147: Celler erinnern sich Olga Lott, Polizei und Möbel Brandes an Bergstraße

Das „Kommunikationszentrum“:Die Anwohner der Bergstraße kauften alle in dem kleinenTante-Emma-Laden von Olga Lott. Foto: Sammlung Klaus Brandes

Obwohl Ilselotte Meyer, geborene Beythien, (Jahrgang 1934) heute in Kelkheim am Taunus lebt, interessiert sie sich noch sehr für ihre Heimatstadt Celle. Geboren wurde sie vor 82 Jahren im Haus Bergstraße 6. Das Haus, das an der Ecke Prinzengasse steht, war auf dem alten Foto am vergangenen Samstag in der Celleschen Zeitung ganz links zu sehen. Heute ist dort ein Fotogeschäft beheimatet.

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CELLE. „In dem Eckhaus gegenüber war der kleine Lebensmittelladen von Olga Lott untergebracht“, erzählt die Zeitzeugin, „meine Mutter hat mich dort immer hingeschickt, um eine Tasse Senf zu holen.“ Auf der anderen Seite der Bergstraße, wo heute der neue Karstadt-Bau steht, sei die Polizei gewesen. „Auf dem Hof daneben durften immer alle Kinder spielen“, sagt Ilselotte Meyer, die sich auch an ein Beerdigungsinstitut von Gustav Bruderhausen an der Bergstraße erinnert. „Der Beruf hieß damals Totenfrau – das fanden wir Kinder witzig.“

Ihr Elternhaus grenzte an der Prinzengasse an ein Lokal. „Durch das Fenster in der Waschküche gelangte man in den Hof der Kneipe“, erzählt die Seniorin, „wir konnten dann von hinten in die Kneipe und mussten nicht während der Sperrzeit ab 22 Uhr um die Ecke gehen.“ Sie erinnert sich außerdem noch an den Bombenangriff auf Celle am 8. April 1945. „Durch den Luftdruck sind die Fenster rausgeflogen, sie lagen dann vor der Polizei“, erzählt Ilselotte Meyer, „wir hatten auch einen Luftschutzkeller, in den wir bei Alarm die Nachbarn mit reinnehmen mussten. Auf dem Gehweg war eine Klappe eingebaut, damit man im Notfall rauskommt.“

Erhard Pausch (Jahrgang 1924) hat 1938 bei Auto Licht Wolf den Beruf des Kfz-Elektrikers erlernt. „Bei Kriegsbeginn wurden die privaten Auto eingezogen. Da habe ich das Auto von Erich Bruns, der an der Bergstraße wohnte, aufgebockt und die Batterie entnommen“, erzählt der Celler, „die Garage haben wir mit Salz zur Entfeuchtung ausgestattet, dann die Tür rausgenommen und eine Steinmauer gezogen.“ Der Wagen habe den Krieg dahinter gut überstanden. Aus dem Adressbuch von 1965 geht hervor, dass Erich Bruns im Haus Bergstraße 7-8 wohnte.

Einen Auszug daraus hat Hans-Gerd Hannecker (Jahrgang 1948) zur Verfügung gestellt. „Ich habe zwar keine Möbel bei Brandes gekauft und auch keine Geschichten dazu, aber ich kann anhand von Auszügen aus dem Adressbuch von 1965 zeigen, in welcher Straße sich Möbel Brandes befunden hat und das es noch weit mehr Möbelgeschäfte direkt in der Innenstadt gab“, sagt der Mann, der 1965 eine Lehre bei der Druckerei Ströher an der Runden Straße begann. Neben Brandes (Bergstraße 7/10) gab es in unmittelbarer Nähe noch das Möbelgeschäft Karl Feß und das Einrichtungshaus Herrmann an der Mauernstraße.

