Camp in Bergen-Belsen: Jugendliche aus neun Ländern wollen Brücken bauen

In mehreren Workshops setzten sich die Jugendlichen in der Gedenkstätte mit dem Konzentrationslager auseinander. Foto: Michael Schäfer

Das Schicksal von KZ-Überlebenden, Kinder und Jugendliche im KZ, Zeitzeugengespräche: In mehreren Workshops setzten sich die Jugendlichen in der Gedenkstätte mit dem Konzentrationslager auseinander.

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Im Seminarraum der Gedenkstätte Bergen-Belsen sitzen 17 Mädchen und Jungen. Sie schauen auf einen Bildschirm, auf dem ein Mann seine Erlebnisse schildert. Das Leben vor dem Krieg – normal. In der Schule hatte er Freunde, seine Eltern eine Arbeit. Dann kam der Krieg, die Verfolgung, das Konzentrationslager. Im Raum ist es still. Der Mann heißt Hugo Höllenreiner und wurde als Sinti verfolgt. Nach mehreren Interviews schaltet die Workshop-Leiterin den Bildschirm aus. Gedrückte Stimmung. „Ich finde es schlimm, dass die Kinder schon so erwachsen sein und wie die Älteren arbeiten mussten“, sagt ein südafrikanischer Schüler. Die anderen hören ihm zu und kommentieren die Interviews. Sie beschreiben Gefühle, die sie dabei empfunden haben: Schock und Traurigkeit stehen im Vordergrund.

Zehn Tage
in Gedenkstätte

Aus neun Ländern – Israel, Südafrika, Weißrussland, Litauen, der Slowakai, Russland, der Ukraine, Polen und Deutschland – kommen die Jungen und Mädchen, die sich dieses Jahr zehn Tage in der Gedenkstätte Bergen-Belsen mit dem Holocaust beschäftigen. „Deutschlandweit sind wir die größte internationale Zusammenkunft junger Menschen, die über die nationalsozialistische Vergangenheit sprechen“, sagt Michael Baumgarten vom Team des Jugendcamps. Aber auch die Gegenwart ist Thema. Die Kontinuität rechter Einstellungen und Ideologien sowie die Holocaustleugnung drängen auf die Betrachtung heutiger Situationen und Verhältnisse. Mit schwarzen Winkeln auf der Häftlingskleidung wurden damals Vagabunden, Drogenabhängige oder Prostituierte gekennzeichnet. Als Mahnmal und zum Gedenken an das Leid dieser Personengruppen werden die Jugendlichen ein Beet mit schwarzem Klee pflanzen. Es soll die Form eines Winkels haben – wie das Zeichen auf der Häftlingskleidung.

Vor dem Mittag gehen die drei Workshop-Gruppen in die Ausstellung der Gedenkstätte. In kleinen Gruppen erhalten sie individuelle Aufgaben. Dominyka aus Litauen und Karolina aus Polen wollen sich über Katharina Hardy informieren. Sie sollen die Frau nachher den anderen Gruppenmitgliedern vorstellen. Mit einem Klappbrett, auf dem ein Bild von Hardy zu sehen ist und wichtige Punkte der Ausstellung rot gekennzeichnet sind, machen sich die beiden Mädchen auf die Suche. An mehreren Interviewbildschirmen stoppen sie, setzen sich die Kopfhörer auf und hören der Frau gespannt zu. Der Lebenslauf gibt weitere Hinweise auf ihr Leben. In Ravensbrück und Bergen-Belsen inhaftiert, als Jüdin verfolgt. Sie erzählt den Mädchen ihre Geschichte – vor dem Krieg, während des Krieges und nach dem Krieg. Dominyka und Karolina tauchen tief ein in die Vergangenheit. Sie machen Notizen auf ihrem Zettel und gehen weiter. „Was ist mit ihrer Mutter passiert?“, fragt Karolina. Im nächsten Video bekommen sie die Antwort. „Wahrscheinlich wurde sie umgebracht“, erklärt Dominyka.

