Fliegende Fäuste: Kickboxen beim MTV Eintracht Celle

Ich bin mitten im Kampf. Um mich herum fliegen Fäuste und treffen mit einem lauten Klatschen ihr Ziel. Mein Puls rast. „Komm schon“, stachelt mich mein Gegenüber an und lenkt meine Aufmerksamkeit wieder auf sich. Herausfordernd blickt Audrey Struck zwischen den beiden schwarzen Pratzen hindurch, die sie sich vor das Gesicht hält. „Na los“, fordert sie mich auf und wackelt leicht mit den zwei Polstern an ihren Händen. Ich lege die letzten Hemmungen ab und gehe hinter meinen Boxhandschuhen in Deckung. Dann lasse ich meine linke Faust vorschnellen – und schlage zu.

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CELLE. Für die Kickboxer ist dies einer von zwei wöchentlichen Trainingsabenden in der Sporthalle der Grundschule Hehlentor, ich hingegen stehe zum ersten Mal mit klobigen Boxhandschuhen an meinen Händen auf den flachen blassgrünen Matten. Meister und Trainer Metin Bagiran hat die Budokan-Abteilung des MTV Eintracht Celle 1999 ins Leben gerufen, „Budo“ steht dabei für sämtliche Kampfsportarten. Seit rund sechs Jahren ist auch Kickboxen Teil des Angebots. „Das ist ein großer Trend in Europa. Der Sport ist durch die Medien populär geworden“, erläutert Bagiran. Ihm ist es wichtig, dass bei seinem Kickboxtraining die Selbstverteidigung im Vordergrund steht und nichts mit anrüchigen Straßenkämpfen gemeinsam hat.

Ohnehin läuft alles gesittet und strukturiert ab, das 75-minütige Training folgt einem klaren Muster: aufwärmen, dehnen, an der Technik arbeiten. Bereits beim Rundlauf in der Halle schwingen die Sportler das erste Mal die Fäuste und schlagen in die Luft.

Spätestens als es zurück auf die Mattenfläche geht, gerät auch der Letzte ins Schwitzen. Jeweils zu zweit absolvieren wir Sit-Ups. Dazu lege ich mich auf den Rücken, winkle die Beine an und Hendrik Wendland setzt sich auf meine Füße. Nach einer Runde mit normalen Rumpfbeugen hält Hendrik seine mit rotem Stoff bandagieren Handflächen über meine Knie. Ich balle meine Fäuste und sobald ich meinen Oberkörper anhebe, schlage ich diagonal in Hendriks Handflächen. Links, rechts, links, rechts. „Komm, einen schaffst du noch“, feuert mich Hendrik nach unzähligen Sit-Ups an. Trotz brennender Bauchmuskeln hebe ich meinen Oberkörper ein letztes Mal an und boxe in die feuerroten Bandagen. Damit sich keiner verletzt, dehnen wir anschließend zusammen mit unseren Partnern die Beinmuskulatur.

Wahre Rocky-Gefühle kommen beim Seilspringen auf. Bei den routinierten Kickboxern sieht jeder Sprung mühelos aus: Die Sportler heben kaum die Füße vom Boden und dennoch passt das Seil durch die winzige Lücke. Ich wiederum ähnele eher einer Fünfjährigen, die sich trotz hoher Sprünge immer wieder im Seil verheddert. „Ist doch egal. Mach‘ so, wie du kannst“, gibt Hendrik mir Selbstvertrauen.

Das Techniktraining lässt die Schmach beim Seilspringen schnell vergessen. Audrey gesellt sich als neue Partnerin an meine Seite. „Die Jungs schlagen nämlich härter“, flüstert sie mir zu. Dankbar für ihre Unterstützung, begebe ich mich in Kampfstellung. Zuerst trage ich die Boxhandschuhe, die 19-Jährige die ovalen Pratzen. Trainer Metin macht die Übungen vor: Erst schlagen wir mit einer geraden Faust, genannt „Jab“. Dann folgen Aufwärtshaken zum Kinn und zur Schläfe, „Uppercut“ und „Hook“. Ich spule verschiedene Kombinationen ab, immer wieder knallen meine Fäuste in die Pratzen. Seitwärtskicks kommen dazu. Ich schlage und trete in immer schnellerer Abfolge und gerate völlig aus der Puste.

Doch selbst als es meine Aufgabe ist, für Audrey die Polster zu halten, kann ich mich nicht ausruhen. Mit aller Kraft fange ich die Schläge und Tritte der Cellerin ab – was mindestens genauso anstrengend ist. Gerade als ich an meine Belastungsgrenze stoße, beendet Metin die Stunde.

Bis vor Kurzem nahm Audrey noch Ballettunterricht, seit vier Monaten betreibt sie Kickboxen. Die Vorteile des Sports liegen für sie auf der Hand: „Man fühlt sich ausgeglichener. Und durch die Selbstverteidigungsübungen wird man selbstsicherer im Alltag.“ Auch ich fühle mich nach meiner ersten Kickboxstunde zumindest ein bisschen unbesiegbar. Eine Begegnung mit meiner Rechten wünsche ich jedenfalls niemandem.

Amelie Thiemann Autor: Amelie Thiemann, am 18.01.2017 um 15:58 Uhr
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