigung erlitten. Erst kurz vor ihrem Tod vor fünf Jahren gestand die Mutter ihrer anderen Tochter gegenüber ein, die erst viermonatige Edda mit einem Kissen erstickt zu haben. Die zuvor immer wieder gestellten Fragen der anderen Tochter hatte die Mutter nie beantwortet, so dass es schon 1995 zu einem Bruch zwischen den beiden Frauen gekommen war.

Diesen Sachverhalt nahmen die gut 50 Interessierten sichtlich geschockt auf, ähnlich wie die Schilderung der Wietzerin Dagmar Baum, die während des Krieges von ihrer erkrankten Mutter getrennt wurde und in das Celler Waisenhaus an der Fritzenwiese kam. Dort seien die Babys in Apfelsinenkisten im Keller untergebracht gewesen. Barbara Jung-Steiner (Jahrgang 1942) berichtete wie andere Zeitzeuginnen, wie rabiat in den 1940er und 1950er Jahren Untersuchungen vor sich gingen.

Der Celler Hans-Hagen Nolte (Jahrgang 1948) und der Klein Hehlener Götz Hachtmann (Jahrgang 1955) erzählten, wie ihnen Darges-Sonnemann als Kindern das Leben gerettet hat. Nolte hat jetzt die Geschichte seines Vaters, des einstigen CZ-Redakteurs Hans Nolte, kritisch in einem Buch gewürdigt. Hachtmann gewann an dem Abend die Erkenntnis, dass er nun auch die Familiengeschichte festhalten und so für seine Angehörigen überliefern sollte.

Babel stellte in Celle erstmals fünf Opfer der „NS-Euthanasie“ vor. Alle fünf starben in dem Hamburger Kinderkrankenhaus Rothenburgsort, in dem die spätere Celler Chefärztin der AKH-Kinderklinik, Helene Darges-Sonnemann, als Stellvertreterin des Leiters arbeitete. Nach dem verheerenden alliierten Bombenangriff auf Hamburg kam sie Anfang August 1943 nach Celle und machte hier Karriere. Wenig später heiratete sie den ehemaligen Hitler-Adjutanten Fritz Darges, der sie bis zu ihrem Tod 1998 pflegte.

Babel war es besonders wichtig, neben den Opfern auch die vier Ärztinnen in Wort und Bild zu würdigen, die widerständig waren. Zwei schöpften ihre Kraft aus ihrem tiefen Glauben. Der Moderator des Abends, Pastor Michael Stier, erinnerte daran, „dass in nahezu allen deutschen Familien Mitglieder mit dem NS-Unrechtssystem verstrickt waren“. Damit und mit diesen Auswirkungen müsste vor allem die Nachkriegsgeneration noch heute fertig werden.

NDR-Beitrag: Über Babels Recherche und sein Buch dreht der NDR derzeit in Celle einen Filmbeitrag, der voraussichtlich am Sonntag, 19. Juni, bei „Hallo Niedersachsen“ (ab 19.30 Uhr) in N3 ausgestrahlt wird.

Joachim Gries Autor: Joachim Gries, am 10.06.2016 um 16:43 Uhr
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