Von Berlin in die Dorfschule Eldingen

Stephanie Hantzko in ihrer Werkstatt: „Ich werde unglücklich, wenn ich nichts Kreatives schaffe.“ Foto: Michael Schäfer

Glück und Leid des Künstlerdaseins sind Stephanie Hantzko von klein auf vertraut. Sie wurde in eine Berliner Künstlerfamilie hineingeboren. Das Landleben zieht sie der Großstadt vor, Filz und Kunst ist das Motto ihres Ateliers und Ladens in der alten Eldinger Dorfschule.

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Nee, ich hatte nie den Gedanken an Künstler als Beruf, weil mein Onkel kein Geld zum Leben hatte“, erzählt Stephanie Hantzko in einer Umgebung, die vom Atelier bis zur Küche durchweg individuell und originell gestaltet ist. Der Blick fällt in einen kleinen Garten, aus gegenüberliegenden Fenstern sind Kirche und Glockenturm zu sehen. Sie runden das Ensemble mit Hantzkos Domizil – der alten Eldinger Dorfschule – ab. Hier zeigt der Ort noch echte dörfliche Kontur und steht im Gegensatz zu Hantzkos Dialekt, der ab und zu durchschimmert und auf Wurzeln verweist, die woanders liegen. In seinen Bildern hat ihr Onkel Herbert „Jimmy“ Weitemeier sie nicht nur eingefangen, er war sogar berühmt für seine Berliner Stadtansichten. Seine düsteren Bilder von Hinterhöfen und Ruinenlandschaften in Öl hängen heute zu Hunderten in Galerien, Wohnungen und öffentlichen Gebäuden Berlins. Aber damals in den 60er Jahren, als Stephanie Kind war, ist er bettelarm. Dieser Eindruck setzt sich fest im Kopf des kleinen Mädchens. „Bei uns hingen ganz viele Bilder, bei meinen Mitschülern zu Hause nur eins oder zwei, aber dafür hatten die eben einen Fernseher und wir nicht“, erinnert sich Hantzko. Schon ihr Opa malte, über ihre Mutter Hiltrud Schröter ist ein Buch in der Reihe „Kreuzberger Künstlerleben“ erschienen, von ihrem Vater wurde sie an die Musik herangeführt. „Hausmusik war bei uns etwas ganz Selbstverständliches.“

Die Stimme
der Vernunft

Die Berlinerin war von klein auf von Kunst umgeben. Dass sie technische Zeichnerin lernte, war kein Abwenden vom Vertrauten, sondern ein Gehorchen der Stimme der Vernunft – die sie nicht betrog. Als junge Frau brachte sie es weit im erlernten Beruf: Sie wurde Mitarbeiterin des Landeskonservators Berlin und fertigte als solche unter anderem Rekonstruktionszeichnungen von Stuck und Wandmalereien im berühmten Martin-Gropius-Bau an. Auch außerhalb des Angestelltenverhältnisses nutzte sie ihre graphischen Fertigkeiten für kreative Zwecke: „Ich habe für die Band, die als erste eine Platte unter einem Independent Label rausgebracht hat, das Cover gestaltet“, erzählt sie und zeigt auf einen Schriftzug in Schwarzweiß: TEMPO. Den Gehalt des Wortes hat sie eingefangen, zeitlos schön und dynamisch sieht man ihm die 70er Jahre nicht an. Die Stimme der Vernunft hatte sie mit Erfolg belohnt, aber ohne nebenbei künstlerisch tätig zu sein, hielt sie ihr gut situiertes Leben nicht aus. „Ich habe alles ausprobiert: Töpfern, Holz- und Steinbildhauerei. Das war alles spannend und toll. Aber man muss sich entscheiden. Und wenn man bei einer Sache bleibt, dann kann man auch gut darin werden“, ist ihre Erfahrung. Die Malerei lässt sie im Rückblick unerwähnt, obwohl es ihr favorisiertes Metier war. In den 80ern erhielt sie Unterricht von dem Berliner Maler Georg Kupke, schuf Bilder mit Acryl- und Ölfarben. Noch während ihrer Lehrzeit hatte sie die erste Ausstellung mit Zeichnungen, eine Schau der Malerei folgte. Doch ein Schicksalsschlag ließ den Quell der Inspiration für diese Art der Kreativität versiegen. Sie musste umsatteln. Ihrem erlernten Beruf hatte sie zu diesem Zeitpunkt längst den Rücken gekehrt. „Mir ging es gut als technische Zeichnerin, aber ich hatte keine Ideen mehr für meine Kunst – und dann habe ich das gelassen“, erläutert sie den Schritt zur freischaffenden Künstlerin. Der Besuch einer Ausstellung ließ sie einen Werkstoff entdecken, der für sie neu, aber in bestimmter Weise doch vertraut war. „… dann werde ich Bilder weben, dann mache ich meine Malerei auf dem Webstuhl weiter“, hatte Hantzkos Mutter einst ihr neues bildnerisches Medium angekündigt. Ihre Tochter schaute sich das Weben ab und erweiterte nun gewissermaßen das Spektrum.

