BILDER »
Weitere Bilder finden Sie in der Bildergalerie

CELLE. An seine ersten Fahrübungen mit Stützrädern auf dem damals noch unbefestigten Berkefeldweg kann sich Karsten Hälbig noch gut erinnern. Mittlerweile ist er seit 56 Jahren auf zwei Rädern unterwegs, davon fast 43 Jahre im Dienst der Kreisverwaltung Celle. Die teilweise kindliche Begeisterung für das Zweirad ist geblieben. „Es macht mir auch heute noch einen Heidenspaß, direkt in eine große Pfütze zu steuern, um diese schwungvoll über das rotierende Hinterrad leerzupumpen“, sagt der 59-Jährige.

„Mein Arbeitsweg ist wunderschön“, berichtet der Verwaltungsangestellte. Vom Wald an der Wittinger Straße radelt er vorbei am Thaerhaus über die Dammaschwiesen und die Pfennigbrücke durch die Altstadt bis zur Kreisverwaltung. Viermal täglich fährt der Sozialamtsmitarbeiter die Strecke, denn in der Mittagspause geht es wieder nach Hause, wo seit 30 Jahren seine Frau Petra mit dem Essen auf ihn wartet. Dafür wird es abends manchmal etwas später und die Feierabendfahrt findet im Dunkeln statt. Dank seinem erprobten Nabendynamo sei das aber kein Problem. „Die neuen Dynamos sind ja nur Spielzeug gegenüber den alten aus den 50er-Jahren“, meint Hälbig.

Auf das Auto steigt er wirklich nur bei schlimmsten Wetterverhältnissen um: Ab 15 Grad Minus oder wenn der Schnee höher als 10 Zentimeter liegt. „Da sind mir meine Knochen wichtiger als die Bewegung an frischer Luft“, sagt der 59-Jährige. Bei allen anderen Witterungslagen sattelt Hälbig jedoch den Drahtesel, schließlich liebt er die tägliche „Tuchfühlung“ mit der Stadt und seinen Bewohnern. „Was einem da alles über den Weg läuft, ist schon sehenswert – von Tieren bis zu alten Cellern. Mit dem Auto kann man das so nicht erleben. Und auf dem Fahrrad kann man wenigstens Mal Guten Morgen sagen oder einen kurzen Satz wechseln.“

Seit zwei Jahren ist Hälbig, der vor allem durch das Celler Kaiser-Panorama stadtbekannt ist, mit einem Fahrrad der Marke „Bismarck“ unterwegs. Fahrradhändler Hendrik Werner hatte Hälbig das nostalgische Rad mit einem Augenzwinkern in Anspielung auf sein ungewöhnliches Hobby empfohlen. Ein Tipp, der sich gelohnt hat. „Es ist ein gutes Rad, an dem ich fast nie etwas machen muss. Ich fahre noch immer auf den ersten Reifen und den ersten Schläuchen“, sagt Hälbig. In Sachen Aufbau und Fahreigenschaften erinnere ihn sein jüngster Drahtesel sehr an das großväterliche „Standard“-Rad, das 1953 aus Lastenausgleichsmitteln als Ersatz für erlittene Verluste bei der Flucht aus Pommern beschafft worden war.

Hälbig kann sich noch sehr genau an alle seine Zweiräder erinnern: Auf seinen ersten Drahtesel mit Stürzrädern folgte ein größeres Jugendrad, das in großer Kartonage am OHE-Bahnhof Altenhagen angekommen war und dort abgeholt werden musste. „Das dritte Fahrrad wurde dann beim Fahrradhändler Wilhelm Böse, der heute 82 Jahre als ist, vor Ort in Altenhagen gekauft“, berichtet Hälbig. Allerdings wuchs er schnell über dieses 26-Zoll-Rad hinaus, so dass er das mütterliche 28-Zoll-Fahrrad vom Typ „Olympia“ mitbenutzen musste.

