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Seziert bis auf die Haut - Der Porträtist Otto Dix

Otto Dix, Bildnis des Dr. Heinrich Stadelmann, 1922. Foto: Federico Gambarini Foto: Federico Gambarini

Düsseldorf (dpa) - Zombiehaft glühende Augen, leerer Blick, grünliche Gesichtsfarbe, tiefen Falten, krallenartige Hände - möchte man so von einem Maler porträtiert werden? Ja, von Otto Dix wollten in den 1920er Jahren viele Menschen - ob Ärzte, Gewerkschafter, Künstler oder Unternehmer - gemalt werden.

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Dabei wusste jeder, was ihm blühte, wenn der Maler «mit dem bösen Blick» sich ans Werk machte. Man kann sich kaum vorstellen, dass der Psychiater und Hypnotiseur Heinrich Stadelmann 1920 mit seinem Porträt zufrieden war, das ihn als Untoten mit rot-gelb hervortretenden Augen und kränklich-grünem Gesicht zeigt.

In Dresden lief das Geschäft für den Kriegsheimkehrer und Bürgerschreck Dix (1891-1969) mit seinen skandalösen Bildern nicht gerade gut. Doch als er sich im Herbst 1922 mittellos nach Düsseldorf begab und dort zunächst von der berühmten Kunsthändlerin Johanna Ey unter die Fittiche genommen wurde, begann seine Erfolgssträhne.

Dix' künstlerisch und privat prägende Jahre in der freizügigen Kunstszene am Rhein sind Dreh- und Angelpunkt der großen Ausstellung «Otto Dix. Der böse Blick» (11.2.-14.5.) in der Düsseldorfer Kunstsammlung NRW. Die umfangreiche Präsentation mit mehr als 230 Gemälden, Aquarellen und Radierungen reiht sich in eine Serie von bundesweiten Ausstellungen zum 125. Geburtstag des Malers ein.

«Es war schick, sich von Dix porträtieren und von seinem bösen Blick bis auf die Haut sezieren zu lassen», sagt Kuratorin Susanne Meyer-Büser. Die skandalumwitterte Erotiktänzern Anita Berber etwa stand Dix Modell - er zeigt die damals 26-Jährige in grellem Rot als spitznasige, ältliche Frau. Wenig später starb Berber. Das Porträt ist heute eine Ikone der Dix-Porträts ebenso wie das imposante Bildnis seiner Gönnerin Mutter Ey in Königspose und mit kreisrunder Brille.

In Dix' karikaturhaften Porträts spiegeln sich die Ängste, das Elend und die Sprachlosigkeit der Gesellschaft nach den Menschenschlachten des Ersten Weltkriegs wider. In Düsseldorf entstand auch sein berühmter Radier-Zyklus «Der Krieg» mit Ansichten des grausamen Kriegsgemetzels. Der Zyklus wird in einem zweiten Saal gezeigt, dessen Ausstellungsarchitektur einem Schützengraben nachempfunden ist.

In Düsseldorf fand Dix aber auch seine große Liebe Martha, die er seinem ersten Auftraggeber, dem Urologen Hans Koch, ausspannte. Martha verließ ihre beiden Kinder und stürzte sich mit dem Dandy aus Dresden in die feier- und tanzwütige Kunstszene.

Dix liebte Kinder. Für seine Stieftochter Hana malte der zynische Gesellschaftsporträtist kurz nach seinem bedrückenden Kriegszyklus 14 farbenprächtige Aquarelle. Manchmal niedlich, aber auch drastisch geht es da zu, etwa wenn David Goliath massakriert oder die «Sieben Todsünden» als monsterhafte Kopffüßler mit doch liebenswerten Blicken durchs Bild wandern. Das «Bilderbuch für Hana» war erst 2016 wiederentdeckt worden und wird erstmals im Museum gezeigt.

Auf der anderen Seite stehen Dix' klischeehafte Aquarelle mit Bordellszenen oder sadistischen Sex-Träumen. Die Bilder schenkte Dix gern seiner «Mutzli», ein «Lustmord»-Gemälde hing zum Schrecken der Gäste im Esszimmer. Allein in seiner Düsseldorfer Zeit schuf der enorm produktive Dix über 400 Wasserfarbenblätter, Momentaufnahmen der Gesellschaft mit Huren, Matrosen, Artisten, Witwen oder Dienstbotinnen.

In seiner Porträtmalerei entwickelte sich Dix in Düsseldorf weg vom wilden Dadaismus und Expressionismus hin zur Neuen Sachlichkeit. Sein Stil gipfelte in altmeisterhaften Porträts. 1932 malte er so den Schauspieler Heinrich George, Vater von Götz George. Auch sich selbst porträtierte Dix immer wieder als Dandy mit finster-drohendem Blick.

Dorothea Hülsmeier, dpa Autor: Dorothea Hülsmeier, dpa, am 09.02.2017 um 13:04 Uhr
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