Älter als ein Jahrhundert

Herbert Steffan in seinem Wohnzimmer. Hier verbringt er den größten Teil des Tages, beobachtet die Vögel, liest, sieht fern. Im Sommer genießt er es, im Garten zu sitzen. Foto: Oliver Knoblich

Es ist schon ein paar Jahre her, als besorgte Nachbarn Monika Eising in Berlin informierten: „Dein Vater ist hier unermüdlich am Arbeiten“. Der umtriebige Handwerker nebenan war zu diesem Zeitpunkt bereits 90 Jahre alt. Herbert Steffan schmunzelt, als Monika Eising die Geschichte erzählt. „Heute kann ich das nicht mehr“, stellt er klar, und es klingt aus dem Mund des Mannes, der heute seinen 102. Geburtstag feiert, keineswegs wie selbstverständlich.

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Der älteste Bürger Eschedes ist ein außergewöhnlicher Gesprächspartner. Er hat Deutschland vor der Machtergreifung der Nazis erlebt, die NS-Diktatur, den Zweiten Weltkrieg als Marinesoldat, die Nachkriegszeit, das Wirtschaftswunder und alles, was folgte. „Das war eine traurige Angelegenheit, man konnte mit den Nazis nichts mehr anfangen“, antwortet er auf die Frage, wie er das Kriegsende erlebt habe. Er war damals 30 Jahre alt und glücklich, dass er überlebt hatte. „Ich habe viel Glück gehabt, dass ich so alt geworden bin“, resümiert der aus dem Ruhrgebiet stammende Jubilar.

Marine und Handwerk
aus Leidenschaft

Bei einem Besuch mit Freunden in Kiel hatte ihn die Leidenschaft für die Marine gepackt. Bei Kriegsausbruch war er auf der Unteroffiziersschule. „Ich hatte Angst, dass ich nichts mitkriege, wir dachten doch, das dauert nicht lange.“ Die Wirklichkeit sah anders aus, er wurde zum Minenspezialisten ausgebildet, verbrachte Monate am Stück auf See, seine Eltern wussten nicht, wo er sich befand, die Missionen waren geheim. „Zweimal sind wir von englischen Kreuzern versenkt worden“, erzählt er.

Etwas Gutes hatte der Umgang mit dem gefährlichen Material, gegen Kriegsende wurde er ins Marine-Sperrzeugamt Starkshorn versetzt, und hier lernte er die Frau seines Lebens kennen. „Ilse war dorthin dienstverpflichtet worden, sie war zwölf Jahre jünger als ich und stammte aus Eschede“, berichtet er. Schon 1946 wurde geheiratet. „Es war die erste Hochzeit im Ort nach Kriegsende, es war eine tolle Hochzeit, die ganze Verwandtschaft war eingeladen“, erzählt seine Tochter. „Monika, das sehe ich heute noch vor Augen, wie wir aus der Kirche kommen“, ergänzt ihr Vater.

Und dieser Satz ist für ihn gleichermaßen außergewöhnlich wie aussagekräftig. Das noch nach 70 Jahren vor dem geistigen Auge präsente Bild, als wäre es gestern gewesen, spricht für sich. Auf die Frage, wie denn seine Jugend gewesen sei, antwortet er: „Da muss ich erstmal überlegen.“ Das ist mit 102 Jahren nicht ungewöhnlich, gibt es doch so viel, auf das zurückgeblickt werden kann. Aber bei Herbert Steffan hängt es auch damit zusammen, dass er nicht so sehr in der Vergangenheit verhaftet ist. „Ich erinnere mich gerne“, sagt er, aber die Gegenwart bietet ihm auch noch etwas. „Ich habe früher nur Marschmusik gehört, jetzt liebe ich die Klassik“, schwärmt er und verweist auf eine Palette CDs.

Er lebt in seiner vertrauten Umgebung, seine Tochter mit ihrem Mann im Vorderhaus, er einige Schritte weiter in einem lichtdurchfluteten Häuschen dahinter. Dass seiner Frau Ilse nicht das gleiche Glück wie ihm beschieden war, bis ins hohe Alter gesund zu bleiben, schmerzt ihn sehr. Im September des vergangenen Jahres starb sie nach langen Jahren der Krankheit, in deren Verlauf Herbert Steffan konfrontiert wurde mit dem Alltag in Betreuungseinrichtungen. „Das Schlimmste ist es, wenn man sich damit nicht abfindet. Wenn es so wäre, müsste ich es akzeptieren“, sagt er.

