Frank Will aus Wathlingen hatte es nicht leicht

Foto: Andreas Babel

Unser Porträt von Frank Will ist traurig und hoffnungsvoll zugleich. Traurig, weil das Umfeld des 57-jährigen Wathlingers ihn oft gehänselt und ausgegrenzt hat. Hoffnungsvoll, weil es zeigt, wie Muter und Schwester sich immer für ihren Sohn und Bruder eingesetzt haben. Frank Will ist ein liebenswerter Kerl, der seinen Mitmenschen stets freundlich gegenübertritt. Er hat auch weiterhin Unterstützung verdient.

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Frank Will war eine Hausgeburt. Er ist im Jahre 1959 zu spät geboren und als er sich schließlich entschied, den Bauch seiner Mutter Inge zu verlassen, da war er ganz blau angelaufen. Er muss einen vorkindlichen Hirnschaden erlitten haben, vermutet seine Mutter heute, die sich fast 87-jährig noch immer um Frank kümmert. Als Frank eineinhalb Jahre alt war, mussten seine Eltern mit ihrem Zweitgeborenen die Celler Kinderklinik aufsuchen. Dort trafen sie auf die Leiterin Dr. Helene Darges-
Sonnemann. Sie nahm das Paar beiseite, nur ein junger Arzt hörte die Worte der Medizinerin: „Ihr Sohn hat einen Wasserkopf, das ist völliger Idiotismus. Seine Haut ist so locker wie ein Dackelfell. Ziehen Sie ihren Sohn aus, stellen sie das Kinderbett vors offene Fenster, morgens sind Sie das Übel los“, riet die Ärztin Anfang der 60er Jahre dem Wathlinger Ehepaar zur aktiven Sterbehilfe. „Sie war sehr herrisch, der junge Arzt war ihr hörig und blabberte ihr alles nach. Er sagte uns, dass wir unser Haus verkaufen können und nach Rotenburg ziehen müssten, denn dort in die Anstalten müsse unser Sohn hin.“

Doch so kam es nicht. Das Ehepaar fuhr völlig konsterniert nach Hause nach Wathlingen. Inge Wills alter Hausarzt aus Hänigsen riet ihr, in der Göttinger Kinder-Uniklinik vorstellig zu werden. Dort nahm sich Dr. Schulte, damals noch ein ganz junger Arzt, des Jungen an. „Bringen Sie ihn mal drei Wochen lang her, dann sehen wir weiter“, meinte er. Gesagt, getan. Besuchen konnte die Mutter ihr Kind nicht. Der Mediziner war ganz begeistert von seinem neuen Patienten. Die Belegschaft der Klinik hatte ein Schaukelpferd und eine Spielzeug-Eisenbahn organisiert, mit denen Frank laut und anhaltend spielte. „Wir haben hier so richtig unseren Spaß“, erläuterte Dr. Schulte. Nach drei Wochen Klinikaufenthalt in Göttingen sagte er: „Es ist noch zu früh, etwas zu sagen, aber unserer Meinung nach ist er ein Spätzünder. Er kann normal eingeschult werden.“

Mediziner rät:
„Schulen Sie ihn ein!“

Als Frank fünf Jahre alt war, sprach die Mutter noch einmal kurz mit dem Mediziner. „Schulen Sie ihn ein. Wenn es Probleme gibt, melden Sie sich“, bestärkte er die Wathlingerin erneut, sich von der Fehldiagnose der Dr. Darges-Sonnemann nicht kirre machen zu lassen. Er wollte mit einem neu auf den Markt gekommenen Glutamin-Produkt versuchen, den Entwicklungsprozess zu beschleunigen.

Inge Will bestand also darauf, dass ihr Sohn mit sechs Jahren eingeschult wurde. Seine Volksschullehrerin hatte zunächst Angst. „Aber nach 14 Tagen konnte mein Frank den Bleistift richtig halten“, ist die Mutter noch heute sichtlich stolz auf diesen ersten kleinen Erfolg.

