Das Musische ist ihre Leidenschaft

Ballettlehrerin Ilona Harf spielt in ihrem Haus in Boye täglich mindestens 30 Minuten am Flügel. Foto: Oliver Knoblich

Leidenschaftliche Begeisterung, märchenhafte Sehnsucht, sinnliche Hingabe, stilles Verharren – Worte, die die bewegende Welt des Tanzes nur lustvoll umschreiben können. Ballett ist die Kunst, eine Geschichte statt mit Worten mit Musik und Tanz zu erzählen. Und Ilona Harf, Leiterin der kreativen Ballettschule in Celle, ist eine leidenschaftliche Anhängerin dieser musikalisch-tänzerischen Erzählkunst.

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Das Musische muss sie wohl von ihrer Mutter geerbt haben. Diese sei ungemein tanzbegabt gewesen, erzählt Ilona Harf mit leuchtenden Augen. Und sie habe quasi den Lebenstraum ihrer Mutter verwirklicht, ergänzt sie mit einer Mimik, aus der man unschwer Stolz und Dankbarkeit ablesen kann. Die Freude am Tanzen sei im heimischen Karnevalsverein geweckt worden, dessen Tanztruppe sie bis zu ihrem 18. Lebensjahr angehörte, wobei sie zwischen Radschlagen und Spagat auch schon ihre zunehmende Leidenschaft für tänzerischen Ausdruck und choreografische Raffinessen entdeckt habe.

Dass aber wie so oft im Leben aller Anfang schwer ist, musste sie bereits als Achtjährige am eigenen Körper erfahren, als sie im heimischen Hausflur mit ihrer „etwas fülligeren“ Cousine einen „Pas de deux“ einstudieren wollte. Mangels konkreter „Regieanweisungen“ wusste die Cousine wohl nicht so recht, was sie tun sollte, und trat daher einen Schritt zur Seite, statt die auf sie zutanzende Ilona graziös aufzufangen. Die Folge: Ilona Harf – das ungläubig erstaunte Gesicht ihrer Cousine heute immer noch vor ihrem inneren Auge sehend – fiel auf die Nase und verlor dabei auch noch einen Schneidezahn.

Mit 22 Jahren wurde sie vom Jazzdance infiziert („Ich wollte – nein – ich musste tanzen!“), nicht wettkampfmäßig, sondern einfach nur sportlich „just for fun“. Sie wollte aber nicht nur „immer noch etwas mehr Bewegung“, als sie ohnehin schon hatte, erzählt sie, sondern auch immer wieder dazulernen, „den Kopf füllen“ mit Vokabular und Terminologie. Schließlich begann sie bei Yener Durukan an der Berufsfachschule für Bühnentanz in Hannover mit dem professionellen Ballettunterricht.

Von seinen Trainingsmethoden ist auch Ilona Harfs Klassik-Unterricht stark geprägt: Die Vorzüge der russischen, französischen und englischen Schule werden dabei bewusst genutzt. Balance, Gefühl für eine ästhetische Körperlinie, Reaktionsvermögen, Geduld und Zuversicht in das eigene Können tragen mit jedem Training intensiver zur tänzerischen Persönlichkeitsbildung bei. Zwischenzeitliche Weiterbildungen auch an verschiedenen Bühnen und damit verbundene Begegnungen und Erfahrungen steigerten in ihr kontinuierlich die Lust, sich mit der Sprache des Tanzes nicht nur in der Theorie, sondern auch und vor allem in der Praxis zu beschäftigen. Eine TV-Sendung über Barocktanz in Berlin wurde schließlich zum Auslöser für ihre Barock-Affinität. An der Akademie für Alte Musik in Bremen nahm sie 1991 folgerichtig das Studium „Barocktanz“ auf.

Dass Ilona Harf in jener Zeit über die Gründung einer eigenen Ballettschule nachdachte, war das Ergebnis gründlicher Überlegungen und Abwägungen. Und einer fachkundigen Empfehlung. Monika Brendel, die langjährige Leiterin der Musikschule Berlin-Charlottenburg, hatte ihr ins Gewissen geredet: „Es werden händeringend Lehrkräfte für den Barocktanz gesucht.“ Allerdings habe sie im gleichen Atemzug aus eigener Erfahrung auch von einer Anstellung etwa an einer Musikschule abgeraten: „Der große Saal ist fast immer von den Musikern besetzt. Mach lieber deine eigene Schule auf.“ Das war der letztlich entscheidende Ratschlag für Ilona Harf. So entschloss sie sich schließlich 1996 zur Eröffnung „ihrer“ kreativen Ballettschule in Celle.

