Kindermord im Celler Land

Eine Gedenkplatte erinnert seit 2000 auf dem Nienhäger Friedhof an das Leid der „Kinder von Papenhorst“, die hier begraben worden sind. Foto: Martina Hancke

Ein Vortragsabend der Gemeinde Nienhagen mit Andreas Babel und Pastor Uwe Schmidt-Seffers zu Kindertötungen beginnt am Donnerstag, 9. März, 19 Uhr, im dortigen Rathaus an der Dorfstraße. Anmeldungen per E-Mail an makel-nienhagen@jdmn.de oder unter (05144) 49191. Jennifer Aßmus (Cello) und Jeffrey Ji Peng (Klavier) begleiten den Abend musikalisch. Der Eintritt ist frei.

NIENHAGEN. „Am besten stellen Sie das Kinderbett vor das offene Fenster – dann sind Sie das Übel los!“ Diese menschenverachtenden, herzlosen Worte richtete die Celler Kinderärztin Dr. Helene Darges-Sonnemann im Jahr 1960 an eine damals 30-jährige Mutter. Die Wathlingerin hatte ihren gut einjährigen Sohn bei der Leiterin der Celler Kinderklinik vorgestellt, weil das Kind krank geworden war. „Wir, mein Mann und ich, waren ziemlich konfus und so perplex wegen der Worte dieser Ärztin“, sagt die Wathlingerin heute.

Die Medizinerin, die während des Zweiten Weltkriegs in einem Hamburger Kinderkrankenhaus als dortige stellvertretende Leiterin mindestens zwölf behinderte Kinder eigenhändig umgebracht hatte, behielt ihre Sicht über den Wert des Menschen offenbar bis an das Ende ihrer beruflichen Laufbahn im Jahr 1976 bei.

Die heute 86-Jährige hat mit ihrem Sohn Thomas so einiges Negatives erlebt. Heute würde man von Mobbing sprechen. Er wurde in der Schule gehänselt, von jungen Frauen ausgelacht, als er ein Teenager war. Sie selbst wurde als Rabenmutter hingestellt, nur weil sie im Rathaus nach der Möglichkeit einer finanziellen Unterstützung fragte, als ihr Sohn arbeitslos war. Erst als ihr stets etwas langsamerer Sohn bei der Lebenshilfe zu arbeiten begann, war sein Leidensweg zu Ende. Hier im vertrauten Umfeld fühlt er sich wohl, hier beschäftigt er sich mit Dingen, die ihm Spaß machen. Mutter und Sohn wohnen noch heute unter einem Dach in Wathlingen. Das Fenster hat die Mutter selbstverständlich immer gut geschlossen, ihren Thomas hat sie stets behütet.

Das hätten die Frauen aus Polen und Russland, die Ende des Zweiten Weltkrieges in der Fremde ein Kind in ihrem Leib trugen, auch gerne getan – ihre Kinder beschützt. Das war den Zwangsarbeiterinnen aus dem Osten Europas aber nicht vergönnt, als sie zwischen 1943 und 1945 auf Bauernhöfen im südlichen Landkreis Celle arbeiten mussten. Ihre Kinder mussten sie in dem so genannten „Kinderlager“ oder „Polenlager“ in Papenhorst zur Welt bringen. Nach wenigen Tagen mussten sie ihre Arbeit wieder antreten. Die Frauen wurden von weiter entfernten Höfen nach Papenhorst „gekarrt“, damit sie möglichst nicht auf die Idee kamen, ihre Säuglinge zu besuchen. 28 dieser Kinder liegen heute auf dem Nienhäger Friedhof begraben, 22 Grabsteine liegen in Reih und Glied hinter einer im Jahr 2000 aufgestellten Gedenktafel.

„Sie waren in einem Haus untergebracht, in dem es nur einen Ofen gab und man wollte offenbar, dass sie sterben“, sagt Eckhard Adolph. Der heute 79-jährige Pädagoge war Schulleiter in Nienhagen und in Wathlingen. Sein Vor-Vorgänger an der Grundschule Nienhagen, Willi Lochte, zeigte ihm bei seinem Amtsantritt 1972 auch die Kindergräber. Er übertrug ihm die Aufgabe, die Geschichte des Kinderlagers zu erforschen. „Ich habe mir damals Papenhorst vorgenommen und bin von einem Bauern zum anderen gezogen. Es brauchte sehr lange, bis die Gespräche in Gang kamen“, sagt Adolph. Dann fingen die alten Herrn aber doch an zu erzählen. Und die Großeltern seiner damaligen Schüler trugen ebenfalls zu dem runden Bild der Vergangenheit bei. Die Kinder befragten sie in einem Projekt zu der NS-Zeit. Doch gerne sprach niemand darüber.

Adolph fand auch eine Frau, die schräg gegenüber dem Kinderlager wohnte und heimlich Ess- und Anziehsachen dorthin brachte, „Sie durfte von den anderen Einwohnern nicht gesehen werden“, habe sie ihm erzählt. Trotzdem seien die meisten Kinder wohl verhungert. „Man konnte die Kinder natürlich auch ans offene Fenster stellen“, sagt Adolph. Die Fenster hätten meist geöffnet sein müssen, weil sich in dem feuchten Haus sonst Schimmel gebildet hätte.

