150: Celler Rathsmühle war Arbeitsplatz und Heimat

Zeitzeugen erinnern sich an Rathsmühle in Celle.

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Ein Ereignis ist Jürgen Firl (Jahrgang 1935) besonders in Erinnerung geblieben. Als in der Nacht zum 7. Juni ein Feuer in der Rathsmühle ausgebrochen war, standen zwei britische Soldaten vor seinem Bett und holten ihn aus dem Haus. Er wohnte damals an der Mühlenstraße links neben der Rathsmühle, im Haus des Betriebsleiters, das heute nicht mehr steht. „Mein Vater Richard Firl hat von den 1930er Jahren bis zu seinem Tod im Jahr 1947 in der Rathsmühle als Betriebsleiter gearbeitet“, erzählt der Celler. „Während meine Mutter bei dem Brand versucht hat, die Polizei und Feuerwehr zu alarmieren, was wegen der Ausgangssperre ziemlich schwer war, musste mein Vater sofort in den Betrieb.“

Das Feuer vernichtete den obigen Gebäudeteil. „Ein roter Lavastrom aus dem Korn, den Wänden und Maschinen floß in die Aller – baden war an dieser Stelle dann vorbei“, sagt Firl, der das Schwimmen in der „Kuhle“ hinter der Mühle lernte. In Erinnerung geblieben sind ihm auch noch die Fliegeralarme. „Der Bunker befand sich unter den Silos. Wir haben ihn über den Gang von der Mühle über die Aller erreicht“, berichtet der Zeitzeuge. „Dort trafen sich nicht nur die Leute aus der Mühle, sondern auch die verletzten Soldaten, die im Schützenhaus untergebracht waren.“ In der Endphase des Krieges habe es auch noch einen Bunker unter seinem Haus gegeben.

An das Hochwasser 1947 erinnert er sich auch noch. „Meine Eltern haben zwischen Allerwasserlauf und Keller auf einem kleinen Stück Grün schwarz ein Schwein gehalten – das drohte abzusaufen“, erzählt Firl. „Als das Schwein durch die Kellerluke hochgezogen wurde, herrschte große Aufregung.“ Schließlich sei das Tier notgeschlachtet worden.

Einige Jahre später wurde Horst Hoffmeister (Jahrgang 1929) Betriebsleiter. Er führte die Geschicke in der Rathsmühle von 1954 bis 1992. Bereits zu Zeiten von Richard Firl war Hermann Güllert, der Großvater von Jürgen Güllert (Jahrgang 1938) bei der Mühle beschäftigt. Er hatte in Niederschlesien Müller gelernt und wollte als Geselle zur großen Hamelner Kampffmeyer-Mühle wandern. „Doch das Fahrgeld für die Bahn hat nicht ausgereicht – und so ist er nur bis Celle gekommen“, erzählt der Enkelsohn lachend. „Bis zu seinem Renteneintritt hat er als Müller, Riffelmeister, Mädchen für alles und zum Schluss als Pförtner gearbeitet. Wenn er Zeit hatte, hat er mir die Mühle gezeigt – das war sehr spannend.“ Außerdem habe er gerne das Treiben im Hafen beobachtet. Güllert weiß zudem, dass die Mitarbeiter als Deputat Mehl oder Aale aus dem Fang erhalten haben.

„Jeden Monat haben wir 2,5 Kilogramm Weizenmehl bekommen, zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten gab es ein Pfund“, erzählt Winfried Jakob (Jahrgang 1938), der von 1955 bis 1958 Lehrling in der Mühle war und unter anderem von Otto Schubotz ausgebildet wurde. „Zu der Zeit wurde das Silo gebaut“, berichtet der Zeitzeuge, der aus diesem beim Hochwasser 1957 einen guten Blick auf die überschwemmte Landschaft hatte. „Damals wurde auch der Anleger für die Schiffe gebaut“, erzählt der Celler, der sich auch noch erinnert, dass Landwirte bis zu Dobberkau standen, um ihr Getreide abzugeben.

„Oh Gott – wir müssen zum Hafen“ – das dachte Hermann Timme (Jahrgang 1928) in den 1950er/1960er Jahren oft. „Das war das Umständlichste, was es gab“, erzählt der ehemalige Lokomotivführer. „Im Hafen wurde viel Kali verladen. Wir mussten die Wagen dann rausziehen und zu Dobberkau bringen. Anschließend haben wir dann die Getreidewagen von der Rathsmühle auf die Gleise gestellt.“ Zu Haacke habe es auch ein Gleis über eine Hochbrücke gegeben.“

Aber nicht nur per Schiff wurde das Getreide zur und das Mehl von der Mühle weg geliefert. Rainer Sidow (Jahrgang 1943), dessen Eltern beide in der Rathsmühle gearbeitet haben, hat oft Vertreter auf den Fahrten zu einzelnen Mühlen begleitet. „Ich habe auch auf dem Pferdewagen gesessen, wenn die Bäcker beliefert worden sind“, erzählt der Celler. Als Kraftfahrer der Rathsmühle hat Rudolf Pieper (Jahrgang 1928) ab 1953 für gut drei Jahre gearbeitet. Er lieferte das Mehl von der Elbe bis in das Ruhrgebiet. Auf dem alten Foto hat er aber auch den Lagerschuppen von der „Hartwich Kupferschmiede“ entdeckt. „Da habe ich gelernt und wenn mal ein dickes Rohr gebraucht wurde, musste ich mit der Schubkarre an der Rathsmühle vorbei zu dem Schuppen“, erzählt Pieper.

