Unendliches Leid - die mitreißende autobiografische Geschichte einer jungen Türkin

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Der autobiographische Roman „Unendliches Leid“ von Hülya Ertürk (Edition Bukhara, 176 Seiten, Übersetzung von Turhan Gökmen) ist ein authentisches Zeitdokument aus einer Türkei an der Schwelle zur Moderne. Das Buch beschreibt die bewundernswerte Stärke einer Frau, die sich gegen unvorstellbare Widrigkeiten stemmt.

In den 70er bis 90er Jahren wird Hülya, ein Mädchen vom Land, in Ankara und Istanbul auf tragische Weise Opfer unmenschlicher Ehrvorstellungen und eines korrupten Systems, in dem Frauen nur Menschen zweiter Klasse sind. Dass ihre Cousine sich einen grausamen Scherz mit der 13-jährigen erlaubt und sie in der Großstadt allein zurücklässt, reicht aus, um von ihrer Familie für ehrlos gehalten und verstoßen zu werden. Als dann auch noch der Mann, den sie notgedrungen heiratet, ermordet wird, bekommt sie die ganze Härte der türkischen Willkür-Justiz zu spüren. Sie wird inhaftiert und gefoltert. Ihr droht die Todesstrafe...

In einfachen Worten beschreibt Hülya Ertürk eindrucksvoll die Schrecken, die sie durchleiden musste, und entlockt ihnen eine eigentümliche Poesie, die keinen Leser unberührt lässt. Von Schicksalsschlag zu Schicksalsschlag erleben wir ihre Entwicklung von einem naiven Mädchen zu einer Frau, die verbissen darum kämpft, ihre Situation zu verbessern, ohne den Glauben und die eigenen moralischen Überzeugungen zu verraten. Mehr noch: Mit ihrer Hartnäckigkeit schafft es Hülya, die selbst kaum das Nötigste zum Überleben hat, ihren Mitmenschen zu helfen. Denn auch, wenn sie das Schicksal immer wieder auf die Probe stellt: Sie möchte ein guter Mensch sein.

Die deutsche Übersetzung bewahrt dabei sensibel den Charakter des türkischen Originals. Damit schafft sie es, eine fremde und doch zugleich vertraute Welt lebendig werden zu lassen. Eine Welt, in der aus falschen Anschuldigungen schnell Vorverurteilungen werden, Polizisten lieber ein Geständnis erprügeln, als nach den Schuldigen zu suchen, und in der es dennoch immer wieder kleine Momente voll Glück und Gerechtigkeit gibt.

Der Leser begleitet Hülya Ertürk auf ihrem Weg durch die Schichten der türkischen Gesellschaft. Vom bildungsfernen Leben auf dem Dorf über den Gefängnisalltag und das zwielichtige Nachtleben bis zur feinen Gesellschaft, die ohne Gewissensbisse die Gebote des Islam bricht. Im Mittelpunkt stehen dabei die Menschen, die Hülya Ertürk auf ihrem Weg begegnen. Vom gewissenlosen Journalisten, der sie vor aller Welt zur Hure abstempelt bis zum Nachtclubbetreiber, der reumütig zu den Geboten des Islam zurückkehrt.

Zur Autorin: Hülya Gülschen Ertürk ist heute 45 Jahre alt und lebt noch immer in Istanbul, inzwischen in Beylikdüzü, wo – vielleicht als Wiedergutmachung – ihre Familie zusammengelegt und ihr eine Eigentumswohnung finanziert hat. Fünf Operationen und chronische Krankheiten, zuletzt Herzprobleme, haben sie lebenslang gezeichnet. Obwohl Hülya Unvorstellbares durchleiden musste, ist sie eine starke und stolze Frau, die trotz allem ihren Humor nicht verloren hat. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sich ihr Traum von einem gebildeten Sohn, der an der Universität Informatik studiert, erfüllte. Selbst in bescheidenen Verhältnissen lebend, ist Hülya immer dort zur Stelle, wo ehrenamtlich Hilfe benötigt wird. Sie drückt es wesentlich einfacher und auf den Punkt genau aus: Sie möchte ein guter Mensch sein.



Buch, Paperback: 176 Seiten
Verlag: Edition Bukhara, Verlag für islamische und orientalische Literatur
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3-941910-05-8
Buch: 11,90 €
Autor/in: Hülya Ertürk
Lukas Schigulski Autor: Lukas Schigulski, am 04.11.2016 um 13:39 Uhr
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