Meinung

Vor der eigenen Tür

Am Donnerstagabend haben Interessierte eine gute Gelegenheit, sich mit der Vergangenheit einer bäuerlichen Region auseinanderzusetzen. Dann geht es im Nienhäger Rathaus darum, wie die Nationalsozialisten mit den Schwächsten der Schwachen umgegangen sind, nämlich mit kleinen Kindern, dann bietet dieses Thema die Gelegenheit, die jüngere deutsche Geschichte in der Heimat nachzuvollziehen. Denn nicht nur im fernen Hamburg wurden mitten unter uns bis 1945 Kinder systematisch ermordet, nur weil sie eine Behinderung hatten, sondern auch im heimischen Südkreis gab es eine Tötungs-Einrichtung. In Papenhorst sind Säuglinge von Zwangsarbeiterinnen geboren worden um zu sterben. In ganz Deutschland gab es solche Mordstätten. Die Zwangsarbeiterinnen, die ihre Kinder hergeben mussten, arbeiteten während des Krieges auf Bauernhöfen. Dort wird es in der Regel nicht verborgen geblieben sein, dass die Frauen schwanger waren. Und dass sie einige Zeit fort waren und bald ohne Kinder zurückkamen, haben die Menschen auf diesen Höfen auch mitbekommen. Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass der eine oder andere Einheimische der Erzeuger eines dieser getöteten Kinder war. Doch die ohnehin schweigsamen Heidjer schwiegen zu alledem. Wer Schuld auf sich lädt, aber nie mit jemandem darüber spricht, dessen weiteres Leben kann nicht frei von Traumata sein. Er gibt Verhaltensweisen und Einstellungen weiter an die nächste Generationen. In so mancher Familie schlummern dunkle Geheimnisse. Wer sich verschiedene merkwürdige Verhaltensmuster in seiner Familie nicht erklären kann, wer Menschen auf alten Familienfotos sieht, die er nicht kennt, der sollte die Zeitzeugen fragen, die die Kriegszeit noch erlebt haben. Wenn man sich damit beschäftigt, gibt es eine Möglichkeit für einen Heilungsprozess. Genau das hat der ehemalige Schulleiter Eckhard Adolph vor einigen Jahrzehnten getan. Er hat bei denen, die es eigentlich wissen mussten, nachgefragt. Aus all den Erzählungen kristallisierte sich für ihn heraus, dass viele von dem Kinderlager in Papenhorst wussten, doch nie oder selten darüber redeten. Er hat seine Schüler mit in sein Projekt einbezogen, hat sie ihre Großeltern befragen lassen. So entstand ein Generationen-Dialog. Kein Geschichtsunterricht ist besser als die Beschäftigung mit den Geschehnissen vor der eigenen Tür. Heutige Lehrer sollten Adolph nacheifern. Wenn auch die meisten Zeitzeugen gestorben sind, so gibt es noch schriftliche Quellen wie Briefe und Akten in Archiven. Vor der eigenen Tür gibt es noch genügend aufzudecken – es lohnt sich in jedem noch so kleinen Ort!

Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 03.03.2017 um 13:38 Uhr
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Meinung

Vor der eigenen Tür

Am Donnerstagabend haben Interessierte eine gute Gelegenheit, sich mit der Vergangenheit einer bäuerlichen Region auseinanderzusetzen. Dann geht es im Nienhäger Rathaus darum, wie die Nationalsozialisten mit den Schwächsten der Schwachen umgegangen sind, nämlich mit kleinen Kindern, dann bietet dieses Thema die Gelegenheit, die jüngere deutsche Geschichte in der Heimat nachzuvollziehen. Denn nicht nur im fernen Hamburg wurden mitten unter uns bis 1945 Kinder systematisch ermordet, nur weil sie eine Behinderung hatten, sondern auch im heimischen Südkreis gab es eine Tötungs-Einrichtung. In Papenhorst sind Säuglinge von Zwangsarbeiterinnen geboren worden um zu sterben. In ganz Deutschland gab es solche Mordstätten. Die Zwangsarbeiterinnen, die ihre Kinder hergeben mussten, arbeiteten während des Krieges auf Bauernhöfen. Dort wird es in der Regel nicht verborgen geblieben sein, dass die Frauen schwanger waren. Und dass sie einige Zeit fort waren und bald ohne Kinder zurückkamen, haben die Menschen auf diesen Höfen auch mitbekommen. Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass der eine oder andere Einheimische der Erzeuger eines dieser getöteten Kinder war. Doch die ohnehin schweigsamen Heidjer schwiegen zu alledem. Wer Schuld auf sich lädt, aber nie mit jemandem darüber spricht, dessen weiteres Leben kann nicht frei von Traumata sein. Er gibt Verhaltensweisen und Einstellungen weiter an die nächste Generationen. In so mancher Familie schlummern dunkle Geheimnisse. Wer sich verschiedene merkwürdige Verhaltensmuster in seiner Familie nicht erklären kann, wer Menschen auf alten Familienfotos sieht, die er nicht kennt, der sollte die Zeitzeugen fragen, die die Kriegszeit noch erlebt haben. Wenn man sich damit beschäftigt, gibt es eine Möglichkeit für einen Heilungsprozess. Genau das hat der ehemalige Schulleiter Eckhard Adolph vor einigen Jahrzehnten getan. Er hat bei denen, die es eigentlich wissen mussten, nachgefragt. Aus all den Erzählungen kristallisierte sich für ihn heraus, dass viele von dem Kinderlager in Papenhorst wussten, doch nie oder selten darüber redeten. Er hat seine Schüler mit in sein Projekt einbezogen, hat sie ihre Großeltern befragen lassen. So entstand ein Generationen-Dialog. Kein Geschichtsunterricht ist besser als die Beschäftigung mit den Geschehnissen vor der eigenen Tür. Heutige Lehrer sollten Adolph nacheifern. Wenn auch die meisten Zeitzeugen gestorben sind, so gibt es noch schriftliche Quellen wie Briefe und Akten in Archiven. Vor der eigenen Tür gibt es noch genügend aufzudecken – es lohnt sich in jedem noch so kleinen Ort! Andreas Babel

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