Celler Juristenforum: Dem Wesen des Totalitarismus auf der Spur

Philosophisches im Rittersaal des Celler Schlosses: Referent Ulrich Schacht (links) und Jens Lüpke, Direktor des Juristenforums. Foto: Alex Sorokin

Was kennzeichnet den Totalitarismus? Ist er nur ein Gespenst aus der Vergangenheit oder hat er Relevanz in der politischen Gegenwart? Mit dieser Frage beschäftigte sich am Mittwoch der Schriftsteller, Theologe und Philosoph Ulrich Schacht vor rund 140 Zuhörern beim Katholischen Juristenforum im Celler Schloss.

CELLE. In Wismar aufgewachsen, weiß Schacht aus eigener Erfahrung, was es heißt, als DDR-Bürger unter einem totalitären Regime zu leben. Wegen „staatsfeindlicher Hetze“ wurde der heute 66-Jährige 1973 von der Stasi verhaftet und zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. im November 1976 kaufte ihn die Bundesrepublik frei. Heute lebt Schacht als freischaffender Autor und Publizist in Hamburg und an der südschwedischen Küste.

Schacht bot seinen Zuhörern schwere philosophische Kost, um das Typische und Verbrecherische totalitärer Systeme herauszuarbeiten. In seinem Vortrag spannte er den Bogen von der Französischen Revolution über den Kommunismus und Nationalsozialismus bis in die Gegenwart. Immer wieder stellte er historische Figuren in den Mittelpunkt, um die Systematik der jeweiligen Tötungs- und Vernichtungsmaschinerie zu erklären. So nannte er den Naziverbrecher Adolf Eichmann, maßgeblich verantwortlich für den Holocaust, einen „neuen Typus von Verwaltungsmörder“ – ambitioniert nicht im Erfinden, sondern im Bewältigen einer Aufgabe.

Abschaffung des Individualismus, Verherrlichung der Nation, Argwohn gegen jedes Privatinteresse: All das kennzeichne totalitäre Systeme – ob klassen- oder rassenideologisch, führte Schacht aus. Stets diene die Schreckensherrschaft einem höheren Ziel. Sie werde von ihren Anhängern als notwendiges Mittel betrachtet, um gleichsam die Welt zu erlösen. Die Täter glaubten, sie würden im Sinne des Fortschritts etwas Anständiges tun. Dabei werde die Menschlichkeit der jeweiligen Ideologie geopfert, erläuterte der Referent.

Für die Gegenwart sieht Schacht die Gefahr eines technischen Totalitarismus – eine radikale Fortschrittsgläubigkeit, die durch große IT-Konzerne wie Google oder Facebook befeuert werde. Sie stelle den Menschen auf eine neue Stufe, mache ihn gleichsam zum „homo deus“, zu einem göttlichen Wesen. „Das ist der Traum von der Perfektion, wo der Mensch nicht mehr nur Bio-Mensch ist“, so Schacht.

Oliver Gatz Autor: Oliver Gatz, am 31.05.2017 um 20:52 Uhr
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