149 (Teil 2): Engländer errichten Pontonbrücke in Celle

Normalerweise war die „Mondscheinbande“ nachts unterwegs,wenn die Jungs an der Aller Mutproben bewältigten. Foto: Sammlung Frank Rübesame

Seit 1900 gibt es die Pfennigbrücke über die Aller in Celle. Bis 1952 die heutige feste Brücke gebaut wurde, war die auf einigen Schuten schwimmende Holzbrücke immer wieder durch Eisgang zerstört worden. Daran haben sich viele Zeitzeugen erinnert, die sich bei der CZ gemeldet haben, nachdem sie das alte Foto von der Pfennigbrücke gesehen haben. Kurz vor Kriegsende wurde sie allerdings absichtlich zerstört. „Um den Übergang der Alliierten zu verhindern, wurde sie gesprengt“, erzählt Wolfgang Schmidt (Jahrgang 1928).

CELLE. Auch die Boote von Steffens und Hennings, die einen Bootsverleih an der Aller hatten, hätten aufgestapelt werden müssen. „Sie sollten auch gesprengt werden, aber vernünftige Leute haben das nicht durchgeführt“, sagt Schmidt. „Als die Engländer da waren, konnten wir sie zurückholen.“ Der Zeitzeuge erinnert sich, dass die Engländer schnell eine Pontonbrücke über die Aller gebaut hätten. „Die war ganz stabil, hat aber ordentlich Lärm gemacht, wenn Transportlaster drüber gefahren sind“, sagt Schmidt. Auch Hänschen Röling (Jahrgang 1940) berichtet, dass Lkws über die Brücke fahren konnten.

„Am ersten Besetzungstag der Engländer bin ich morgens um 6 Uhr mit einem Kameraden über die Balkenkonstruktion der Pfennigbrücke – der Bodenbelag war ja rausgerissen – geklettert und habe mich für die Gefangenschaft gemeldet“, erzählt Wilhelm Ohlms (Jahrgang 1921). Der heutige Lüneburger erinnert sich auch noch daran, dass in den 1930er Jahren die Witwe Knoop in dem Kassenhäuschen gesessen habe. „Hin und zurück hat drei Pfennig gekostet, für den Rückweg hat man einen kleinen Abriss bekommen“, sagt der Zeitzeuge, der sich auch noch an schweren Eisgang erinnert, der die Brücke zerstört hat: „Eines Tages lag die Brücke vor der Rathsmühle.“

Auch Frank Rübesame (Jahrgang 1938), der neben der Pfennigbrücke wohnte, hat den Einmarsch der Alliierten hautnah erlebt. „Alle Waffen wurden eingesammelt – viele Pistolen landeten in der Aller“, erzählt der Celler. „Die Engländer haben auch meinem Bruder sein Luftgewehr abgenommen und es über dem Knie zerbrochen.“ Auf der Dammaschwiese habe er die erste Begegnung mit einem farbigen Soldaten gehabt. „Er hat uns Weißbrot geschenkt, was für uns wie Kuchen geschmeckt hat“, erzählt der Zeitzeuge, der auch sein erstes Kaugummi von einem Soldaten bekam.

Sein Bruder Horst Rübesame (Jahrgang 1932) erinnert sich daran, dass sowohl englische als auch amerikanische Truppen die Pontonbrücke, die für die zerstörte Pfennigbrücke über die Aller gebaut worden war, nutzten. „Die Grenze war eigentlich zwischen Altencelle, wo die Amerikaner waren, und Celle, das von den Engländern besetzt war, aber der gesamte militärische Verkehr Richtung Norden lief über die Brücke“, sagt der Celler, der sich daran erinnert, dass er mit zwei Tanten an der Brücke in Lachtehausen von amerikanischen Soldaten kontrolliert wurde.

Seinem jüngeren Bruder Frank ist vor allem der englische Soldat „Johnni“ in Erinnerung geblieben. „Er hat uns mit Schwarztee verwöhnt, der zuckersüß war“, erzählt er. „Die britischen Truppen hatten ihren Stützpunkt in der ,Blühenden Schiffahrt‘ neben der Pfennigbrücke.“ Hänschen Röling berichtet, dass der Celler Rudi Cordes die englischen Gäste mit seinen Musikern immer unterhalten hätte.

Renate Obes (Jahrgang 1938) hat ein besonderes Schauspiel mitbekommen: „Zunächst war von weitem schon der Klang der Dudelsackpfeifen zu hören, die im Marschrhythmus immer lauter wurden“, erzählt die Zeitzeugin. „Dann tauchten sie auf: zwei in Schottenröcken mit puscheligen Federbüscheln am Barett, karierten Decken über den Schultern, Karokniestrümpfen, weißen Ledergürteln und Schulterriehmen und einem kleinen Täschchen hinten am Gürtel kamen stolzen Marschschrittes in ihre Pfeife blasend daher.“ Dahinter sei ein englischer Offizier marschiert, der die Brücke mit seinen Begleitern überquerte. „Die Augen geradeaus, den rechten Arm weit vor- und zurückschwingend und ein Stöckchen unter den linken Arm geklemmt – so ging er vorüber“, erzählt die Seniorin.

Zu der Zeit gab es nahe der Pfennigbrücke neben der Ziegen- auch noch die sogenannte Negerinsel, wie mehrere Zeitzeugen berichtet haben. „Dort haben früher Schwäne gebrütet – ein englischer Soldat wurde von einem Schwan angegriffen“, erzählt Helga Günther (Jahrgang 1928), die als kleines Mädchen auch mal einsam auf der Insel saß. „Mein neun Jahre älterer Bruder hat mich mitgeschleppt und mich auf die Insel gesetzt“, erzählt die Zeitzeugin. „Als ein Gewitter kam, sind die Jungs nach Hause gegangen. Mein Vater hat sie dann aber zurückgeschickt, um mich zu holen.“

Frank Rübesame erinnert sich an die „Todeskuhle“, die überwunden werden musste, wenn man zur Negerinsel schwimmen wollte. „Die Stadt hat die Insel dann irgendwann weggebaggert und dadurch die die Fließgeschwindigkeit erhöht“, erzählt der Celler, der seinerzeit Mitglied der „Mondscheinbande“ war. „Wir haben uns abends um 10 Uhr an Pahlmanns Hof getroffen und sind dann durch die Gärten bis zur Allerbrücke geschlichen“, erinnert er sich. „Es war der Kitzel des Verbotenen – danach konnte ich ruhig schlafen.“

Seine Frau Karin, mit der er seit 1958 verheiratet ist, hat er an der Aller kennengelernt. „Meine Schwiegereltern hatten einen Kiosk an der Pfennigbrücke“, erzählt Frank Rübesame. „Feste Geschäfte gab es ja damals noch nicht.“ Der Kiosk von den Rauchs stand auf der Seite des Krankenhauses. Er ist heute verschwunden, doch die Pfennigbrücke ist geblieben – seit nunmehr 117 Jahren.

Christopher Menge Autor: Christopher Menge, am 13.04.2017 um 17:46 Uhr
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