Fastenbrechen in Lachendorf

Es ist 21 Uhr und beim Olen Drallen Hoff tut sich was. Einige Besucher kommen zu Fuß, andere wiederum werden mit dem Auto gebracht. Sie kommen aus Lachendorf, Celle, Nienhagen, Bergen, Beedenbostel und Wathlingen. Immer mehr finden sich in dem großen Veranstaltungssaal ein, um an den langen Tischen Platz zu nehmen. Währenddessen sind viele fleißige Helfer damit beschäftigt, Töpfe, Schüsseln, Schalen und Platten hineinzutragen und das Buffet herzurichten. Es herrscht emsige Betriebsamkeit. Was ist los an diesem Samstagabend im Juni? Möchte hier im Olen Drallen Hoff heute jemand seinen Geburtstag feiern? Um diese Zeit? Eher unwahrscheinlich. Des Rätsels Lösung: Die Zusammenkunft erfolgt auf Initiative des Willkommens-Cafés, das dort seit Dezember 2015 einmal im Monat ein Treffen von Flüchtlingen und Einwohnern der Samtgemeinde Lachendorf organisiert. Normalerweise finden diese Zusammenkünfte allerdings immer am Nachmittag statt.

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Lachendorf. Birgit Warkulat, Mit-Initiatorin des Willkommens-Cafés klärt auf, was es mit dem Geschehen zu recht später Stunde auf sich hat: “Zurzeit ist Ramadan, und aus diesem Grund wäre am Nachmittag wohl niemand gekommen. Da hatte Frau Yilmaz die Idee, einfach am Abend zum Fastenbrechen zusammenzukommen.“ “Normalerweise findet das Fastenbrechen in der Familie statt. Da sitzt also niemand allein zu Hause. Um den Menschen hier ein Gefühl von Heimat zu vermitteln, veranstalten wir heute diesen Abend“, fügt Suzan Yilmaz, Lachendorfs Integrationsbeauftragte hinzu.

Das Fasten im Monat Ramadan bedeutet, dass der Muslim beziehungsweise die Muslima von Beginn der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang auf Speisen und Getränke, aber auch aufs Rauchen verzichtet und sich des Austauschs von Zärtlichkeiten und des Beischlafs enthält. Diese Punkte umfasst das „äußere Fasten“. Es gibt allerdings auch noch das „innere Fasten“, bei dem es gilt, keinerlei moralische Verfehlungen wie üble Nachrede, Verleumdungen, Beleidigungen und Lügen zu begehen, sich nicht bewusst etwas Verwerfliches anzuschauen und nichts Verabscheuungswürdiges zu tun.

Zum Fasten angehalten sind alle gesunden, erwachsenen Muslime. Davon ausgenommen sind Reisende, Kinder vor der Pubertät, Altersschwache, Kranke, Schwangere und stillende Mütter. Der Verzicht aufs Essen wird von den meisten der Anwesenden als wenig belastend empfunden. „Wir kennen das von klein auf. Als Kind übt man wenn man mag schon mal, für ein paar Stunden zu verzichten. So gewöhnt man sich dran“, ist die einhellige Meinung. Da ist es zum Beispiel für Ammar Diab eine viel größere Herausforderung, nicht nach Mädchen zu schauen, wie er lächelnd verrät.

Das Fasten wird allabendlich beim gemeinsamen Essen mit der Familie und Freunden gebrochen. Man trifft sich zum sogenannten Iftar, das ist die arabische Bezeichnung für das Fastenbrechen. An diesem Tag im Olen Drallen Hoof ist das um Punkt 21.47 Uhr.

Hier kommen heute die unterschiedlichsten Nationalitäten zusammen, die Türkei, der Iran und Irak, Syrien, Pakistan, Deutschland, Aserbaidschan und Griechenland sind vertreten. Und auch die Spezialitäten auf dem Buffet spiegeln diese Vielfalt wider. Es gibt türkische Suppe und Kabse, ein arabisches Reisgericht mit Fleisch. Kube, das ist Bulgur mit Tomaten, Zwiebeln und Petersilie, wird ebenso angeboten wie Kabap Handy, Rote-Bete-Creme sowie Hähnchenfleisch in zahlreichen Variationen. Und natürlich dürfen auch die Süßspeisen nicht fehlen. Es gibt Revani, das ist ein türkischer Grießkuchen, als deutschen Beitrag eine Quarkspeise mit Baiser und Himbeeren und als Highlight Kunafa Nabulsia, ein bekanntes und beliebtes arabisches Dessert.

Dass es sehr gut ankommt, zeigt sich allein schon daran, dass die zwei Bleche, die auf dem Buffet standen, in kürzester Zeit wie leergefegt aussehen. Aber Zakaria Nabulsi und Mohammad Alzouabi haben in weiser Voraussicht noch ein Blech auf Vorrat in petto. Es muss nur noch gebacken werden. Zakaria ist eigentlich Maschinenbau-Ingenieur und Mohammad hat Management studiert, aber trotzdem kennen sich die beiden auch in der Küche gut aus: “Wir kochen und backen gern.“

Für Kunafa Nabulsia werden feine Teigfäden in Butter getränkt und mit Ricotta oder Mozzarella in eine Form geschichtet. Nach dem Backen übergießt man das Ganze mit Zuckersirup, der mit etwas Rosenwasser aromatisiert ist. Das Ergebnis: ein Traum. Das Blech mit dem köstlichen Nachtisch wird also rasch in den Ofen geschoben, und eine gute halbe Stunde später können all jene, die bisher noch nichts davon abbekommen haben, doch noch probieren. “Köstlich!“ Birgit Warkulat verdreht genießerisch die Augen.

Suzan Yilmaz hat auch Christen zu diesem Fastenbrechen eingeladen. Nach anfänglichen Irritationen wie “Aber ich faste doch gar nicht“ und dem Hinweis, dass das gar nichts ausmache, sind sie gern gekommen. So zum Beispiel Ilse Rätz, die 2015 auf Initiative der Raphaelskirche Lachendorf die Versorgung der Flüchtlinge mit Artikeln des Grundbedarfs übernahm, sowie Gesa Hetzl, Simone Thomas und Margaret Bühring vom Treffpunkt JUZ, der Hilfe bei bürokratischen Angelegenheiten und ein offenes Angebot zum Gespräch bietet. Die Frauen berichten, dass durch ihre Hilfeleistung in den vergangenen Jahren Freundschaften entstanden sind und freuen sich, an diesem Abend mit dabei zu sein.

In diesem Jahr endet der Ramadan übrigens am Ende des 24. Juni, und wird dann mit einem großen Fastenbrechenfest gefeiert.

Kirsten Glatzer Autor: Kirsten Glatzer, am 21.06.2017 um 13:15 Uhr
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