Mord in Klein Hehlen? "Er ist ein guter Schauspieler"

Foto: Oliver Knoblich

90 Minuten reichten am Landgericht Lüneburg nicht aus, um die zwei erwachsenen Kinder des Angeklagten zu befragen. Sie sind die Schlüsselfiguren im Mordprozess, um den Tod ihrer 63-jährigen Mutter in der gemeinsamen Wohnung rechtlich korrekt einzustufen. Laut Anklage soll der 68-Jährige seine Ehefrau am 17. August nach einem Streit aus niederen Beweggründen mit drei Messerstichen ermordet haben.

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KLEIN HEHLEN. Der 44-jährige Sohn gab einen schonungslosen Einblick in ein Familienleben, in dem Gewalt und Drohungen über Jahrzehnte den Alltag bestimmten. Sein Vater habe Verwandte tätlich angegriffen und Mitmenschen mit verbalen Hasstiraden überschüttet. „In seinem Leben bestimmte immer ein Selbstbedauern die Tagesordnung. Meine Mutter war sein persönlicher Besitz“, betonte der gelernte Polizist.

In mehr als 40 Ehejahren sei Harmonie zu einem Fremdwort verkümmert, sagte der Sohn. Lediglich die Reisen nach Spanien und Großbritannien hätten für wenige Tage die Tristesse erhellt. Der Kontakt zum Vater sei vor über zehn Jahre endgültig abgebrochen, als die Eltern vor einem Scherbenhaufen standen. Damals habe es der Angeklagte geschafft, seine Gattin aus der Klinik nach Hause zu holen, um ihre Psyche weiter zu destabilisieren.

„Er ist ein cleverer Mensch, ein guter Schauspieler“, betonte der 44-Jährige. So sei es dem Vater wenige Tage vor dem Mord gelungen, Polizei, Familiengericht und verschiedene Ärzte zu überzeugen, dass er keine Gefahr darstelle. Stattdessen habe er sich als Hilfebedürftiger präsentiert. Warum die Behörden eine derartige Fehlentscheidung trafen, wird das Schwurgericht noch weiter beschäftigen. Die Geschädigte hatte nur wenige Tage zu leben, als sie Trennungsabsichten signalisierte.

"Du kannst dich auf den Weg machen, es wissen alle Bescheid. Du hast keine Mutter mehr", habe er seiner Tochter am Telefon ausgerichtet. Daraufhin rief die 37-Jährige Polizei und Notarzt. Als sie das Elternhaus erreichte, traf sie auf ein Pulk von Einsatzfahrzeugen und brach vor ihnen zusammen. Unter dem Eindruck der dramatischen Geschehnisse fiel es der Zeugin schwer, die richtigen Worte zu finden.

Die Tochter pflegte den engsten Kontakt mit der Familie. Der Streit, der den Auszug der Ehefrau auslöste, ging nicht auf den lädierten Gummibaum zurück, sondern sei in Wirklichkeit eine brutale Würgeattacke des Gatten gewesen. Später habe der Beschuldigte sogar seine Enkelin bedroht, um ins Haus zu können. Für die Angestellte sei völlig ausgeschlossen, dass sich der Messerangriff zufällig im Gerangel ereignete.

Familienfeiern gab es in den zurückliegenden Jahren keine. Stattdessen bestimmten Schlafen, Rauchen und Lotto das Leben des Beschuldigten. In jedem Menschen habe er einen Terroristen gesehen und er sei schon ausgerastet, wenn das Telefon klingelte. In einer Woche sagen mehrere Polizeibeamte aus. Außerdem soll ein Psychiater zu Wort kommen. Anfang Februar soll das Urteil fallen.

Benjamin Reimers Autor: Benjamin Reimers, am 16.01.2017 um 17:31 Uhr
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