Lehrermangel an Grundschulen im Kreis Celle

Für das kommende Schuljahr zeichnet sich ab, dass viele Grundschulen ihre freien Lehrerstellen nicht besetzen können. Foto: Julian Stratenschulte

Wenn am Mittwoch, 21. Juni, die Grundschüler im Landkreis mit ihren Zeugnissen in der Hand in die Sommerferien stürmen, blicken viele Schulleiter mit Sorge ins neue Schuljahr. Der Grund: An vielen Grundschulen können freie Lehrerstellen nicht besetzt werden. Nach CZ-Informationen ist dies an mehr als der Hälfte der Bildungseinrichtungen im Stadtgebiet von Celle der Fall, im Landkreis sieht es ähnlich aus. Gerade in der Fläche sei "das schon länger so. So dramatisch wie jetzt, war es allerdings noch nie", heißt es aus Lehrerkreisen. "Die jungen Absolventen zieht es in die Großstädte, selbst Celle ist für die nicht attraktiv."

CELLE. Viele Schulleitungen halten sich bedeckt. Einige Rektoren von Grundschulen lassen durchblicken, dass sie keinen Ärger mit der Landesschulbehörde haben wollen. Das Thema ist in den Monaten vor der Landtagswahl hochpolitisch. Angela Rath muss darauf keine Rücksicht nehmen. Die langjährige Leiterin der Grundschule Eschede ist gerade erst in den Ruhestand verabschiedet worden. "Vor zehn Jahren hatten wir noch über 100 Bewerber auf eine freie Stelle, vor fünf Jahren waren es noch um die 30. Jetzt hat sich auf die freie Stelle an unserer Schule gerade einmal eine Person beworben und die ist dann letztlich nach Celle gegangen", schildert Rath die bedenkliche Entwicklung.

Doch in der Residenzstadt sieht es nicht besser aus. An der Grundschule Neustadt bastelt Leiterin Tanja Zemke-Knoop daran, wie sie den Unterricht im kommenden Schuljahr mit nur neun statt der vorgesehenen zehn Lehrerstellen abdecken soll. "Bis zu den Herbstferien wird eine Lehrerin zwei Klassen leiten müssen. Dann kommt eine Kollegin aus der Elternzeit zurück", erklärt Zemke-Knoop. Das Problem sei damit nicht gelöst, die freie Stelle müsse unbedingt besetzt werden, denn die nächste Lehrerin sei bereits schwanger.

"Es werden zu wenig Lehrer ausgebildet", legt Friederike Sperling, Leiterin der Grundschule Nienhagen, den Finger in die Wunde. Man müsse den Beruf des Grundschullehrers finanziell aufwerten, fordert sie. Lehrer in die Fläche zu kriegen, sei enorm schwer. Eine Lösung dafür nicht in Sicht. Die Idee, zuerst die Stellen auf dem Land auszuschreiben und dann in den Städten, zündet nicht. Die Anwärter wechseln dann trotzdem oder warten schlicht auf die zweite Bewerbungsrunde.

"Vielleicht sollte man Berufsanfänger aufs Land schicken", schlägt Rath vor. Schon jetzt sei es so, dass man freie Stellen fast nur noch über Lehramtsanwärter besetzen könne, die die Schule schon kennengelernt haben. So ist in Bröckel gelungen, eine Stelle zu besetzen. "Die junge Kollegin fand es an unserer kleinen Schule einfach schön", berichtet Schulleiterin Claudia Stolte. Rath selbst hatte damit kein Glück. Sie habe sogar eine Ausschreibung extra auf die Fächer einer Lehramtsanwärterin zugeschnitten. "Dann hat sie ihre Traumstelle in Hannover bekommen und war weg."

Das Kultusministerium möchte zum jetzigen Zeitpunkt keine Zahlen über unbesetzte Stellen herausgeben. "Das Einstellungsverfahren ist noch in vollem Gange", so die Begründung von Pressesprecher Sebastian Schumacher. Dass man in Hannover nicht mehr daran glaubt, das Klassenziel einer 100-prozentigen Lehrerversorgung an den Grundschulen zu erreichen, zeigt die Tatsache, dass man bereits einen Plan B in die Wege geleitet hat.

