Schienensegment und „Galoppwechsler“ erinnern an die Celler Straßenbahn

Die letzte Fahrt der CellerStraßenbahn fand am 2. Juni 1956 statt. Kleines Foto: Eine Schaffnertasche mit „Galoppwechsler“ erinnert heute im Bomann-Museum an die Zeit, als eine Straßenbahn durch Celle fuhr. Foto: Archiv Bomann-Museum (1) / Rolf-Dieter Diehl (1)

Um 1900 verkehrten in Celle noch Pferde-Omnibusse. Doch schon bald waren diese dem aufkommenden Massenverkehr nicht mehr gewachsen. Bereits seit 1903 hatte man sich daher in Celle mit der Frage der Errichtung eines Straßenbahnnetzes beschäftigt, aber besonders dem Engagement des Fabrikanten Harry Trüller war es zu verdanken, dass die Pläne schließlich in die Tat umgesetzt werden konnten.

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CELLE. Auf seine Initiative hin gründete sich 1905 die Celler Straßenbahn-Gesellschaft, und ab 1907 wurden die Pferde-Omnibusse von der elektrischen Straßenbahn abgelöst. „Alle waren des Lobes voll über den ruhigen Gang der Wagen, deren elegantes Aussehen und die Schnelligkeit der Fahrt,“ schrieb die Cellesche Zeitung am 2. November 1907 über die Jungfernfahrt der Celler Straßenbahn, die wie ein überdimensionales Spielzeug durch die Altstadt fuhr. Denn wegen der engen Straßen in der Innenstadt (etwa die Westcellertorstraße) fuhr die Celler Straßenbahn grundsätzlich auf einer so genannten Meterspur. Auch durch die kleineren Kurvenradien konnten die in Meterspur gebauten Strecken besser dem Straßenverlauf angepasst werden.

Der Umfang von anfänglich zwei Linien und drei Wagen wurde schnell erweitert. In Stoßzeiten nutzten mehrere tausend Fahrgäste täglich die Straßenbahn. 1947 verzeichnete man die Höchstauslastung mit bis zu 15.000 Fahrgästen täglich. Schon 1935 wurde als Ergänzung des Straßenbahnnetzes erstmals eine Autobuslinie eingeplant, um auch die Außenbezirke wie Wietzenbruch und den öffentlichen Nahverkehr anzubinden. Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte dann eine zunehmende Umstellung auf Omnibuslinien, die schließlich das Ende der Celler Straßenbahn bedeutete: Am 2. Juni 1956 verzeichnete sie – wie bei der Jungfernfahrt mit Blumen und Girlanden geschmückt – ihre letzte Fahrt.

Nicht nur Fotos zeugen im Bomann-Museum von dieser nostalgischen Epoche, sondern auch ein in Kopfsteinpflaster eingelassenes Schienensegment, ein Originalrelikt der Celler Straßenbahn, im wahrsten Sinne des Wortes also ein Stück Stadtgeschichte, geborgen bei den Umbauarbeiten der Allerbrücke im Jahr 2008 und durch besonnenes Handeln der Verantwortlichen vor einem nicht mehr rückgängig zu machenden „Bauschuttschicksal“ bewahrt. Ein klassisches Beispiel für die Prämisse des „zeitnahen Sammelns“, das schon Museumsgründer Wilhelm Bomann praktiziert hat, um rechtzeitig „zu retten, was der Erinnerung und der Aufbewahrung würdig scheint“. Ein Grundsatz, der auch heute noch eine wesentliche kulturgeschichtliche Besonderheit dieses ungemein lebendigen Museums ausmacht.

Ein weiterer „Hingucker“ ist die in den Straßenbahnen jener Zeit übliche lederne Schaffnertasche mit daran befestigtem „Galoppwechsler“ und Lochzange. Damit ausgestattet, drängelten sich die Schaffner durch die besetzten Wagen, um Fahrscheine zu verkaufen und zu entwerten. Die Bezeichnung „Galoppwechsler“ deutet schon darauf hin, dass man aus den vier Metallröhrchen dieses patentierten Gerätes per Hebeldruck sehr schnell und einfach das Wechselgeld – getrennt nach 5-, 10- und 50-Pfennig-Münzen sowie Markstücken – abzählen und herausgeben konnte. Die Geldscheine wiederum befanden sich in einem gesonderten Fach in der Schaffnertasche. Mit Blick auf diese Exponate erzählen Großeltern heute noch gern ihren Enkeln, wie spannend es in ihrer eigenen Kindheit war, sonntags mit der Bahn ins Neustädter Holz zu fahren und von dort aus an der Hand ihrer Eltern zum Sonntagsspaziergang mit anschließendem Eisessen zu starten.

Rolf-Dieter Diehl Autor: Rolf-Dieter Diehl, am 17.03.2017 um 12:40 Uhr
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