141: Zeitzeugen erinnern sich an Pohl und Lebensmittelgeschäft Koppmann an Brauhausstraße in Celle

Die Brauhausstraße im Jahr 2016: Der Blick fällt immer noch auf das Stechinellihaus am Großen Plan, aber ansonsten hat sich die rechte Häuserreihe durch den Neubau der Sparkasse komplett verändert. Foto: Benjamin Westhoff (2)

Eigentlich war Otto Pohl Opernsänger, doch nach dem Tod seines Vater August Pohl musste er die Druckerei am Großen Plan 19/20 übernehmen. Dass er gerne Süßes aß, ist nur eine Anekdote, die Zeitzeugen berichten. Sie erzählen auch davon, warum die Eiswagen von Talamini immer an der Krankenkasse standen.

CELLE. In der Brauhausstraße kennt sich Rudolf Koppmann (Jahrgang 1938) bestens aus. Er lebte mit seinen Eltern im Haus Nummer 4. „Mein Vater Hans-Heinrich Martin Koppmann hat von Auto Meyer eine Garage in der Nummer 3 gemietet und dort im November 1950 ein Lebensmittelgeschäft eröffnet“, erzählt der Celler. Dafür habe er sich damals extra einen Anzug bei Gilster an der Runden Straße schneidern lassen. „In der zweiten Garage war zunächst die Bäckerei Günzel. Als der raus war, hat mein Vater das Geschäft vergrößert“, sagt der Rentner. In dem Lebensmittelgeschäft habe er auch Eis angerührt. „Talamini hat aber immer einen Eiswagen zur Post und zur Krankenkasse gestellt – wer zu Koppmann wollte, musste erst dort vorbei“, erzählt der Zeitzeuge lachend, der beim Abfüllen des Weins in die Flaschen mithalf. „Der Wein wurde in 25 Liter fassenden Behältern angeliefert. Um ihn abzufüllen, musste man an einem langen Schlauch ziehen“, erzählt Koppmann, „manchen Mittag war ich schon ganz schön lustig.“

Da sie im Laden kein Telefon gehabt hätten, musste Rudolf Koppmann auch einige Male Telefonwache in der Wohnung abhalten. „30 Deutsche Mark Miete mussten wir dafür an Auto Meyer bezahlen“, sagt er. Sein Vater habe – wenn er ein Bier trinken wollte – immer gesagt, dass er zur Gastwirtschaft Küster an der Runden Straße ein Pfund Kaffee bringen müsse. „Mein Onkel Heinz Koppmann, der aus einer Schneiderfamilie kam, war außerdem Mitinhaber des Kostümverleihs an der Brauhausstraße“, sagt Koppmann.

Gegenüber von dem Lebensmittelgeschäft war zu der Zeit schon die Sparkasse angesiedelt. Das Geldinstitut hatte das Schloßhotel am Schloßplatz 9 im Jahre 1920 erworben und von 1933 bis 1936 erweitert. 1961 wurden zudem die Häuser am Großen Plan 19/20 – der ehemaligen Druckerei Pohl, die auf dem Foto aus der CZ vom vergangenen Samstag zu sehen war – gekauft und die Sparkasse ausgebaut. Später wurden die Häuser durch einen Neubau ersetzt.

In der Druckerei ihres Großonkels August Pohl ging Hanna Masche (Jahrgang 1929) in den 1930er Jahren ein und aus. Ihre Mutter Berta Lammers geborene Pohl falzte unter dem Dach Drucksachen, wobei Hanna Masche oft behilflich war. „An die Druckerei grenzte außerdem ein Schreibwarengeschäft, das zu Pohl gehörte“, erzählt die Zeitzeugin. Nach dem Tod von August Pohl – er erlitt während des Krieges eine Gelbgasvergiftung – hätte sein Sohn Otto die Druckerei übernehmen müssen, obwohl der eigentlich Gesang studiert hatte und Opernsänger war.

35 Jahre lang arbeitete Borleslaw Zaton (Jahrgang 1927) unter anderem als Hausmeister und Fahrer bei Pohl. Am Anfang sei er „Mädchen für alles“ gewesen und habe unter anderem die Heizung anmachen müssen. „Dafür musste man in den Wintermonaten um sechs Uhr morgens die Koksheizung im Keller in Gang bekommen, damit der Raum um 7.30 Uhr warm war – wenn die Farben kalt sind, läuft schließlich nichts.“

Die Patin von Manfred Völlmer (Jahrgang 1943) war Else Pohl, die Frau von Otto Pohl. Vater August Völlmer war 1944 zu Pohl gekommen, da ein Druckermeister gesucht worden war. „Zwischen der Druckerei und der Sparkasse hat es damals noch einen kleinen Durchgang Richtung Schloss gegeben“, berichtet der Mann, der seit 1963 in der Schweiz lebt, aber einmal pro Jahr zum Schützenfest nach Celle kommt, „da, wo das Fenster zu sehen ist, war eine Garage, dahinter war die Druckerei, dann kamen die Büros von meinem Vater und Otto Pohl, dann das Schreibwarengeschäft.“ Oben seien die Setzerei und die Wohnungen von Pohl und dem Buchhalter Bockelmann gewesen. Völlmer, der später selbst Buchdrucker lernte, nahm gerne Schülerjobs bei Pohl an. „Ich habe zum Beispiel den Hund von der Chefin des Ladens, Else Pohl, im Schlosspark ausgeführt“, sagt der 73-Jährige. Sein Vater, der den Umzug von Pohl vom Großen Plan an den Allerdeich 1956 mitmachte, habe immer stolz erzählt, dass die Mitarbeiterzahl von 1944 bis zu seinem Austritt 1961 von 5 auf 61 gestiegen sei.

Otto Pohl beschreibt er als „Charmeur vom Dienst“, der immer Aufträge mitgebracht habe. Der gut aussehende Mann habe auf Süßes gestanden. „Wenn ich da war, sagte er immer, dass er Manfred einen ausgeben wollte, und wir gingen dann zu Kies“, erzählt Manfred Völlmer. Otto Pohl starb 1998, seine zweite Ehefrau 2014. Im gemeinsamen Testament verfügte das Ehepaar, dass eine Stiftung zugunsten der Lebenshilfe Celle gegründet werden solle. Der Pohl-Verlag, der 1968 samt Druckerei vom Schweiger & Pick Verlag gekauft worden war, ist seit 2003 wieder ein eigenständiges Unternehmen in Lachendorf. Die Gebäude am Herzog-Ernst-Ring existieren inzwischen ebenso wie am Großen Plan nicht mehr.

Christopher Menge Autor: Christopher Menge, am 11.10.2016 um 14:50 Uhr
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