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Der Kesselhaken war einst mehr als nur ein Küchenhilfsgerät

In der alten Bauerndiele im Celler Bomann-Museum hängt der Kochkessel am Rauchfang an einem Kesselhaken. Mit den Zacken konnte die Höhe über der Feuerstelle variiert werden.

Die Cellesche Zeitung startet heute eine Serie zum 125. Geburtstag des Bomann-Museums. In den nächsten Wochen werden einige Gegenstände aus dem Bestand vorgestellt, die beim Museumsbesuch vielleicht nicht sofort ins Auge fallen.

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CELLE. Als die Stadt Celle im Jahr 1892 ihr 600-jähriges Bestehen feierte, erinnerten sich die Bürger voller Stolz der Geschichte ihrer Heimatstadt. Aus diesem Selbstwertgefühl reifte der Gedanke, eine Stätte zu schaffen, in der die verstreuten Zeugnisse heimatlicher Geschichte und Kultur gesammelt und sorgfältig aufbewahrt werden sollten. Und schon während der Vorbereitungen zur Jahrhundertfeier wurde ein Museumsverein gegründet, „um vom Alten zu retten und zu sammeln, was der Erinnerung und der Aufbewahrung würdig scheint“, wie der damals 44-jährige Wilhelm Bomann, Spross einer alteingesessenen Celler Fabrikantenfamilie und antreibender Initiator dieser Idee, verkündete. Und sogleich ließ man diesen Worten Taten folgen.

In unerwarteter Fülle wurden in kürzester Zeit wertvolle Gegenstände und ganze Sammlungen herbeigeschafft, so dass die von der Stadt zunächst zur Verfügung gestellten Räume in der ehemaligen Bürgerschule in der Bergstraße bald aus allen Nähten platzten. So fasste der bis dahin schon mehr als 400 Mitglieder zählende Museumsverein im Oktober 1903 den aus damaliger Sicht kühnen Plan, direkt gegenüber dem Schloss, an der repräsentativsten Stelle der Stadt, ein eigenes, und zwar „ein stattliches Heim“ zu errichten. Die Außenansicht des Museums vereint noch heute nahezu alle in Celle vertretenen Baustile in sich. „Malerischer Späthistorismus“ nannte man die märchenhaft anmutende Architektur des Museumsgebäudes, das am 24. April 1907 feierlich eröffnet wurde.

Der Museumsverein fuhr danach eifrig fort, Sammelwürdiges und Erhaltenswertes zusammenzutragen, denn die 19 Räume des neuen Hauses boten nun reichlich Platz. Wilhelm Bomann selbst sammelte auf den Bauernhöfen alles landwirtschaftliche Gerät, das bei der zunehmenden Technisierung und Modernisierung entbehrlich war und letztlich wohl „in leeren Schuppen oder im hintersten Winkel der Scheune oder gar beim Schrotthändler gelandet und irgendwann vergessen“ worden wäre. Manche Celler brachten ihre veralteten und nicht mehr benötigten Handwerks- und Haushaltsgeräte sogar persönlich in „ihr Museum“, wenn diese Utensilien und Erbstücke quasi ausgedient hatten.

So wie die Kesselhaken, die über der Herdstelle des Fletts des historischen niederdeutschen Bauernhauses zu sehen sind, dem Mittel- und „Brennpunkt“ des Hauses, in dem sich unter demselben Dach ursprünglich auch die Wohn- und Schlafräume sowie Vorratskammer und Stallungen befanden. Vor allem in der Lüneburger Heide galt der Herd mit dem Kesselhaken von alters her als „des Hauses heilige Stelle“, als der Kern des Hofes: Allein von hier ging Wärme aus. Hier war Licht. Hier wurde gekocht und gebraten.

Mit Hilfe des Kesselhakens wurde der Topf oder Kessel am Rauchfang befestigt. Mittels seiner „Zacken“ (oder auch Zähne) konnte man die Höhe des Kochkessels zur Feuerstelle variieren. Man konnte ihn näher an das Feuer heranführen oder von ihm entfernen und dadurch beim Kochen gezielt Hitze zu- oder abführen. Wenn der Bauer von der Feldarbeit zurückkehrte, brauchte er seiner Bäuerin nur zu sagen: „Leg’ mal ’n Zacken zu!“ Durch das Herunterlassen des Kessels wurde dann der Koch- oder Erwärmungsvorgang beschleunigt. So entstand auch die sprichwörtliche Redensart. Der Kesselhaken hatte aber auch auch rechtsgeschichtlich seine Bedeutung. Beim Übergang eines Hauses von einem Besitzer zum anderen etwa nahm der Grundherr den Kesselhaken ab und gab ihn dem Käufer in die Hand. Ebenso war es auch Brauch, dass der Jungbauer seiner Braut einen prächtig gearbeiteten Kesselhaken schenkte und ihr damit symbolisch die Vollmacht über Küche und Herd anvertraute. Aber auch andere wichtige Geschäfte und Gebräuche – etwa Verlobungen, Hofübergaben oder die Verpflichtung von Mägden und Knechten – mussten am Kesselhaken vollzogen und abgeschlossen werden, um der damaligen Volksmeinung folgend gültig zu sein.

Rolf-Dieter Diehl

Rolf-Dieter Diehl Autor: Rolf-Dieter Diehl, am 10.03.2017 um 16:23 Uhr
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