Erinnerungen an die Pfennigbrücke in Celle

Hildegard Günther (rechts) und ihre Zwillingsschwester Else Schuttenberg auf der Pfennigbrücke – 1949 und 2017. Foto: Oliver Knoblich

Ein Filmdreh mit den großen Stars des deutschen Kinos, rauschende Lampionfeste und die "Eierlegende Henne": Zeitzeugen erinnern sich an die Pfennigbrücke in Celle.

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Stunden hat es gedauert, Sekunden wird später einmal das Bild auf der Leinwand zu sehen sein, wenn Celle sich „Eine Liebesgeschichte“ anschauen und sich selbst wiedererkennen wird – so schrieb die Cellesche Zeitung am 13. Dezember 1953 über den Filmdreh in Celle. Die Stars Hildegard Knef, Victor de Kowa und O. W. Fischer waren in die Herzogstadt gekommen, um Szenen aufzunehmen. Untergebracht waren sie damals im Hotel „Zur blühenden Schiffahrt“ neben der Pfennigbrücke. Daran erinnert sich Frank Rübesame (Jahrgang 1938), der das alte Foto von der Pfennigbrücke in der CZ gesehen hat, noch gut.

Der Zeitzeuge wohnte schräg gegenüber von der „blühenden Schiffahrt“ an der Ecke Theo-Wilkens-Straße, die damals noch Schuhstraße hieß, mit der Fritzenwiese. Als die Filmstars dort wohnten, habe ein reger Publikumsverkehr geherrscht, der durch einen Sicherheitsposten kontrolliert worden sei. „Weil mein Spielfreund Hajo Knoop mit seiner Mutter in der Dachwohnung des Hotels wohnte, ergab sich für mich die günstige Gelegenheit, mehr oder weniger legal Zutritt zum Allerheiligsten zu bekommen“, erzählt Frank Rübesame. „Und so traf ich eines Tages – natürlich rein zufällig – auf der Treppe den berühmten O. W. Fischer, der mich fragte: ,Na, gehörst du denn auch dazu?‘“ Der damals 15-Jährige bejahte stolz. Hildegard Knef sah er kurz in der Tür stehen, sie verschwand dann aber in ihrem Zimmer.

Mit „Eine Liebesgeschichte“ könnte auch das Leben von Frank Rübesame selbst überschrieben sein. Seine Frau Karin, mit der er seit 1958 verheiratet ist, lernte er an der Pfennigbrücke kennen. Wenn sie vom Prinzengarten zur Balettstunde in der Innenstadt ging, musste sie immer am Haus von ihrem späteren Mann vorbei. „Weil er mich damals immer geärgert hat, habe ich immer gehofft, dass er nicht da ist“, erzählt Karin Rübesame, geborene Tietje, adoptierte Rauch (Jahrgang 1938) lachend. Als die Tanzschule Hoffmann auf der Oberaller aber ein Tanzvergnügen veranstaltete, funkte es zwischen den beiden. Von ihrem Logenplatz auf dem Dach des Kioskes ihrer Eltern beobachteten die beiden das Treiben, als Frank zärtlich seinen Arm um sie legte. Schon mit 19, was damals noch sittenwidrig war, wurde geheiratet.

An ein solches Lampionfest – an den ganzen Booten, die auf der Aller lagen, waren Lampen angebracht – erinnert sich auch noch Jürgen Harling (Jahrgang 1944). „An das Grundstück der ,blühenden Schiffahrt‘ war ein Schwimmponton angebunden, auf dem getanzt wurde“, erzählt der Zeitzeuge, der an der Fritzenwiese groß geworden ist. Von der dortigen und einer auf der anderen Seite der Aller liegenden Wasserbank sowie von der Pfennigbrücke ließ er mal ein Echo mit „Fürst Pless Hörnern“ blasen. „Viele standen auf den damals noch vorhandenen Balkons des Krankenhauses und klatschten Beifall“, erzählt Harling, der als Kind ein besonderes Erlebnis hatte: Als er aus dem Fenster auf die Aller blickte, schwamm die Pfennigbrücke vorbei. Eisschollen hatten die Holzbrücke zerstört.

Bis 1952 die heutige feste Brücke gebaut wurde, kam es öfter vor, dass die Schwimmbrücke aus Holz durch Eisgang zerstört wurde. Magdalene Umbreit (Jahrgang 1925) erinnert sich, dass im Februar 1942 jemand ins Klassenzimmer in der Mittelschule am Heiligen Kreuz kam und ihrer Lehrerin etwas ins Ohr flüsterte. „Dann sind wir zur blühenden Schiffahrt gelaufen und haben aus dem Fenster beobachtet, was passiert“, erzählt die Cellerin. Die dicken Eisbrocken ließen die Brücke brechen.