Sein Großvater bot ihm daraufhin sein 28-zölliges „Standard“-Fahrrad an – unter der Voraussetzung, dass er es selbst reparieren könne. „Also lernte ich mit zwölf Jahren, wie man einen Platten wieder in Ordnung bringt“, so Hälbig. Das „Standard“ verfügte zwar weder über Gangschaltung noch Kettenschutzblech, hatte aber Bakelit-Handgriffe, eine solide Gestängebremse vorn und große Lampen einer bekannten deutschen Elektrofirma hinten. „Mit diesem Fahrrad machte ich vor allem Überlandfahrten, vornehmlich nach Lachendorf oder Beedenbostel zu Schulfreunden“, erinnert sich Hälbig. Für den Schulweg sei ihm das Rad zu schade gewesen – aus Angst vor Vandalismus. Hälbig: „Die rund 1000 Meter zur Schule ging ich lieber zu Fuß.“

Mit dem „Standard“-Rad fuhr Hälbig auch in den ersten selbstfinanzierten Urlaub nach Mardorf ans Steinhuder Meer und bis nach Minden und Wiedensahl. Weil seine Mutter fand, dass ein Kreisbeamter ein standesgemäßeres Gefährt benötige, schenkte sie ihm 1980 eines der damals sehr beliebten Hollandräder mit Gangschaltung. Dieses wurde ihm 1989 am Celler Schloss gestohlen, woraufhin Hälbig es mit einem silberfarbenen KTM probierte. „Das war den täglichen Fahrten mit etwa 12 bis 15 Kilometern pro Tag aber nicht gewachsen und musste oft in Reparatur“, erinnert sich Hälbig. Daraufhin stieg er wieder auf ein Hollandrad um, das immerhin mehr als 15 Jahre seinen Dienst verrichtete.

Seltener als seine Fahrräder wechselte Hälbig nur seine Aktentasche. „Ich führe immer eine mit mir, das ist inzwischen die dritte Tasche in 43 Jahren“, sagt der Verwaltungsmitarbeiter. Im Gegensatz zum Zweirad ist ihm der Zustand seines Lederbehälters ziemlich egal. „Es gibt wichtigeres als eine Aktentasche zu kaufen“, findet er. Sein Drahtesel muss dagegen immer „tipptopp in Ordnung sein“. Alles andere wäre im dichten, nicht immer optimal verlaufenden Verkehr in Celle zu gefährlich. Hälbig: „So kann Fahrradfahren auch im fortgeschrittenen Alter noch Spaß machen“.

Christian Link Autor: Christian Link, am 23.06.2017 um 11:59 Uhr
Druckansicht

LESER-FEEDBACK »
Keine Kommentare vorhanden
WEITERE THEMEN »

Rizin-Fund: «Sehr wahrscheinlich» Terroranschlag vereitelt

Köln (dpa) - Drei Tage nach Sicherstellung des Bio-Giftes Rizin in einer Kölner Hochhauswohnung haben Ermittler bei einer neuen Durchsuchung offenbar keine weiteren brisanten Funde gemacht. ...mehr

Kinder sollen besser vor Dickmacher-Werbung geschützt werden

Saarbrücken (dpa) - Fast Food, Limonaden, Süßwaren: Die Bundesländer wollen Kinder und Jugendliche besser vor gezielter Werbung für Dickmacher schützen. Das haben die Verbraucherschutzminister der Länder in Saarbrücken beschlossen. ...mehr

Tunesier soll Bio-Waffen hergestellt haben

Köln (dpa) - Der in Köln gefasste 29-Jährige soll bereits seit mehreren Wochen biologische Waffen in seiner Wohnung hergestellt haben und bei der Produktion seines tödlichen Gifts weit fortgeschritten sein. ...mehr

Substanz in Kölner Hochhaus enthielt hochgiftiges Rizin

Köln (dpa) - Nach dem Fund von hochgiftigem Rizin in einer Kölner Hochhaus-Wohnung hat der Bundesgerichtshof Haftbefehl gegen den 29-jährigen Wohnungsinhaber erlassen. Es bestehe der dringende Verdacht des Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz, sagte ein Sprecher des Generalbundesanwaltes. ...mehr

Gesundheitsfest des Kreissportbundes im Französischen Garten

Trotz Freibadwetter fanden am vergangenen Freitag mehr als 100 weiteren Kinder ihren Weg zum Französischen Garten in Celle. Bei Temperaturen von fast 30 Grad standen Sport, Spiel und Spaß an diesem Nachmittag im Vordergrund. In Kooperation mit der Stadt Celle richtete der Kreissportbund (KSB) erstmalig… ...mehr

