Der 800-Millionen-Euro-Deal: CZ-Redakteur ausgezeichnet

Für seine hartnäckige Recherche über die angebliche Ansiedlung eines Zerspanungswerks mit 1800 Mitarbeitern ist CZ-Redakteur Michael Ende ausgezeichnet worden.

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FREIBURG. In Freiburg lobte die Jury des Ralf-Dahrendorf-Preises für Lokaljournalismus, dass es Ende gelungen war, den Investor als Hochstapler zu enttarnen. Durch die Berichterstattung am 27. August 2016 in der CZ verhinderte Ende, dass die Celler Ratspolitik und Verwaltung auf einen Gauner hereinfielen. „Einen finanziellen Schaden müssen die Stadt Celle und damit auch ihre Bürger nicht beklagen: Dank der Arbeit eines gut vernetzten Lokalredakteurs, der detailreich und pointiert berichtet hat“, sagte Berthold Hamelmann, stellvertretender Chefredakteur der Neuen Osnabrücker Zeitung.

Hier der ausgezeichnete Text vom 27. August 2016

CELLE. Es gibt Dinge, die sind zu schön, um wahr zu sein. Dazu zählen wohl auch die Pläne von Peter Krämer. Der Mann aus Kropp in Schleswig-Holstein tritt in Celle als „Investor“ auf – und was für einer: Sage und schreibe 800 Millionen Euro wollte Krämer in Celle in ein Mega-Projekt stecken: Auf 140.000 Quadratmetern im Wietzenbrucher Ladenhüter-Gewerbegebiet Kolkwiesen wollte er eine Zerspanungs-Fabrik mit 1000 Mitarbeitern aus dem Boden stampfen. Ein Riesenbetrieb mit vielen Jobs, sprudelnde Gewerbesteuer: herrlich. Während Zweifler aus der Politik warnten, ließ sich die Verwaltungsspitze und auf ihr Betreiben auch der Rat auf das Wagnis mit dem Super-Investor ein. Das Resultat dürfte ein Super-Flop werden.

Bisher wurde dieses wichtige Thema nur in nichtöffentlichen Sitzungen behandelt. Der CZ liegen Protokolle dieser Sitzungen vor. Sie belegen, wie Wunschdenken gepaart mit Naivität dazu führen kann, dass realistische Bedenken vom Tisch gewischt werden – getreu dem Motto: „Wird schon schiefgehen.“ Und dann? Dann geht es schief.

Am 7. Juni 2016 stellte die Verwaltung das Projekt zuerst im Ausschuss für Stadtentwicklung vor. Da keinerlei Referenzen über Krämer vorlagen, entwickelte sich eine „kontroverse Diskussion“, wie es im Protokoll heißt. Sowohl CDU als auch SPD wollten Näheres erfahren – besonders, was die Realisierungswahrscheinlichkeit und die Liquidität des Investors anging.

Im nichtöffentlichen Teil der Ratssitzung von 16. Juni wies Oberbürgermeister Dirk-Ulrich Mende (SPD) laut Protokoll darauf hin, „dass es sich um ein Vorhaben handele, bei dem man mutig sein müsse“ - auch wenn es „sicherlich ein gewisses Risiko“ gebe. Jetzt war „nur“ noch von 700 Millionen Euro die Rede: „Derzeit sei jedoch fraglich, woher das Geld komme.“ Es kursierten Gerückte, denen zufolge der Investor „aus Kanada komme und in der Ölbranche“ tätig sei. Anderen Gerüchten zufolge sollte das Geld aus dunklen Quellen in Russland oder der Ukraine stammen. Irgendein Oligarch wolle hier sein „Spielgeld“ anlegen, hieß es.

Referenzen könne der Investor nicht vorweisen, heißt es im Protokoll der geheimen Ratssitzung. Bis auf eine: „Ein ähnliches Verfahren sei kürzlich auch in Rendsburg abgesegnet worden. Den Kaufpreis für das Grundstück wolle der Interessent zum 1. August des Jahres bezahlen, spätestens dann solle der Investor offengelegt werden. Der Oberbürgermeister bittet den Rat um Zustimmung zu dem geplanten Vorhaben.“

Während laut Sitzungsprotokoll Jürgen Rentsch (SPD) sagte, „dass bei der sich bietenden Großchance dieses kleine Risiko ohne Weiteres zu vernachlässigen sei“, war Heiko Gevers (CDU) argwöhnisch: Er sagte, er könne das „geheimnisvolle Agieren des Investors“ nicht nachvollziehen. Außerdem wies Gevers auf die dürftige Verkehrsanbindung der Kolkwiesen hin – und das bei einem Projekt, dass eigentlich einen eigenen Hafen bräuchte. Mende sagte daraufhin, dass der „Anlieferverkehr über die A7 leistbar" sei und der Hafen am Mittellandkanal in Hannover „mit eingebunden" werden solle. Außerdem solle das Werk einen Betriebskindergarten bekommen, freute sich der OB. Torsten Schoeps (WG) erklärte, „man sollte diesen wichtigen Schritt durchaus wagen“ und Udo Hörstmann wischte Bedenken vom Tisch: Es gebe zu viel „Kleinkrämertum“, das Risiko sei „kalkulierbar“. Einer appellierte an den gesunden Menschenverstand: „Ratsherr Stephan Ohl (Grüne) gibt zu bedenken, dass sich jedes Ratsmitglied mal hinterfragen sollte, ob man als Privatperson auch sein Grundstück unter diesen nebulösen Bedingungen verkaufen würde.“

