Kutte und Matrosenmütze: Weltturbojugendtage auf dem Kiez

Die norwegische Punk-Band Turbonegro hat eine treue Fangemeinde, die sogenannte Turbojugend. Dazu gehören auch Reine (44, l-r), Jack (32) und Martin (34) aus Schweden. Foto: Axel Heimken Foto: Axel Heimken

Hamburg (dpa) - Ihre Kutte aus Jeansstoff erinnert an berüchtigte Rockergangs: Als Bruch tragen die Mitglieder der Turbojugend aber Matrosenmützen, Hüte und Schminke, denn den Fans der norwegischen Deathpunk-Band Turbonegro geht es um Rock 'n' Roll, Spaß und wilde Partys.

BILDER »
Weitere Bilder finden Sie in der Bildergalerie
Gegründet 1996 von dreizehn Stammgästen des «Schlemmerecks» in St.Pauli als Fanclub soll die Turbojugend inzwischen mehr als 20 000 Mitglieder weltweit haben. Inoffizielle Zentrale ist nach wie vor die Schank- und Speisewirtschaft von Herbert Stender (77). Ihn nennen die Anhänger nur «Godfather». Einmal im Jahr steigen die Weltturbojugendtage in Hamburg - das diesjährige Treffen ging am Sonntag zu Ende.

Die Kutte, eine bestickte Denim-Jacke, deren Rückseite der Name des «Chapters» sowie eine Lederkappe schmückt, ist das Erkennungszeichen der Turbojugend - verziert mit allerlei Buttons und Aufnähern, die untereinander getauscht werden. Das Waschen der Kutte ist strengstens verboten. Einzige Ausnahme ist, wenn sie mit Erbrochenem besudelt wurde. In den Clubregeln stehen entsprechende Tipps gegen den Gestank: «Wunderbäume», Duftsprays oder einfach mit der Kutte duschen.

Reine (44), Martin (34) und Jack (33) sind aus Schweden nach St. Pauli zur Party gereist. Die drei gehören unterschiedlichen Untergruppen, «Chaptern», an - Jack zum Beispiel ist Teil des «Satans Finest». Jedes Mitglied hat einen eigenen «Warriornamen». Besonders beliebt sind Namen, in denen das Wort «Ass» vorkommt, denn: «Turbonegro haben eine lange Geschichte von Anal-Referenzen in ihren Liedern», wie es in den Clubregeln heißt. Jack etwa ist «The Jackass», Martin nennt sich «Martin von hellbent» und Reine «Ace Hooligan». Zudem hat jedes Mitglied einen Clubausweis, den «Assport».

Die Turbojugend kokettiert ganz bewusst mit dem Schwulenimage. Zurückzuführen ist dies auf die reine Lust auf Provokation der Band Turbonegro. Der Club sieht sich nicht als politische Gruppe, distanziert sich aber klar von faschistischem und rassistischem Verhalten und steht somit im Widerspruch zu vielen skandinavischen Hardcore-Bands, die zum Teil als homophob und rechts gelten.

Allen (55), auch «Big L» genannt, kommt aus Los Angeles und ist Mitglied in neun verschiedenen «Chaptern». Laut Allen zählt die Turbojugend weltweit ungefähr 3 500 «Chapter» - selbst in Japan, Chile und Neuseeland gebe es Ableger.

Höhepunkt der diesjährigen Turbojugendtage war das Konzert von Turbonegro am Samstagabend in der Großen Freiheit 36. Viele jubelnde Kuttenträger begrüßten die Band in dem restlos ausverkauften Club. Bei Songs wie «All my friends are dead» ließen sich Konzertbesucher beim «Stagediving» auf Händen durch die Menge tragen, halbvolle Bierbecher flogen durch die Halle.

Sänger Tony Sylvester, gekleidet in einem eng anliegenden roten T-Shirt, knappen Jeansshorts und der typischen schwarzen Lederkappe, scheute bei dem großen Fanaufgebot selbst den Vergleich mit den Beatles nicht: «Vor 50 Jahren kam eine unbekannte Band aus Liverpool nach St. Pauli, um für Prostituierte und Seeleute zu spielen. Und vor zwanzig kam eine unbekannte Band aus Olso nach St. Pauli, um ebenfalls für Seeleute und Prostituierte zu spielen.»

Die Turbojugend-Mitglieder reisen zum Teil durch die ganze Welt. Das Ganze nennt sich «Deathpunk Tourism». Auf die Frage, wem er eine Mitgliedschaft in der Turbojugend empfehlen würde, sagte Jack: «Wenn du gerne Bier trinkst, Spaß hast - dann ist es etwas für dich.»

Wiebke Dördrechter Autor: Wiebke Dördrechter, am 31.07.2016 um 15:36 Uhr
Druckansicht

LESER-FEEDBACK »
Keine Kommentare vorhanden
WEITERE THEMEN »

Winser Schüler sind "bunt wie Konfetti"

Mobbing ist ein großes Problem, vor allem an Schulen. Viele Jugendliche leiden im Stillen. Freunde, Eltern und Lehrer sind oft hilflos. Was kann man machen, um Mobbing-Opfern zu helfen oder Mobbing gar zu verhindern? Aufeinander eingehen, nicht ausgrenzen, fair miteinander umgehen – so erreicht man… ...mehr

Rizin-Fund: «Sehr wahrscheinlich» Terroranschlag vereitelt

Köln (dpa) - Drei Tage nach Sicherstellung des Bio-Giftes Rizin in einer Kölner Hochhauswohnung haben Ermittler bei einer neuen Durchsuchung offenbar keine weiteren brisanten Funde gemacht. ...mehr