Aber aktuell gibt es keinen Anlass. Der Arzt kommt zweimal pro Woche zu ihm ins Haus und achtet sehr auf die Gesundheit seines Patienten. Über die Antwort auf die Frage, warum manche Menschen 100 Jahre und älter werden, relativ gesund bleiben, ihr Rentnerdasein manchmal länger oder genauso lange andauert wie ihr Berufsleben, kann auch Herbert Steffan nur spekulieren und über sein Leben berichten. Eine Zeitlang hat er jeden Morgen draußen im Garten kalt geduscht. „Die haben alle angefangen zu frieren, wenn sie mich gesehen haben“, lacht er noch heute.

Er tat,
was ihm guttat

Seine Arbeit bei der Bundesbahn gehörte für ihn dazu, „war aber nicht mein Leben“, stellt er klar. Er fuhr bis 1977 jeden Morgen mit dem Zug von Eschede nach Hannover, lernte als Angehöriger der Abteilung für Datenverarbeitung noch die Lochkarte kennen und hat von daher einen Bezug zu Computern. „Mein Vater würde sich gerne noch mit PCs befassen, aber es geht aufgrund der Augen nicht mehr“, erzählt Tochter Monika, und ihr Vater nickt.

Er ist sein Leben lang Beschäftigungen nachgegangen, die ihm guttaten. Auf den Fahrten mit dem Zug zur Arbeit las er: „Wissenschaft, Abenteuerromane, Natur querbeet“, und an den Wochenenden wanderte er durch die Heide, fuhr Fahrrad oder durchstreifte mutterseelenallein die Wälder. „Ich hätte so gerne ein Handwerk gelernt“, berichtet er. Aber die begonnene Friseurlehre sagte ihm nicht zu, er brach ab, ging in den Bergbau und mit 20 Jahren zur Marine.

Aber im Innersten war er Handwerker. „Ich stahl Ideen mit den Augen“. Die Anregungen holte er sich für das Haus der Familie in Eschede. Hier lebte er seine Leidenschaft, die er beruflich nicht umsetzen konnte, aus. Er gestaltete das Haus nach den Wünschen und Vorstellungen seiner Frau Ilse um, liebte es, alles selber zu machen, und freut sich heute, dass Enkel Olivier einen Handwerksberuf erlernt hat. Die mittlerweile 40 und 50 Jahre alten Großkinder Olivier und Elena gehören in die Reihe der Beschäftigungen, die ihm guttaten. „Er war ein toller Opa“, betont Monika Eising.

Bis vor zwei Jahren hat er noch seine Runden gedreht, heute kann er dies nicht mehr, er geht jeden Tag einige Schritte, aber überwiegend sitzt er in seinem Sessel, an dessen linker Lehne ein Fernglas baumelt. „Ich beobachte die Vögel“, erläutert er. Sein Tag beginnt mit dem Lesen der Celleschen Zeitung mit Hilfe eines Lesegerätes, zum Essen geht er zu seiner Tochter und ihrem Mann, nachmittags hört er gerne Musik oder schaut fern: „Am liebsten Boxen und Snooker!“ Früher war er durchaus gesellig, gehörte dem Männergesangsverein an, aber „ich war auch immer gerne alleine“, sagt er. Auf die Frage, mit welchen Gefühlen er seinem 102. Geburtstag entgegensehe, antwortet der Jubilar: „Ich nehme das gelassen hin.“

Lebenslauf

20. Januar 1915 in Gladbeck geboren

1935 bis 1945 Marinesoldat

1946 seine Frau Ilse geheiratet

1947 Tochter Monika geboren

1950 von Eschede zurück ins Ruhrgebiet, Beginn seiner Arbeit bei der Deutschen Bundesbahn

1963 Rückkehr nach Eschede

1977 Pensionierung

Anke Schlicht Autor: Anke Schlicht, am 25.01.2017 um 16:22 Uhr
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Lebenslauf

20. Januar 1915 in Gladbeck geboren 1935 bis 1945 Marinesoldat 1946 seine Frau Ilse geheiratet 1947 Tochter Monika geboren 1950 von Eschede zurück ins Ruhrgebiet, Beginn seiner Arbeit bei
der Deutschen Bundesbahn 1963 Rückkehr nach Eschede 1977 Pensionierung

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