Von der spitzen Feder begeistert

Ulrich Scharf in seinem Besprechungszimmer mitBlick auf den Kirchturm vor einer Karikatur vonGerhard Haderer: „Anwälte in der Sinnkrise“. Foto: Peter Bierschwale

Nicht nur mit drögen Gesetzestexten und kniffeligen Rechtsfragen befasst sich der Celler Rechtsanwalt Ulrich Scharf. Schon vor Jahren hat er im Kreise der Kollegen den Blick für Karikaturen geschärft. Und hob mit ihrer Unterstützung den „Karikaturpreis der Deutschen Anwaltschaft“ aus der Taufe. Schon zehn Mal wurde er vergeben.

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Wenn man sich die Biografie des Celler Rechtsanwaltes Ulrich Scharf anschaut, dann enthält sie nicht die üblichen Standards eines Juristen, sondern eher ungewöhnliche Facetten und Grenzüberschreitendes. Das Leben von Ulrich Scharf zeichnet es eher aus, die gewohnten Trampelpfade zu verlassen und neue Wege zu beschreiten.

So führte er als Präsident der Rechtsanwaltskammer Celle zwei Dinge zusammen, die bisher nichts miteinander zu tun gehabt hatten: die Anwaltschaft und die Karikaturisten. Schon immer hatten Karikaturisten gerne die Anwälte in ihren Zeichnungen aufs Korn genommen. Doch Ulrich Scharf haderte nicht mit den Karikaturisten, denn er hatte schon früh mit dem Sammeln von Zeichnungen begonnen und entwickelte dann eine besondere Nähe zu Karikaturen: Seit Anfang der 70er Jahre war er Mitglied der Wilhelm Busch Gesellschaft Hannover, Trägerin eines Museums für Karikatur und Zeichenkunst, das internationalen Rang besitzt und seinen Sitz in den Herrenhäuser Gärten hat.

Bei diesen Voraussetzungen lag es dann vielleicht nahe, eine Idee zu entwickeln, die zuvor noch keinem seiner Kollegen in den Sinn gekommen war: Im Jahr 1995, als er Präsident der Rechtsanwaltskammer Celle war, schlug er seinen Kollegen auf einem Bundestag vor, einen „Karikaturpreis der Deutschen Anwaltschaft“ einzurichten. Das erzeugte zunächst „großes Erstaunen“, doch im Laufe der Jahre habe sich dann eine „einhellige Begeisterung“ entwickelt, erinnert sich Scharf.

Neben der anfänglichen Skepsis seiner Kollegen waren auch noch eine Reihe von Schwierigkeiten zu überwinden, denn für Rechtsanwälte und Ärzte galt ein allgemeines „Werbeverbot“: Die Kammern durften so einen Preis deshalb nicht direkt aus ihrem Etat finanzieren. Und dann war es natürlich anfangs schwierig, profilierte Preisträger zu gewinnen, um dem Preis ein gewisses Renommee zu verleihen. Doch im Jahr 1998 war es dann soweit: Der mit 5000 Euro dotierte Preis konnte zum ersten Mal verliehen werden.

Da er alle zwei Jahre verliehen wird, konnte 2016 der zehnte Preisträger von der Jury gekürt werden. Dieser Jury gehören neben Ulrich Scharf als Vorsitzendem auch prominenten Kunstkenner an, darunter Gisela Vetter-Liebenow, Direktorin des Hannoveraner Museums Wilhelm Busch. Durch die Zusammensetzung der Jury sei „die Qualität des Preises, der höchsten Ansprüchen genügend muss, gesichert“, betont Scharf.

Inzwischen gilt dieser Preis als einer der angesehensten europäischen Karikaturpreise, nicht zuletzt, weil es gelang, recht bekannte Karikaturisten auszuzeichnen, darunter Tomi Ungerer, Marie Marks oder Hans Traxler.

Auch für die Finanzierung wurde eine pfiffige Lösung gefunden: Jeder neue Preisträger zeichnet eine besondere Karikatur, die dann in 200 Exemplaren gedruckt wird. Die signierten Drucke können von den Teilnehmern der Hauptversammlung der Rechtsanwälte erworben werden. So hängen inzwischen in vielen Kanzleien Drucke dieser Karikaturen, auch Ulrich Scharfs Kanzlei in der Hehlentorstraße ist voll davon.

Doch bis zur Aufnahme einer Tätigkeit als Rechtsanwalt in Celle hatte sich Scharf ungewöhnlich viel Zeit gelassen: Nach der Flucht aus Königsberg wuchs er zunächst in Stade auf, dann in Nienburg, und machte hier das Abitur.