Freundschaften schließen
– Vorurteile abbauen

„Die Jugendlichen schließen internationale Freundschaften und lernen, Vorurteile abzubauen“, sagt Gesa Lonnemann, Jugendbildungsreferentin vom Christlichen Verein Junger Menschen Niedersachsen, kurz CVJM. In Oldau im Anne-Frank-Haus wohnen die Jugendlichen zusammen. Zehn Tage lang erleben sie Deutschland in seiner Geschichte und seiner Gegenwart. Der 19-jährige Jaleel aus Südafrika erklärt: „In der Schule haben wir viel über en Nationalsozialismus in Deutschland gelernt. So richtig begreife ich das alles aber erst hier vor Ort.“ Die Jungen und Mädchen bringen verschiedene Hintergründe mit ins Jugendcamp. Sie haben alle in ihrer Heimat etwas über den Holocaust gelernt. Manche haben Großeltern, die selbst davon betroffen waren. „Meine Großeltern waren im Holocaust, als sie Kinder waren. Ich bin hier, weil ich sie verstehen will und wissen will, wie sie gelebt haben“, sagt Orel aus Israel. Aus ihrer Schule werden jedes Jahr vier Schüler ausgewählt, die ihr Land beim Jugendcamp vertreten.

Auch Orel beschäftigt sich mit zwei anderen Mädchen mit einem KZ-Überlebenden. In ihrem Workshop „Kinder und Jugendliche im Konzentrationslager“ interessiert sie gerade das Erleben der Kindheit im Krieg. Wie haben die Kinder im KZ kommuniziert? Haben sie sich gegenseitig geholfen? Wie konnten sie das schreckliche Leid überleben und nach der Befreiung verarbeiten? Auf all ihre Fragen sollen die Mädchen und Jungen Antworten finden. Bei den Videos von Überlebenden, im Gespräch mit ihren Freunden und den Teamleitern.

Rassismus auf
der Themenliste

„Die Jugendlichen lernen hier viel über die Geschichte und Bezüge zur Gegenwart. Ihr Wissen können sie mit in ihre Heimat nehmen und anderen davon erzählen“, so Lonnemann. „Außerdem gibt das Wissen ihnen die Möglichkeit zur politischen und gesellschaftlichen Diskussion.“ Der Neo-Nationalismus und der kontinuierliche Rassismus stehen auf der Themenliste des Camps. Marine Le Pen in Frankreich oder die AfD in Deutschland – rechte Ideen existieren auch heute noch. Dem Muster der Ideologie soll auf den Grund gegangen werden. „Den Nationalsozialismus gibt es heute nicht in der selben Form wie vor 80 Jahren. Trotzdem lassen sich Gedankenstrukturen und politische Muster vergleichen.“

„Das Highlight ist jedes Jahr wieder das Zeitzeugengespräch“, so Baumgarten. Dieses Jahr kommt Yvonne Koch zu den Jugendlichen nach Bergen-Belsen. Sie wurde als Jüdin verfolgt und überlebte die Deportation ins Konzentrationslager. „Ein Paar Handschuhe“ heißt das Buch, in dem sie über ihre Kindheit im Krieg und über das Leben im KZ berichtet.

Ein weiterer Höhepunkt ist der Ausflug nach Hannover. Zum ersten Mal ist der Sportverein Hannover 96 Sponsor des Jugendcamps. Vor Ort erwartet der Archivar des Vereins die Jugendlichen. Er wird ihnen etwas über die Vereinsgeschichte während der NS-Zeit erzählen. Außerdem wird er auf den Umgang mit den jüdischen Fußballspielern damals eingehen. Was ist mit ihnen passiert? Wie stand der Verein ihnen gegenüber?

Viktoriia aus der Ukraine war sehr betroffen, als die Gruppe das jüdische Denkmal auf dem KZ-Gelände besucht hat. „Einige von uns haben geweint, weil sie eine religiöse und familiäre Verbindung zu den Opfern gespürt haben“, erzählt sie. „Für mich ist es wichtig, hier in Deutschland mit internationalen Freunden etwas über die Geschichte zu lernen. Zuhause kann ich dann allen davon erzählen.“

Marie Schiller Autor: Marie Schiller, am 14.04.2017 um 18:29 Uhr
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