Biber erobert Celler Aller

Als Harald Müller den fachmännisch gefällten Baum am Allerufer fand, war ihm sofort klar: Hier war ein Biber am Werk. Foto: Patrick Pleul

Er baut sich die Welt, wie sie ihm gefällt – und er ist wieder da: Der in Celle 100 Jahre lang ausgestorbene Biber paddelt durch die Aller. Harald Müller ist auf ihn gestoßen, als er jetzt in der Flussniederung nahe der Altenceller Gertrudenkirche unterwegs war. „Ich ging mit meiner Frau und ihren Eltern an der Aller spazieren, als ich die Fraßspuren sah – da war mir gleich klar: Das kann nur ein Biber gewesen sein.“ Als Forstwirt und Jäger kennt sich Müller mit der heimischen Fauna aus.

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ALTENCELLE. An einer Stelle hat der Biber eine knapp 30 Zentimeter dicke Espe gefällt. Übrig ist nur der wie ein Bleistift angespitzte Stumpf. Vom Baum, der direkt ins Wasser fiel, fehlt jede Spur. Vermutlich wird man die angenagten Reste irgendwann angeschwemmt am Celler Mühlenwehr finden. Müller ahnt, was kommt, wenn der Biber sich hier häuslich einrichtet: „Ich habe kürzlich einen Freund im Odenwald besucht, der am Neckar wohnt, in dem es jetzt auch wieder Biber gibt. Da stand am Ufer kein einziger Baum mehr.“ Auch dort galt der Biber lange als ausgestorben. Heute sorgt er für Ufer-Kahlschläge und Überflutungen.

Der Ausdruck „ausgestorben“ ist in Bezug auf den Biber nicht ganz richtig. Beim Verschwinden des Groß-Nagers hatte der Mensch tüchtig nachgeholfen. Durch gedankenlose Lebensraumvernichtung oder ganz individuell und im wahrsten Sinne gezielt wie etwa Heinrich Vieth, der am 24. Mai 1917 nahe Altencelle den seinerzeit letzten Celler Biber geschossen hatte. Ein Gedenkstein im Wald erinnert heute daran. Der erlegte Biber wurde ausgestopft und im Provinzialmuseum in Hannover ausgestellt. Vieth wurde zu einer Strafe von 15 Mark verurteilt –­ der Schuss war während der Schonzeit gefallen.

Heute ist „Castor fiber“, so sein wissenschaftlicher Name, strengstens geschützt. Niemand stellt ihm nach. „Da der Biber heute schon wieder in der Oker und der Örtze anzutreffen ist, war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, wann er in der Celler Aller auftaucht. Ich hatte schon darauf gewartet“, sagt Anke Willharms, die für die Aktion Fischotterschutz als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Allerprojekt Expertin für Biber ist. Das vom Bundesamt für Naturschutz und der Volkswagen AG geförderte Allerprojekt soll erreichen, dass das Einzugsgebiet des Flusses zukünftig wieder ein Netz aus naturnahen Gewässern und Auen die Landschaft verbindet, um die biologische Vielfalt zu entwickeln und zu bewahren. Viele Tierarten, darunter auch der Fischotter, sollen sich wieder ungehindert ausbreiten können.

Der Biber profitiert offenkundig von den Bestrebungen. Er besiedelt Gewässer aller Art, vom Strom bis hin zum Entwässerungsgraben, vom Weiher bis hin zum See. Dabei zeigt er sich sehr anpassungsfähig und siedelt sich auch an außergewöhnlichen Plätzen an, etwa inmitten von Ortschaften oder direkt an Autobahnen. Da dürfte sich der dickfellige Biber auch kaum daran stören, wenn eines Tages die B3-Ostumgehung bei Altencelle die Aller kreuzen sollte.

Die ausgewachsen knapp 20 Kilo schweren Vegetarier gestalten die Landschaft durch Staus von Gewässern selbst nach ihren Bedürfnissen. Doch Biberdämme und überirdische Biberburgen seien nicht selbstverständlich, erläutert Willharms: „An tieferen Gewässern mit hohen Uferböschungen wie an der Aller können die Biber ihre Wohn-, Spiel- und Fluchtröhren in die Böschungen graben. Dabei bleiben die Eingänge immer rund 60 Zentimeter tief versteckt unterhalb der Wasserlinie, so dass sie nur tauchend erreicht werden können. Häufig bemerkt man den Lebensraum von Bibern deshalb auch erst, wenn die Röhren etwa unter der Last von schweren Maschinen einbrechen.“

Was wäre zum Beispiel, wenn es einem Biber einfiele, die Lachte aufzustauen? Wenn Wiesen überflutet würden und Paddler nicht mehr durchkämen? Was wäre, wenn der tierische Baumeister den menschlichen Planern, die exakt abgezirkelte potenzielle Überschwemmungsgebiete ausgerechnet und festgelegt haben, ins Handwerk pfuschte? Würde es dann „Problem-Biber“ geben, denen man doch wieder mit der Methode Vieth zu Leibe rücken dürfte? So weit ist es in Celle noch nicht. Willharms hofft, dass der Biber in Celle heimisch wird: „Wenn die Zeit gekommen ist, wird es spannend.“

Michael Ende Autor: Michael Ende, am 27.01.2017 um 17:54 Uhr
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Ostumgehung nimmt auf Biber Rücksicht

Dass eines Tages der Biber auftauchen würde, damit hat Bernd-Wilhelm Winkelmann, der bei der Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr das Projekt Ortsumgehung Celle leitet, schon gerechnet. „Wir hatten den Biber natürlich auf dem Zettel“, sagt Winkelmann auf CZ-Nachfrage: „Wir haben den Biber vorausschauend in unseren Planungen berücksichtigt – sowohl im Rahmen der FFH-Thematik als auch im speziellen Artenschutz. Da unsere Trasse ottersicher ist, ist sie auch bibersicher.“ Es sei gewährleistet, dass der Biber auf der zukünftigen Straße nicht unter die Räder kommen könne. „Da das geplante Brückenbauwerk eine viel größere Spannweite als die schon bestehende Allerbrücke haben soll, wird auch der Biber links und rechts des Ufers noch erheblich mehr Platz bekommen“, sagt Winkelmann.

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