Trotz aller Bedenken beschloss der „geheime“ Rat laut Protokoll auf Anraten Mendes bei sieben Enthaltungen einstimmig, dass 140.000 Quadratmeter Kolkwiese zu einem Preis zwischen 12 und 14 Euro pro Quadratmeter an Peter Krämer verkauft werden sollten. So wollte man 1,96 Millionen Euro einnehmen.

Wer ist dieser Peter Krämer, der von einem Wohnhaus am Kropper Blumenweg aus mit Millionen jongliert und in Rendsburg bereits erfolgreich tätig gewesen sein soll? Im Internet gibt es keine Informationen über ihn und seine Firma „bakaro-tec“. Nach CZ-Informationen sollen sich Verwaltungsmitarbeiter mit „Mister Unbekannt“ sogar auf Tankstellen getroffen haben, um den Mega-Deal einzufädeln. Mysteriöse Agenten-Methoden wie aus einem schlechten Film. Was steckt dahinter? Die CZ tut etwas, was die städtischen Entscheidungsträger offenbar nicht getan haben: Sie fragt einfach mal in Rendsburg nach.

Dort kann sich Klaus Brunkert, Aufsichtsratsvorsitzender der Rendsburg Port Authority, ein Grinsen nicht verkneifen, als er Krämers Namen hört. „Ja“, sagt Brunkert, „der Herr Krämer war hier aktiv, sogar sehr aktiv.“ Krämer habe vorgegeben, den ganzen Osterrönfelder Hafen am Nordostsee-Kanal kaufen zu wollen. Für 120 Millionen Euro. „Hinsichtlich der Zahlung hat er uns wieder und wieder vertröstet. Und da er am 1. August kein Geld auf den Tisch legen konnte, ist das Thema Krämer für uns erledigt“, so Brunkert, der von Krämers Celler Plänen bereits gehört hat: „Er versuchte Celle gegen uns auszuspielen und sagte, wenn er hier nicht zum Zuge komme, werde er eben in Celle investieren.“ Der CDU-Politiker Brunkert wünscht den Cellern sarkastisch „viel Erfolg“ mit diesem Investor: „Ich weiß, dass der Celler Oberbürgermeister unheimlich heiß auf das Geschäft ist, das er im Wahlkampf gerne als Erfolg präsentieren würde – aber ich fürchte, daraus wird nichts.“

Von einer Riesen-Investition wie dem 800-Millionen-Deal hätte man beim Verband der Metallindustriellen Niedersachsen etwas gehört. Volker Schmidt, Hauptgeschäftsführer von NiedersachsenMetall, schüttelt auf CZ-Anfrage den Kopf: „Herr Krämer ist in der Branche ein völlig Unbekannter. In Fachkreisen kann man über diese Celler Geschichte nur den Kopf schütteln.“ Die Seriösität von Krämer „müsse nachdrücklich angezweifelt“ werden, so Schmidt. Er wundert sich über die Celler: „Es sollte doch bekannt sein, dass Zerspanungstechnik kein High Tech ist und an sich nicht nach Deutschland passt.“ Außerdem müssten bei einem Werk der Celler Traum-Größe immense Mengen an Material angeliefert und abtransportiert werden: „Dafür braucht man einen Hafen - keine grüne Wiese an einer Landesstraße.“

Als die CZ Krämer anruft, erklärt er auf Nachfrage, dass er in Celle nun sogar 1800 Jobs schaffen möchte: "Das ist alles schon abgeklärt." Woher er das viele Geld hat? "Darüber kann ich jetzt nicht reden - ich habe eine Verwiegenheitsklausel unterschrieben", sagt Krämer, während im Hintergrund Volksmusik aus dem Radio dudelt. Die private Atmosphäre ist kein Zufall: "Ich habe keine Firma im Moment", sagt Krämer - aber das brauche er auch nicht: "Bloß, weil man nicht bekannt ist, ist man ja noch kein Spinner." Den Kaufvertag über die Kolkwiesen wolle er mit der Stadt Celle Anfang September unterzeichnen: "Herr Mende würde da ja nicht mitmachen, wenn er mir nicht glauben würde."

Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 18.06.2017 um 21:45 Uhr
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