Kinder sollen besser vor Dickmacher-Werbung geschützt werden

Saarbrücken (dpa) - Fast Food, Limonaden, Süßwaren: Die Bundesländer wollen Kinder und Jugendliche besser vor gezielter Werbung für Dickmacher schützen. Das haben die Verbraucherschutzminister der Länder in Saarbrücken beschlossen. ...mehr

Tunesier soll Bio-Waffen hergestellt haben

Köln (dpa) - Der in Köln gefasste 29-Jährige soll bereits seit mehreren Wochen biologische Waffen in seiner Wohnung hergestellt haben und bei der Produktion seines tödlichen Gifts weit fortgeschritten sein. ...mehr

Substanz in Kölner Hochhaus enthielt hochgiftiges Rizin

Köln (dpa) - Nach dem Fund von hochgiftigem Rizin in einer Kölner Hochhaus-Wohnung hat der Bundesgerichtshof Haftbefehl gegen den 29-jährigen Wohnungsinhaber erlassen. Es bestehe der dringende Verdacht des Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz, sagte ein Sprecher des Generalbundesanwaltes. ...mehr

Gesundheitsfest des Kreissportbundes im Französischen Garten

Trotz Freibadwetter fanden am vergangenen Freitag mehr als 100 weiteren Kinder ihren Weg zum Französischen Garten in Celle. Bei Temperaturen von fast 30 Grad standen Sport, Spiel und Spaß an diesem Nachmittag im Vordergrund. In Kooperation mit der Stadt Celle richtete der Kreissportbund (KSB) erstmalig… ...mehr

Samuel Koch in Hermannsburg: "Weiter wach und neugierig sein"

Leistungsturnen, zwölf Trainingseinheiten in der Woche, Abitur, Wehrdienst, Schauspiel­studium: Samuel Koch führt ein im wahrsten Sinne des Wortes bewegtes Leben – bis sein Unfall im Dezem­ber 2010 in der Fern­sehshow „Wetten, dass ..?“ alles von einer Sekunde auf die andere verändert.… ...mehr

Rekordverdächtige Ernte im Celler Land: Erdbeeren so billig wie lange nicht

Auf den Feldern im Celler Land herrscht Alarmstufe Rot: Die Erdbeersaison ist so früh und schnell gestartet wie lange nicht mehr. „Die Bestände sind im Mai sehr schnell gereift und jetzt kommt alles zugleich“, sagt Ralf Lienau vom Erdbeer- und Spargelhof Lienau aus Nienhagen. ...mehr

Anzeige
E-PAPER »
20.06.2018

Cellesche Zeitung

Die vollständige Ausgabe der CZ in digitaler Form mit Blätterfunktion.

» Anmelden und E-Paper lesen

» Jetzt neu registrieren

THEMENWELT »
AKTUELLES »

Das erste, das 50. und das Rekordtor - Christiano Ronaldo

Moskau (dpa) - Der beste Torjäger Portugals war Cristiano Ronaldo schon lange. Nun ist der 33 Jahre…   ...mehr

Das bringt der Tag bei der Fußball-WM

Moskau (dpa) - Zwei Titelanwärter, die bei ihren ersten Auftritten nicht überzeugt haben, präsentieren…   ...mehr

Ronaldo, Suárez und Costa treffen

Moskau (dpa) - Die Stürmerstars Cristiano Ronaldo, Luis Suárez und Diego Costa haben bei der Fußball-Weltmeisterschaft…   ...mehr

Weltweiter Aufschrei - Trump zieht bei Migration Notbremse

Washington (dpa) - US-Präsident Donald Trump hat mit einem Dekret die von seiner Regierung selbst begonnene…   ...mehr

USA nach Austritt aus UN-Menschenrechtsrat nahezu isoliert

Genf/Washington (dpa) - Die Regierung von US-Präsident Donald Trump hat mit dem Rückzug aus dem UN-Menschenrechtsrat…   ...mehr

Diego Costa rettet Spanien den Sieg

Kasan (dpa) - Diego Costa hat WM-Favorit Spanien gegen den krassen Außenseiter Iran auf Achtelfinal-Kurs…   ...mehr

Merkel unter Druck: Italien sagt zu Flüchtlingsrücknahme No

Berlin/Brüssel/Rom (dpa) - Bereits vor einem Sondertreffen mit mehreren EU-Staaten erleidet Kanzlerin…   ...mehr

Suárez führt Uruguay ins Achtelfinale

Rostow am Don (dpa) - Doppelter Jubel zum Jubiläum: Luis Suárez hat Uruguay in seinem 100. Länderspiel…   ...mehr

May entgeht erneut Schlappe im Parlament in Sachen Brexit

London (dpa) - Zum zweiten Mal in gut einer Woche hat die britische Premierministerin Theresa May eine…   ...mehr

«Wir sind bereit»: Kanadas Parlament legalisiert Cannabis

St. John's (dpa) - Die Schlange von Menschen fängt vor der Rocket Bakery auf der Hauptstraße von St.…   ...mehr
SPOT(T) »

Gardofflsubbe

Nanu, was ist denn hier passiert? Keine Sorge, mit meiner Tastatur ist alles… ...mehr

Schlau

Sie kriegen einfach alles raus: Forscher. Zum Beispiel, dass am Herzen operierte… ...mehr

Ab in den Garten

In der Mittagspause nehme ich mir mal Zeit, um mir die Stadt anzusehen. "Bei… ...mehr

VIDEOS »
FINDE UNS BEI FACEBOOK »
Datenschutz Kontakt AGB Impressum © Cellesche Zeitung Schweiger & Pick Verlag Pfingsten GmbH & Co. KG