Das Schlüsselwort heißt "Abordnung". Eberhard Brandt, Landesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, ist in die Pläne des Kultusministeriums eingeweiht. "Die Oberschulen sollen für ein Jahr Lehrer an die Grundschulen abordnen. Im Gegenzug erhalten die Oberschulen Lehrkräfte von den Gymnasien", erläutert Brandt. "Die Grundschulen werden auf jeden Fall auf 100 Prozent kommen", ist Brandt überzeugt. Das Problem liegt woanders. An den Oberschulen sorgt die Lehrerbeschaffungsmaßnahme für die Grundschulen für gehörige Unruhe. Brandt kann das verstehen: "Ich bin skeptisch, ob sich genug Gymnasiallehrer finden, die an die Oberschulen gehen wollen."

Gunther Meinrenken Autor: Gunther Meinrenken, am 20.06.2017 um 09:18 Uhr
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Nachgefragt

nachgefragt bei Eberhard Brandt, Landesvorsitzender der GEW

Eberhard Brandt ist Landesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Das Gespräch führte CZ-Redakteur Gunther Meinrenken. Worin sehen Sie die Ursachen für den akuten Lehrermangel an den Grundschulen in Niedersachsen? Wir haben bei den Studentinnen Abbrecherquoten von bis zu 40 Prozent. Wenn nur die Hälfte von denen ihren Abschluss machen würde, wäre das Problem gelöst. Also sind die Studenten schuld?  Nein, natürlich nicht, die Hochschulen benötigen mehr Lehrpersonal, um das Studium zu verbessern. Zudem gibt es viele Faktoren, die im Augenblick zusammenkommen. Zum einen gibt es einen hohen Ersatzbedarf, weil überdurchschnittlich viele Lehrer pensioniert werden. Durch die Flüchtlingskinder ist an den Grundschulen ein hoher Zusatzbedarf entstanden und die Einführung der Ganztagsschule hat ebenfalls viele Kräfte gebunden. Die nächsten zwei Jahre werden die Grundschulen wohl noch durch ein Tal der Tränen gehen. Warum ist die Politik darauf nicht vorbereitet. Abgesehen von dem Flüchtlingsstrom hätte man sich doch darauf einstellen können. Die derzeitige Situation wird dadurch verschärft, dass die CDU/FDP-Landesregierung unter dem damaligen Ministerpräsidenten Christian Wulff und dem Kultusminister Bernd Busemann ein "Hochschuloptimierungskonzept" umgesetzt hat, das auch darin bestand, an den Hochschulen in Hannover und Göttingen die Ausbildung der Grundschullehrer einzustellen. Wir haben damals vor den fatalen Folgen gewarnt. Leider werden wir jetzt in unseren Befürchtungen bestätigt. So schnell wird man neue Studienplätze nicht schaffen können, beziehungsweise, selbst wenn jetzt mehr Kapazitäten geschaffen würden, würden die Absolventen erst in ein paar Jahren an die Schulen kommen? Nicht nur das. Wir beobachten, dass das Grundschulstudium zunehmend unattraktiver wird. Andere Bundesländer fangen deshalb schon an, Grundschullehrer besser zu bezahlen. Auch wir fordern, alle Lehrkräfte ab dem übernächsten Schuljahr, also ab August 2018, so zu bezahlen wie Studienräte. Außerdem muss in Hannover und Göttingen das Studium für Grundschullehrer wieder eingerichtet werden. Ich hoffe, die Politik sieht das ein. Vor allem der ländliche Raum leidet unter dem Lehrermangel. Die meisten Absolventen zieht es in die Stadt, heißt es. Haben Sie eine Erklärung dafür, dass aber selbst eine Stadt wie Celle schon Schwierigkeiten hat, genügend Bewerber zu finden? Das ist in der Tat merkwürdig. Wir wissen, dass vor allem, wenn auch nicht alle ländlichen Regionen von den Uni-Absolventen nicht so nachgefragt sind. Schon zu meiner Zeit als Lehrer in Celle merkte man, dass die Leute nicht hierher wollten. Keiner versteht, warum Celle so unbeliebt ist.

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