Von der Mongolei
inspiriert

„Meine Leidenschaft fürs Filzen begann, als ich eine original mongolische Jurte mit gefilzten Teppichen darin sah.“ Umgehend beschloss sie, die uralte Technik, Wolle zu verarbeiten, zu erlernen. Lange Zeit war sie vergessen. Jahre bevor die Herstellungsart eine Renaissance erfuhr – mittlerweile fehlen Filzprodukte auf keinem Kunsthandwerkermarkt mehr – widmete sich Hantzko ihr intensiv, schuf Wandbehänge, Schmuck, Taschen und vieles mehr. „Objekte“ nennt sie die Ergebnisse ihres kreativen Schaffens, die keinem Zweck unterliegen und die sie in 20 Ausstellungen einer größeren Öffentlichkeit präsentieren konnte. Symbole und Farben sind ihr wichtig. Einen Wandbehang überschreibt sie „Ouroboros“ – die Schlange, die ihren Schwanz frisst, ist das Symbol für die ewige zyklische Natur des Universums.

Die Hinwendung zur Textilkunst markierte einen Neuanfang, der einherging mit einem Ortswechsel. Mitte der 90er kehrte sie Berlin den Rücken, ließ sich auf dem Land nieder. „Mir fehlt hier nichts, ich bin jeden Tag froh, dass ich nicht in der Stadt geblieben bin“, macht sie einerseits deutlich, wie wohl sie sich in Eldingen fühlt, und stellt andererseits eine Verbindung her zu den düsteren Stadtlandschaften, die ihr Onkel auf Leinwand bannte und denen sie entflohen ist. „Beim ersten Betreten strahlte das Haus Atmosphäre aus“, schwärmt sie über die alte Eldinger Dorfschule, die seit 2003 das Zuhause ihrer Familie ist und nicht nur mit Werkstatt, Ausstellungsfläche und Laden für ihre Filzprodukte ausreichend Raum für ihr künstlerisches Schaffen bietet.

Auch das Gebäude selbst birgt Gelegenheit für das, was Stephanie Hantzko wichtig ist: „Ich brauche es bunt. Mir kommen überall Ideen.“ Bei Renovierungsarbeiten wurden Wandmalereien freigelegt. „Die haben wir nicht übergemalt, die gehören zum Haus.“ Auf dem Weg in den kleinen Garten fällt eine Fläche mit Glas- und Porzellanmosaiken ins Auge. „Das sind die Scherben von unserem Polterabend, die sollen doch Glück bringen, also haben wir eine Wand damit tapeziert“, erläutert sie nur ein Beispiel für das Haus als Projektionsfläche ihrer gestalterischen Vielfalt. Dort, wo früher gelehrt, gelernt und gelitten wurde, ist mittlerweile alles von Handarbeit, Kunst und Kreativität durchdrungen. Die Berlinerin mit Vorliebe fürs Landleben, die den Beruf der Künstlerin einst in weite Ferne rückte, sagt heute: „Kunst und Kreativität sind für mich Halt fürs Leben.“

Lebenslauf

24. Januar 1958 In Berlin geboren

1975 bis 1977 Ausbildung zur Technischen Zeichnerin

1982 bis 1991 Malerei mit Öl- und Acrylfarben, Unterricht bei Georg Kupke

1991/1993 Geburten der Töchter Annabell und Laura

1995 Übersiedlung von Berlin nach Niedersachsen

1996 Beginn der Beschäftigung mit Textilkunst (Weben und Filzen)

Anke Schlicht Autor: Anke Schlicht, am 30.12.2016 um 10:29 Uhr
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Lebenslauf

24. Januar 1958 In Berlin geboren 1975 bis 1977 Ausbildung zur Technischen Zeichnerin 1982 bis 1991 Malerei mit Öl- und Acrylfarben, Unterricht bei Georg Kupke 1991/1993 Geburten der Töchter
Annabell und Laura 1995 Übersiedlung von Berlin nach Niedersachsen 1996 Beginn der Beschäftigung mit Textilkunst (Weben und Filzen)

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