Samuel Koch in Hermannsburg: "Weiter wach und neugierig sein"

Leistungsturnen, zwölf Trainingseinheiten in der Woche, Abitur, Wehrdienst, Schauspiel­studium: Samuel Koch führt ein im wahrsten Sinne des Wortes bewegtes Leben – bis sein Unfall im Dezem­ber 2010 in der Fern­sehshow „Wetten, dass ..?“ alles von einer Sekunde auf die andere verändert.… ...mehr

Rekordverdächtige Ernte im Celler Land: Erdbeeren so billig wie lange nicht

Auf den Feldern im Celler Land herrscht Alarmstufe Rot: Die Erdbeersaison ist so früh und schnell gestartet wie lange nicht mehr. „Die Bestände sind im Mai sehr schnell gereift und jetzt kommt alles zugleich“, sagt Ralf Lienau vom Erdbeer- und Spargelhof Lienau aus Nienhagen. ...mehr

HIV-Selbsttests sollen bald leichter erhältlich sein

Berlin (dpa) - Für ein früheres Erkennen von Aids-Erkrankungen sollen Selbsttests auf eine HIV-Infektion voraussichtlich ab Herbst leichter erhältlich sein. ...mehr

Anzeige
E-PAPER »
19.06.2018

Cellesche Zeitung

Die vollständige Ausgabe der CZ in digitaler Form mit Blätterfunktion.

» Anmelden und E-Paper lesen

» Jetzt neu registrieren

THEMENWELT »
AKTUELLES »

Merkel und Macron beginnen Beratungen über EU-Reform

Berlin/München (dpa) - Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron…   ...mehr

Trauriger Rekord: Nie gab es weltweit so viele Flüchtlinge

Genf (dpa) - Nie sind in der Welt durch Krisen und Konflikte so viele Menschen auf der Flucht gewesen…   ...mehr

Beteiligung an Türkei-Wahl in Deutschland steigt deutlich

Istanbul (dpa) - Die Beteiligung an der türkischen Präsidenten- und Parlamentswahl in Deutschland…   ...mehr

Neuer nimmt Mitspieler vor Schweden-Spiel in die Pflicht

Sotschi (dpa) - Kapitän Manuel Neuer hat vor dem K.o.-Spiel gegen Schweden alle deutschen Nationalspieler…   ...mehr

Zweites Spiel für WM-Gastgeber - Bayern-Duo im Einsatz

Moskau (dpa) - Bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland stehen heute die ersten Spiele der Gruppe…   ...mehr

Merkel: Müssen im Klimaschutz wieder besser werden

Berlin (dpa) - Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat größere Anstrengungen im Klimaschutz angemahnt.…   ...mehr

Angeklagter gesteht Angriff auf Kippa tragenden Israeli

Berlin (dpa) - Rund zwei Monate nach der Attacke gegen einen Kippa tragenden Israeli in Berlin hat ein…   ...mehr

Le Pen muss 300.000 Euro ans EU-Parlament zurückzahlen

Luxemburg (dpa) - Die französische Rechtspopulistin Marine Le Pen ist mit ihrer Klage gegen eine hohe…   ...mehr

Argentinier radelt zur WM nach Moskau

Moskau (dpa) - Der Mann hat sich ganz schön abgestrampelt: 80 000 Kilometer hat der Argentinier Matyas…   ...mehr

Umfrage: CSU käme bundesweit auf 18 Prozent

Berlin (dpa) - Der Asylstreit schwächt einer aktuellen Umfrage zufolge die Union. Im INSA-Meinungstrend…   ...mehr
SPOT(T) »

Gardofflsubbe

Nanu, was ist denn hier passiert? Keine Sorge, mit meiner Tastatur ist alles… ...mehr

Schlau

Sie kriegen einfach alles raus: Forscher. Zum Beispiel, dass am Herzen operierte… ...mehr

Ab in den Garten

In der Mittagspause nehme ich mir mal Zeit, um mir die Stadt anzusehen. "Bei… ...mehr

VIDEOS »
FINDE UNS BEI FACEBOOK »
Datenschutz Kontakt AGB Impressum © Cellesche Zeitung Schweiger & Pick Verlag Pfingsten GmbH & Co. KG