Betroffenheit im Nienhäger Publikum

Rayka Jansen-Ollises und Oliver Krause sorgten im Hagenssal für die musikalischeUmrahmung der Vorträge von Harald Schilbock (Zweiter von links) und Andreas Babel (Zweiter von rechts), die Bürgermeister Jörg Makel in die Mitte genommen haben. Foto: Michael Schäfer

„Wir sind ihr heute noch dankbar dafür“, sagte ein Wathlinger, dessen Sohn Udo (Jahrgang 1966) kurz nach seiner Geburt in der Landesfrauenklinik Celle in die Kinderklinik des AKH gekommen war. Udo hatte einen frühkindlichen Hirnschaden und verbrachte fast sein ganzes erstes Lebensjahr unter der Obhut der Leiterin der Kinderklinik, Dr. Helene Darges-Sonnemann (1911 bis 1998). Zuvor hatte CZ-Blattmacher Andreas Babel über die unheilvollen Ratschläge der Ärztin berichtet, indem sie Elternpaaren 1959 und 1969 empfahl, ihr behindertes Kleinkind vor das offene Fenster zu stellen, damit es eine Lungenentzündung bekäme.

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NIENHAGEN. Udo war eine große Ausnahme, denn bislang waren keine Fälle bekannt, in denen sich Darges-Sonnemann einfühlsam um Behinderte gekümmert hätte.

Die gebürtige Flensburgerin ist vielmehr während der NS-Zeit zur Kindermörderin geworden, indem sie in dem Hamburger Kinderkrankenhaus Rothenburgsort zwölf behinderte Kinder umgebracht hatte. Darüber hatte Babel am Mittwochabend im Nienhäger Hagensaal berichtet. Den Vortrag erlebten Udos Vater und seine Schwester mit gemischten Gefühlen mit, denn sie hatten die Medizinerin in guter Erinnerung behalten.

Man konnte Betroffenheit sehen, wenn man in die Gesichter der Zuhörer schaute, als Babel über die Recherchen zu seinem Buch „Kindermord im Krankenhaus“ berichtete. Das war auch so der Fall, als Harald Schilbock, der Vorsteher der Nienhäger St.-Laurentius-Kirchengemeinde, über das Kinderlager Papenhorst referierte. Hier sind in den letzten Monaten des NS-Regimes etwa 30 Säuglinge von Zwangsarbeiterinnen umgekommen, geplant an Unterernährung, durch Kälte und nicht behandelte Krankheiten. Schilbock versprach, dass die Kirchengemeinde an dem Thema „dranbleiben“ werde. Für die Pflege der Kindergräber kam nach diesem Vortrag genauso wie beim ersten dieser Art am 9. März ein stattlicher Betrag zusammen.

Die Wathlingerin Sanna Gutzeit erzählte, wie sie als Zwölfjährige einmal beim Spielen an das Gelände „Papenhorst 9a“ kam. Sie hörte das Schreien von mehreren Säuglingen aus einem Haus an der Hauptstraße, das durch einen hohen Zaun von neugierigen Blicken abgeschirmt war. Ein bellender großer Hund verscheuchte die spielenden Mädchen damals. Als die Schülerin ihrer Mutter von dem Gesehenen berichtete, bekam sie eine „Standpauke“. Die Mutter verbot ihr, sich noch einmal diesem Haus, das auch heute noch steht, zu nähern. „Sonst haben wir morgen die Polizei im Haus“, warnte die Mutter im letzten Kriegsjahr. Eine weitere Zeitzeugin (Jahrgang 1933) aus Papenhorst erzählte, wie sie an jedem Schultag an dem heruntergekommenen Haus vorbeikam und das Wimmern der Säuglinge hörte. „Das kam jetzt alles wieder hoch, wo ich davon gelesen hatte“, sagte sie.

Joachim Gries Autor: Joachim Gries, am 20.04.2017 um 16:33 Uhr
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Gedenktag

Überaus großes Interesse: Nach 85 Interessierten bei der Premiere im Ratssaal kamen in dieser Woche über 180 Interessierte in den Hagensaal. Darunter waren auch viele junge Leute, unter anderem angehende Pfleger des Allgemeinen Krankenhauses Celle. Bürgermeister Jörg Makel, der den Vortragsabend der Gemeinde moderierte, möchte nun ausloten, ob die
Nienhäger es sich
vorstellen könnten, das
Gedenken an die Kinder von Papenhorst fest im Veranstaltungskalender der Gemeinde zu
verankern. Aus diesem Grund bittet er um Rückmeldungen zu seinem Anliegen per E-Mail an oder per Post
ans Rathaus.

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