Jede Abteilung hat Roswitha Lenz (Jahrgang 1940) während ihrer Ausbildung, die sie 1958 begann, durchlaufen. „Im Labor wurde untersucht, wie rein das Getreide war und der Schwund aussortiert“, berichtet sie. Ein Jahr lang arbeitete Roswitha Lenz noch mit Rita Krinke (Jahrgang 1944) zusammen, die 1961 ihre Lehre in der Rathsmühle begann. „Es gab einen Lohn von 77 DM, dann 90 DM und 115 DM“, erinnert sie sich. „Alle vier Wochen wurde in dem riesigen Lager Inventur gemacht, das heißt, sämtliche Säcke wurden gezählt. Im Winter war es ganz schön kühl dort. Lange Hosen waren aber nicht gestattet.“

In der Mühlenstraße 22, dem etwas kleineren Haus gegenüber der Mühle hat Hans Pfeil (Jahrgang 1949) von 1959 bis 1973 gelebt. „Mein Vater war Maschinist in der Mühle und hat die Turbinen und Generatoren des Wasserkraftwerkes betreut, sowohl zu Kampffmeyer- als auch noch zu Wasa-Zeiten“, erzählt der heutige Kölner, der den gleichen Namen wie sein Vater trägt. „Wir hatten deshalb eine Werkswohnung, damit mein Vater immer verfügbar war, falls etwas die Stromerzeugung behinderte, zum Beispiel wenn sich der Rechen vor den Turbinen zusetzte und nicht mehr genug Wasser kam.“ Außerdem habe er die Aalreuse betreut, in der sich zu bestimmten Zeiten viele fette Aale versammelt hätten, dass diese dann geschlachtet, geräuchert und unter der Belegschaft verteilt worden seien. Am Wochenende wurden sie auch schon mal in der Badewanne der Pfeils zwischengelagert.

„Wir Kinder haben oft – auch unerlaubterweise – in der Mühle gespielt und die Sackrutsche, aus der die Mehlsäcke nach unten rutschten, wurde auch so manchem Kinderhosenboden zum Verhängnis“, erinnert sich Hans Pfeil. „Wir haben ebenfalls die Mühlenkatzen betreut, deren Aufgabe es war die Mäuse kurz zu halten und dafür gab es auch Futtergeld von der Firma.“ Die Familie wohnte im ersten Stock des Hauses, neben dem Kinderzimmer war die „Versuchsbäckerei“ und das Labor, im Erdgeschoss die Büros und die Sozialräume der Mitarbeiter, im Keller hatten sich die Jugendlichen einen „Fetenraum“ eingerichtet – dort wurde zu der Zeit viel „Beat“ gespielt.

Am 1. April 1960 um 7.15 Uhr begann Gisela Lindemann, geborene Niebuhr (Jahrgang 1943), zusammen mit zwei weiteren Lehrlingen ihre Ausbildung zum „Industriekaufmann“ bei der Rathsmühle. „Wir bekamen jeder einen weißen Kittel mit dem Abzeichen „Rathsmühle Celle“ und waren doch ein wenig stolz“, erinnert sich die Wathlingerin, die bei Herrn Freiberg lernte, auf der Rechenmaschine „blind“ zu tippen. „Am 6. Dezember 1960 war eine Feier mit Verteilung der Lohntüten (Weihnachtsgeld) durch einen Nikolaus“, erzählt die Zeitzeugin.

Ein Fotoalbum mit Aufnahmen aus der Rathsmühle hat Mark Benecke (Jahrgang 1963) von seinem Vater Günther (1931 bis 2013) geerbt, der dort arbeitete. „Ich selbst habe Mitte der 1980er Jahre mal für drei Wochen einen Ferienjob in der Rathsmühle gemacht“, erzählt Benecke. „Wo jetzt die City-Fahrschule und die Rechtsanwälte sind, war mal das Büro der Rathsmühle.“ Und da, wo mal Mehl gemahlen wurde, wird ab kommenden Freitag das Theater-Event „Reformation Celle“ des Schlosstheaters aufgeführt.

Christopher Menge Autor: Christopher Menge, am 12.05.2017 um 17:09 Uhr
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