„Zu Möbel Brandes gehörte der gesamte Bereich des jetzigen Schuhgeschäfts einschließlich der zur Zeit von den Stadtwerken genutzten Räume an der Prinzengasse“, sagt Günther Wede (Jahrgang 1940). „Da der jüngste Sohn von Möbel Brandes ein Klassenkamerad von mir war, bin ich häufig in dem Haus/Betrieb gewesen. Die Werkstatt war im Hinterhaus. Neben Brandes an der Bergstraße war ein Schuhmachereibedarfsgeschäft, geleitet in den 1950er Jahren von Arthur Wunderlich.“

Klaus Brandes (Jahrgang 1939) war mit Günther Wede an der Mittelschule in einer Klasse. Er erzählt, dass seine Eltern das Eckhaus an Olga Lott vermietet hätten und dass sie mit Beythien befreundet gewesen seien. „Da, wo heute das Lebensmittelgeschäft von Lobetal ist, war damals die Herberge zur Heimat – später gab es dann den Kalandhof“, sagt der Zeitzeuge, „meine Eltern haben das Geschäft in den 1960er Jahren aufgegeben, später war dort der erste Aldi-Laden drin. Seit 1994 ist das Haus nicht mehr im Besitz der Familie Brandes, es wurde an den Schuhhändler verkauft.

Hänschen Röling (Jahrgang 1940) erinnert sich auch an das erste Geschäft von Aldi in Celle an der Ecke Prinzengasse. „Möbel Brandes hatte eine große Auswahl an Möbeln. Meine Mutter hatte Geld zur Seite gelegt und meine Frau Waltraud und ich durften uns ein Schlafzimmer und alle Möbel für die Stube aussuchen.“

Auch Marianne Brase (Jahrgang 1945) hat vor über 50 Jahren die Möbel für das komplette Wohnzimmer bei Brandes gekauft. „Den Preis weiß ich nicht mehr, aber ich habe 80 DM pro Monat abbezahlt“, erzählt die Cellerin, „bei der Schlafcouch ist mal eine lange Leiste durchgebrochen, als ich mich mit meinem Mann draufgelegt habe. Er hat dann eine neue angebracht.“ Einen Schrank und einen Tisch von Möbel Brandes hat sie noch heute.

Gerd Kamm, der Vater von Margret Wehrs (Jahrgang 1934), hat Umzüge organisiert und immer wieder bei Brandes gearbeitet. „Da war auch eine Polsterei und Tischlerei“, erzählt die Seniorin, „er hat uns eine Puppenstube gebastelt. Außerdem hat meine Mutter einen Stoff zusammengenäht, mit dem unser Sofa in der Wohnküche bezogen wurde.“

Egbert Radusch (Jahrgang 1941) hat „sehr lebhafte Erinnerungen“ an seine Zeit in der Bergstraße. Er wohnte in dem Haus, in dem auch die Polizeibüros untergebracht waren. „Wenn die Polizei Schwarzhändler oder Prostituierte festgenommen hatte und sie auf dem Hof aus den Autos stiegen, war immer großes Geschrei“, erzählt er. In der Bergstraße sei damals immer etwas los gewesen.

„Der Tante-Emma-Laden von Olga Lott war das Kommunikationszentrum. Alle Leute haben da eingekauft und die Frauen haben sich unterhalten“, erzählt der Zeitzeuge, „wenn ich einen Groschen übrig hatte, habe ich mir dort rote Himbeerbonbons gekauft.“ Diese hätten in einem Glasbehälter auf dem Tresen gestanden. „Darin waren sie verklebt. Olga Lott hat sie dann mit einer kleinen Schaufel rausgeholt“, sagt er. Eine Sache ist ihm noch im Gedächtnis geblieben. Kurz nach der Währungsreform sei eine Nachbarin zu seiner Mutter gekommen und sagte „gehen Sie mal schnell zu Olga Lott – es gibt wieder Maggi.“

Christopher Menge Autor: Christopher Menge, am 26.11.2016 um 08:54 Uhr
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