Celle deshalb, „weil das Schlosstheater-Publikum einfach besser dazu passte als das Publikum in Hannover“. Und weil die ihr angebotene Unterstützung und das spürbare Wohlwollen ihre Unsicherheit und ihre Zweifel beiseiteschoben. Auch wenn sich eine damalige CZ-Redakteurin noch skeptisch gezeigt habe („Dieses Gehüpfe gehört nicht auf die Kulturseite“), so überwog doch die Ermunterung: „Bei den Cellern dauert das immer etwas, aber dann rennen sie Ihnen die Bude ein.“ So kam es dann auch. Durch vorangegangene Ballettstunden- und Workshop-Angebote in der Region hatte sie sich bereits einen kleinen Kundenkreis aufgebaut, den sie durch die räumlichen Möglichkeiten in ihrer Schule nun kontinuierlich erweitern konnte. In Spitzenzeiten zählte sie bis zu 120 Eleven und dazu auch immer mehr erwachsene Tanzbegeisterte, mit denen sie nach und nach ihre Träume und Visionen wie „Tanz im Schloss“, „Ballet de cour“, Märchenballett und „ExCellentes Barocktheater“ realisieren konnte.

Das fast schon vergessene Barocktheater aus der Gründungszeit des Celler Schlosstheaters, als man sich noch charmant umgarnte und becircte, statt mit plumper Anmache sein Glück zu (ver)suchen. Als man sich noch mit gegenseitigem Respekt „ihrzte“ statt zwischen „siezen“ und „duzen“ zu wählen. Als nahezu jede zwischenmenschliche Begegnung einem Zeremoniell gleichkam. Ilona Harf hatte damit ein weiteres ihrer träumerischen Ziele erreicht, als die in buchstäblich bunter Folge auftretenden Akteure aus den Bereichen Musik, Sprechtheater und Ballett jeder für sich für Minuten der Wonne in den Gefilden emotionaler Gänsehautbereiche sorgte. Bei den Tänzen sorgten die Körper mit ihrem ausdrucksbetonten Vokabular aus Eleganz und Noblesse als Medium der Sinnlichkeit ebenso für Faszination wie die musikalischen Bilder, in denen beseelte Stimmen bei den Arien von Vivaldi und Händel reinste Tonschönheit aufknospen und in schwelgerischem Legato zu den Spitzentönen gleiten ließen. Das gleiche Glücksgefühl durchströmte sie bei ihrem ersten „Ballet de cour“ im Schlosstheater, einer traumhaft realisierten Verbindung von Musik, Tanz und Poesie. Und natürlich bei ihren herzberührenden Benefiz-Märchenballetts in der Congress Union.

Ilona Harf schreibt nicht nur die Drehbücher für ihre Ballettaufführungen, sie wählt auch die hinsichtlich Tempi und Dramaturgie geeignete Musik dafür selbst aus. Klassische Märchenanmutung und moderne Elemente, Fantasie- und Erfahrungswelt lassen sich in der tänzerischen Umsetzung bestens verbinden, schwärmt Harf. Im Gespräch beeindruckt ihre offenherzige und begeisterungsfähige Art, aber auch ihre zielgerichtete Konzentration und Ernsthaftigkeit. Aus ihren Antworten erfährt man, wie sie in der nur scheinbar sprachlosen Kunst des Balletts mittels Körpersprache ungemein aussagekräftige Situationen schafft, wenn sie fantastische Geschichten mit emotionalen Bewegungen verknüpft. Nicht artistisch als Leistungssport, sondern als Fähigkeit, Inneres sichtbar zu machen. Ihre Choreografie ist Komposition mit dem Körper: Melodiesuche, Gleichklang, Dissonanz. Schwingende, springende und sich drehende Poesie.

Wenn sie ein neues Stück entwirft, nimmt sie sich Zeit. Für die Geschichte selbst, für die Auswahl der Musik, für die Kostüme, für bestimmte Bilder in ihrem Kopf, die heranreifen müssen. Sie nimmt sich aber auch Zeit für die Muße, wenn es sein muss, damit die Beschäftigung mit dem Stück zwischendurch auch mal ruhen und atmen kann wie ein guter Wein. Am liebsten daheim im eigenen Garten, wo sie inmitten der Natur zwischen Fröschen, Eichhörnchen und Rotkehlchen wieder zu sich selbst findet.

Lebenslauf

1956 geboren in Hamm

1965 bis 73 Schulbesuch in Hessisch Oldendorf

1973 Beginn Ausbildung zur Erzieherin

1974 Erste Heirat

1981 und 1983 Geburt der Söhne

1985 Beginn des Ballettunterrichts an der Berufsfachschule für Bühnentanz in Hannover

1993 Scheidung

1998 Einrichtung der Benefizreihe „Künstler für Kinder“

2004 Zweite Heirat

Rolf-Dieter Diehl Autor: Rolf-Dieter Diehl, am 25.01.2017 um 16:26 Uhr
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Lebenslauf

1956 geboren in Hamm 1965 bis 73 Schulbesuch in Hessisch Oldendorf 1973 Beginn Ausbildung zur Erzieherin 1974 Erste Heirat 1981 und 1983 Geburt der Söhne 1985 Beginn des Ballettunterrichts
an der Berufsfachschule für Bühnentanz in Hannover 1993 Scheidung 1998 Einrichtung der Benefizreihe „Künstler für Kinder“ 2004 Zweite Heirat

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