Um finanziell besser da zu stehen, betrieb er dann während seines Jurastudiums in Göttingen nebenbei eine Bar namens „Centre“. Dort wurde nicht nur Jazz gespielt, es stellten auch Künstler ihre Werke in der Bar aus. Scharf begann, sich für diese Kunst zu interessieren: „Für einen Studenten wie mich waren jedoch nur Zeichnungen bezahlbar“, erklärt Scharf. Und so begann er mit dem Sammeln von Zeichnungen.

Nach dem ersten juristischen Staatsexamen entwickelte Scharf keine besondere Eile, beruflich festen Halt zu bekommen, volontierte oder arbeitete aber immer, so dass er „keine finanziellen Sorgen“ zu haben brauchte. Einer seiner Göttinger Professoren hatte ihn für internationales Arbeitsrecht interessiert, und da er in der Schule auch Französisch gelernt hatte, „lag es nahe“, nach Frankreich zu gehen“, erinnert sich Scharf. Es ergaben sich für ihn immer wieder Gelegenheiten, nach Frankreich zu gehen: So volontierte er bei der französischen Gewerkschaft CGT.

Im Jahr 1963 ging er dann für sieben Monate als Erntehelfer nach Frankreich. Auf den Feldern des Örtchens Camembert fuhr er im Auftrag der Bauern einen Mähdrescher und kam in Kontakt zu der Bevölkerung. Er sei, vermutet Scharf, nach dem Krieg der erste Deutsche in der Gegend gewesen. In der ersten Zeit seiner Tätigkeit sei er nicht mit seinem Namen angesprochen, sondern von den Franzosen nur „der Deutsche“ genannt worden. Im Jahr darauf erhielt er ein Stipendium der Volkswagenstiftung und kehrte nach Frankreich zurück. Dort betrieb er an der Université de Paris Quellenstudium, denn seine Promotion sollte sich mit der Frage beschäftigen, wie die Rechtsgrundsätze von Frankreich und Deutschland zu vereinheitlichen seien.

Er habe schon immer gerne Anwalt werden wollen, berichtet Scharf. Während seines Referendariats am OLG Celle sei ihm zu Ohren gekommen, dass es in Celle besonders gute Anwälte gebe. Also habe er hier Kontakte geknüpft und ein Volontariat absolviert. Schließlich habe ihm Rechtsanwalt Berger angeboten, bei ihm zu arbeiten.

So wurde er 1968 in Celle als Rechtsanwalt sesshaft, und engagierte sich darüber hinaus für seinen Berufsstand als Präsident der Rechtsanwaltskammer Celle, später acht Jahre lang als Vizepräsident der Bundesrechtsanwaltskammer. Im Jahr 2004 wurde er dann als erster Deutscher zum Präsidenten der Organisation aller europäischen Rechtsanwaltskammern gewählt.

Trotz all dieser Verpflichtungen vernachlässigte er seine Liebe zu Zeichnungen nicht und arbeitete in verschiedenen Funktionen in der Wilhelm-Busch-Gesellschaft mit. Persönlich konzentrierte er sich dann auf das Sammeln von Karikaturen. Mittlerweile verfügt er über eine stattliche Sammlung und verleiht daraus Exemplare für Ausstellungen. Und mit dem von ihm erdachten „Karikaturpreis“ hat er seine Anwaltstätigkeit mit seinem Hobby glänzend verbinden können.

Lebenslauf

1938 in Königsberg geboren

1944 Flucht mit der Mutter und drei Geschwistern, der Vater war gefallen

1958 Abitur

Ab 1958 Jurastudium in Göttingen, Bonn und Paris

1970 Mitglied der Wilhelm-Busch-Gesellschaft Hannover

2004 – 2005 erster deutscher Präsident des Zusammenschlusses der europäischen Rechtsanwaltskammern

Peter Bierschwale Autor: Peter Bierschwale, am 05.01.2017 um 17:19 Uhr
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Lebenslauf

1938 in Königsberg geboren 1944 Flucht mit der Mutter und drei Geschwistern, der Vater war gefallen 1958 Abitur  Ab 1958 Jurastudium in Göttingen, Bonn und Paris 1970  Mitglied der Wilhelm-Busch-Gesellschaft Hannover 2004 – 2005 erster deutscher Präsident des Zusammenschlusses der europäischen Rechtsanwaltskammern

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