„Dann hat mir das Gesundheitsamt die Fürsorge auf den Hals geschickt. Alle vier Wochen kam jemand ins Haus“, erzählt sie. Nach einiger Zeit sagte die Kontrolleurin: „Frau Will, das ist mir eine Lehre: Nie wieder werde ich ein Kind verurteilen, das ich nicht kennengelernt habe und wo ich nicht weiß, ob die Eltern dahinterstehen, und dieses Kind auf eine Behindertenschule schicken.“

Frank war in Deutsch gut, schrieb in diesem Fach nur Zweien. Trotzdem gab ihm ein Lehrer einmal eine Fünf im Zeugnis. „Dieser Lehrer trat und schubste unseren Sohn und schmiss mit dem Schlüsselbund nach ihm. Er sagte, Frank brauche keine guten Noten. Als ich mich beim Schulamt über ihn beschwerte, hieß es: Lehrer sind Beamte auf Lebenszeit, der darf das!“ Nur ein einziges Mal hat sich ein Lehrer schützend vor Frank gestellt, als Mitschüler ihn hänselten, weil er an der Tafel nicht so schnell vorankam.

Andere Eltern haben Angst vor „Ansteckung“

Frank durfte oft nicht mit anderen Kindern spielen – die Eltern hatten Angst vor „Ansteckung“. Ein Junge schubste ihn oft vom Fahrrad und er kam weinend nach Hause. „Ich habe den Vater zur Rede gestellt, aber der hat gesagt: ,So etwas gehört nicht auf die Straße.‘ Es war schlimm, sich so etwas anhören zu müssen“, erzählt Inge Will.

Nach der Schulzeit gab es Trouble mit dem Celler Arbeitsamt, das Frank zunächst zur Lobetalarbeit schicken wollte. Schließlich kam er mit weiteren jungen Männern ins Annastift zur Berufsfindung nach Hannover. Nach vier Tagen wurden alle Neuankömmlinge rausgeschmissen und saßen hilflos am Straßenrand.

Jetzt begann die lange Suche nach einem Ausbildungsplatz für ihren Sohn. In der Celler Altstadt wurde ein Lagerarbeiter gesucht. „Ich habe den Arbeitgebern immer gesagt, dass Frank ein bisschen langsam ist.“ Und wie reagierten die – immer in Gegenwart des Jugendlichen?: „Wir stellen doch keinen Idioten ein!“ und „Wir lassen uns doch die Kunden nicht vergraulen!“ und schließlich: „Und wenn die Kasse nicht stimmt?“

Frank bekam dann eine Praktikantenstelle bei der Gemeinde Wathlingen. Nur damit war der Personalchef nicht einverstanden. Der versuchte, ihn wieder loszuwerden. Die Kolleginnen gaben Frank falsche Briefmarken, die er auf Kuverts kleben musste. Die Differenz von 10 D-Mark musste er aus eigener Tasche erstatten. Das Praktikum wurde rasch beendet, Frank hatte wieder keinen Job. Drei ehemalige Verwaltungsangestellte haben sich bei der Familie Will entschuldigt, als sie aus dem Dienst ausgeschieden waren. „Sie hätten, wenn sie Frank beigestanden hätten, ihre Kündigung erhalten“, sagten sie Inge und Frank Will.

Etliche Jahre später bekam er in Berlin die Möglichkeit, seine Lehre bei einem DRK-Institut zu absolvieren: Er lernte dort Textilreiniger. Nach drei Jahren schaffte Frank seine Gesellenprüfung. In Berlin war er ganz auf sich allein gestellt. Seine Eltern konnten ihn dort nicht unterstützen.