Ilse Knipping (Jahrgang 1939) ist die Ur-Enkeltochter von Hans (?) Knoop, der die Brücke 1900 errichten ließ. Die Frau, die heute in Kiel lebt, erzählt, dass der damalige Wirt der „blühenden Schiffahrt“ die Brücke als Kapitalanlage gebaut habe. Schließlich mussten die Leute einen Pfennig bezahlen, wenn sie die Brücke überqueren wollten. Knippings Großcousine Hanni Wittmann führte die „blühende Schiffahrt“ noch bis vor einigen Jahren.

„Georg Pahlmann von der Zimmerei, die gegenüber von der ,blühenden Schiffahrt‘ war, hat die Brücke gebaut“, erzählt Hans Strahl (Jahrgang 1935). „Wenn Eisschollen die Ständer weghauten, baute er sie neu auf.“ Auch Wolfgang Schmidt (Jahrgang 1928) weiß, dass die Brücke auf die Initiative von Knoop gebaut wurde. Als er früher mit seinem Großvater auf dem Weg zum Schrebergarten war, habe der Wegezoll an der Brücke zwei Pfennig und drei Pfennig für hin und zurück betragen. „Wenn man einen Handwagen dabei hatte, musste man fünf Pfennig bezahlen“, erzählt der Zeitzeuge. Möglicherweise hat sein Großvater das Geld an Thea Wunn (Jahrgang 1923) bezahlt, denn sie saß als junges Mädchen im Kassenhäuschen, wenn sie nicht gerade mit Frau Knoop und Hund Alf spazieren ging. „Meine Mutter war in der Küche angestellt“, erzählt die ehemalige Kassiererin, die auch noch weiß, dass die Leute, die auf der anderen Allerseite wohnten, eine Monatskarte hatten.“ Auch Wilhelm Ohlms (Jahrgang 1921) erinnert sich an die Preise in den 1930er Jahren. „Nachts war das Tor auf der Brücke abgeschlossen“, ergänzt er.

Von der „Eierlegenden Henne“, die an der Pfennigbrücke stand, erzählt Renate Obes (Jahrgang 1938). Dabei handelt es sich um einen Automaten, in den man 10 Pfennig werfen musste. „Wenn man Glück hatte, bekam man ein Spielzeug“, erzählt die heutige Hildesheimerin. 1944 habe sie die gusseiserne Henne zum letzten Mal in Funktion gesehen. Als sie ein Jahr später nach Celle zurückkehrte, entdeckte sie die Henne in der Aller liegend.

Mit einem anderen Spielautomaten machte Gerd Brückner (Jahrgang 1945) als Junge Bekanntschaft. „Ich wollte paddeln, hatte aber nur 40 Pfennig“, erzählt er. Da 30 Pfennig für die Tour über die Aller fehlten, wollte er das fehlende Geld gewinnen. „Hinterher hatte ich gar nichts mehr“, sagt der Zeitzeuge, der seitdem keine Automaten mehr angerührt hat.

Über die neue Pfennigbrücke jagte Gudrun Dörries (Jahrgang 1946) auf ihren Rollschuhen. „Ein Mann hat immer geschimpft und irgendwann hat er uns oben auf der Brücke mal erwischt“, berichtet die Seniorin. Auf seine Anweisung hin schnallte sich das junge Mädchen die Rollschuhe, die sie von ihrem Vater zum Geburtstag bekommen hatte, ab. Dabei rollte einer weg und fiel in die Aller. Doch die Geschichte hatte noch ein gutes Ende: Hans Nölke von der gleichnamigen Fischerei an der Fritzenwiese kam mit einem langen Stab und fischte den Rollschuh wieder aus dem Wasser.

Ein Happy End hatte auch die langwierige Suche von Frank Rübesame nach dem Film „Eine Liebesgeschichte“. 57 Jahre nach dem Dreh in Celle wurde er im Bundesarchiv Berlin schließlich fündig, durfte den Film aber nur im privaten Rahmen vorführen. In einer Szene geht das Paar (gespielt von O. W. Fischer und Hildegard Knef) durch die Fritzenwiese in Richtung Pfennigbrücke. Ab dem Haus Nölke wird die Szene aber geschnitten, die Straße führt plötzlich in einen Feldweg. Dabei wäre die Pfennigbrücke doch ein viel romantischerer Ort gewesen ... Fortsetzung folgt

Christopher Menge Autor: Christopher Menge, am 08.04.2017 um 15:42 Uhr
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