"Sie kamen nie wieder nach Nienhagen"

Der kleine Stoffteddy wacht seit einigen Tagen auf dem Nienhäger Friedhof an den 22 Gedenksteinen für die im „Kinderlager Papenhorst“ zwischen Herbst 1944 und Kriegsende gestorbenen Kindern von polnischen und russischenZwangsarbeiterinnen. Foto: Oliver Knoblich

Die Gemeinde Nienhagen erfährt derzeit mit ihrer Vortragsreihe im Ratssaal einen Riesenzuspruch: Schon im Vorfeld waren 70 Plätze vergeben und es kamen noch mehr Interessierte zu den Vorträgen von Andreas Babel, der einige Ergebnisse seiner Recherche zu seinem Buch "Kindermord im Krankenhaus" vorstellte, und von Nienhagens Pastor Uwe Schmidt-Seffers, der über das "Kinderlager Papenhorst" referierte. In dieser Einrichtung starben während der NS-Zeit mindestens 30 Kinder von Zwangsarbeiterinnen.

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NIENHAGEN. Auf eine sehr große Resonanz stieß der Vortragsabend im Nienhäger Rathaus am Donnerstagabend. Mehr als 85 Besucher konnte der Ratssaal nicht fassen. 28 weitere Interessierte fanden keinen Platz. Aus diesem Grund soll zum selben Thema ein weiterer Abend gestaltet werden. Diese Resonanz ist erstaunlich, weil die Thematik eine schreckliche ist: Die beiden Vorträge informierten sachlich und nicht anklagend über Kinder-Tötungen in Hamburg und in Papenhorst.

Lauschten die Zuhörer rund eine Stunde lang gebannt den Ausführungen über die Kindermorde in einem Hamburger Kinderkrankenhaus, für die die spätere Celler AKH-Chefärztin Helene Darges-Sonnemann mit verantwortlich war, so konnten sie bei den einfühlsamen und zu der düsteren Thematik gut ausgewählten Musikstücken von Jennifer Aßmus (Cello) und Jeffrey Ji Peng Li (Klavier) das verdauen, was sie gehört hatten. So gab es hier auch nur wenige Nachfragen.

Anders war das, nachdem Pastor Uwe Schmidt-Seffers in seinem halbstündigen Vortrag über die mindestens 30 Kinder von Zwangsarbeiterinnen gesprochen hatte, die im „Kinderlager Papenhorst“ zwischen September 1944 und Kriegsende zu Tode kamen. „Hier gibt es noch Forschungsbedarf“, meinte der Seelsorger, der die Literatur zu dieser Tötungsstätte gut zusammengefasst hatte. Er legte den anwesenden Vertretern des Heimatvereins ans Herz, sich auch dieser Episode der Ortsgeschichte anzunehmen. Nienhagen war durch die Erdölindustrie auch ein Ort der Zwangsarbeit. Ob das Kinderlager von der „Deutschen Arbeitsfront“ (wie es Ortschronist Jürgen Gedicke wahrscheinlich scheint) oder der Kreisbauernschaft (wie es Historiker Nils Köhler schreibt) von der Gemeinde angemietet war, ist nicht klar, sagte Schmidt-Seffers.

Nach den Vorträgen verriet der ehemalige Nienhäger Rektor Eckhardt Adolph, der die Geschichte des Kinderlagers Papenhorst erforscht hat, dass eine der polnischen Mütter, deren Kind in der Einrichtung gestorben sei, sich mit einem Brief an ihn gewandt hatte. Sie kam zu Besuch. Adolph zeigte ihr die Gedenksteine für die Kinder. Die Frau war sehr traurig und verschämt. Sie meinte, dass sie Schuld auf sich geladen habe, weil sie nicht verhindert habe, dass ihr Kind im Kinderlager blieb, wo es wohl verhungerte.

Eine Nienhägerin berichtete von einem Fall, in dem eine mutige Bäuerin das Kind einer Zwangsarbeiterin vor dem sicheren Tod bewahrte, indem sie sich dafür einsetzte, dass das Kind im Celler St.-Josef-Stift zur Welt kam. Eine andere Bewohnerin des Hagendorfes wusste von zwei behinderten Nienhäger Kindern, die während der NS-Zeit in eine Anstalt eingewiesen wurden. „Sie kamen nie wieder.“

Nach dem Vortragsabend spendeten die Nienhäger reichlich für den Erhalt der Gedenkstätte auf dem Nienhäger Friedhof, wo 22 Steine an die namentlich bekannten Opfer des NS-Regimes erinnern. Konfirmanden und Pfadfinder pflegen die Anlage. Ein Lesekreis im südlichen Teil des Landkreises Celle hatte sich mit den einzelnen Kapiteln aus dem Buch "Kindermord im Krankenhaus" (Edition Falkenberg) beschäftigt. Daher waren viele der Interessierten im Nienhäger Rathaus auch gut auf das Thema vorbereitet. Einige erwarben das Buch an diesem Abend beim Autor direkt und nutzten die Gelegenheit zum persönlichen Gespräch. Das 240-seitige Buch ist zum Preis von 16,90 Euro bei der CZ und im Buchhandel erhältlich.

Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 12.03.2017 um 17:03 Uhr
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Meinung

Noch Forschungsbedarf

Die Zwangsarbeiterinnen, deren Kinder ins Papenhorster Kinderlager kamen oder dort geboren wurden, arbeiteten nicht in Nienhagen. Dennoch ist das Interesse an dieser Thematik im Hagendorf riesengroß. Die Menschen, die der ermordeten Kinder gedacht haben, verdienen Respekt. Sie werden mit dafür sorgen, dass derartige unmenschliche Taten in Erinnerung bleiben und sich nie wiederholen. Die Fakten und die mündlichen Überlieferungen zusammenzutragen, ist ein verdienstvolles Anliegen, aber auch eine große Aufgabe. Damit wären die meisten Heimatvereine im Landkreis Celle sicher überfordert. Dafür brauchen sie professionelle Unterstützung. Die Aufgabe gäbe es auch nicht nur in Nienhagen allein, denn die Zwangsarbeiterinnen kamen aus Ahnsbeck, Alvern, Bannetze, Bergen, Bockelskamp, Bollersen, Bröckel, Eicklingen, Endeholz, Höfer, Metzingen, Oppershausen, Spechtshorn, Unterlüß und Wieckenberg. Auch hier müsste man forschen.Andreas Babel

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