Anschließend arbeitete Frank für eine Celler Wäscherei, sollte aber im Gegensatz zu seinen Kollegen kein Weihnachts- und kein Urlaubsgeld erhalten und Urlaub brauche er auch nicht, hieß es. Auch hier nutzten Frauen Franks Schwäche aus und halsten ihm ihre Arbeit auf, wenn sie sich während ihrer Arbeitszeit mit einem Kollegen vergnügten, meint Inge Will. Frank wurde gekündigt.

So kam er zur Lebenshilfe, wo er in seinem erlernten Beruf tätig ist. Die ersten 15 Jahre hat er hier in der Wäscherei an Maschinen gearbeitet. Wegen gesundheitlicher Probleme darf er heute nicht mehr schwer heben, er wird fürs Wäsche Zusammenlegen eingesetzt.

Unterwegs in aller Welt und per Rad in der Region

Inge Will nahm ihren Sohn mit zum Wanderverein. Alle nahmen ihn gut auf. Als Inge Wills Mann 1991 gestorben war, unternahm sie viele Busreisen mit ihrem Sohn und auch nach Teneriffa und Gran Canaria hat sie ihn mitgenommen. Heute geht Frank gerne auf Busreisen. Eben erst war er mit einem Bekannten in Kühlungsborn. Mit einigen Gleichgesinnten ist er alle zwei Wochen auf Fahrradtour.

Vor einigen Jahren wurde Inge Will im Rathaus vorstellig. Er verdient nur 250 Euro und seine Mutter wollte sich erkundigen, ob er Ansprüche auf Hilfen hat, sei es finanzielle oder im Bereich der Fortbildung. Doch sie traf auf eine Mitarbeiterin, die kein Verständnis für dieses Ansinnen hatte. „Sie saß da wie eine Matrone und hat mir gesagt: ,Sie haben doch wohl eine warme Suppe für ihn übrig und ein geheiztes Zimmer – abgelehnt!‘ Da war ich erst vor den Kopf gestoßen, habe ihr dann aber doch gesagt, dass sie von unseren Steuergeldern bezahlt wird. Ich habe mir geschworen, dass ich dieses Büro nie wieder betreten werde und wenn ich verhungern müsste“, sagt Inge Will.

Jetzt hat Franks jüngere Schwester Marion die Betreuungsvollmacht für ihn. „Ich bin durch meinen Bruder sehr sozial eingestellt. Er ist immer verschwiegen gewesen. Ein Geheimnis ist bei ihm gut aufgehoben. Er ist sehr kinderlieb, hat sich immer liebevoll mit seiner Nichte beschäftigt und macht das mit seiner Großnichte genauso“, sagt sie. Die Frau, die bei Gifhorn lebt, hat ihren Bruder immer verteidigt und ärgert sich darüber, dass die meisten Menschen nur nach dem äußeren Schein gehen, dabei den Menschen dahinter aber nicht erblicken.

Wie dumm einige Menschen heute noch sind, beweist die Frage einer Wathlingerin, die sie erst vor kurzem einer von Franks ehemaligen Mitschülerinnen stellte: „Ich dachte, der Frank hat in Wathlingen die Blödenschule besucht?“ Inge Will hat über diese Frau eine klare Meinung: „Da stellt sich doch die Frage, wer auf der Blödenschule war, oder?“

Frank lebt mit seiner Mutter alleine unter einem Dach. Inge Will, die quietschfidel ist, sagt:„Und wenn ich mal nicht mehr bin, hat er lebenslanges Wohnrecht in diesem Haus. Ich möchte aber noch ein paar Jahre leben – für Frank.“

Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 02.08.2017 um 15:28 Uhr
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lebenslauf

26. November 1959 Geburt im Wathlinger Elternhaus 1966 Einschulung in Wathlinger
Volksschule 1981 bis 1984 Lehre in Berlin 1. August 1998 Arbeit bei Lebenshilfe begonnen seit 2000 beim „Celler Waschbär“ beschäftigt 2016 Schwester Marion übernimmt Betreuung des Bruders

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