SVG Celle meldet Insolvenz an: Aus für Bundesliga-Handball nach 19 Jahren

Bild mit Symbolcharakter: Enttäuschte Gesichter bei den Spielerinnen des SVG Celle nach dem Spiel in Metzingen in der abgelaufenen Saison. Nach dem sportlichen Abstieg aus der Bundesliga meldet der Verein die Mannschaft jetzt ganz vom Spielbetrieb ab. Foto: Eibner Pressefotos

Bis zuletzt hatten Fans und Verein auf eine Lösung gehofft. Aber am Ende waren diese Hoffnungen vergeblich. Der SVG Celle hat am Donnerstag beim Amtsgericht in Celle Insolvenz angemeldet und die Mannschaft mit sofortiger Wirkung vom Spielbetrieb in der zweiten Liga noch vor dem offiziellen Saisonstart im September zurückgezogen. Es ist das Ende einer Ära, das Aus für Bundesligahandball der Frauen in Celle nach insgesamt 19 Jahren.

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CELLE. Für die Insolvenz gibt es eine Vielzahl an Gründen, die nicht nur mit den jüngsten sportlichen und wirtschaftlichen Schwindelanfällen des Vereins zu begründen sind. „Wir werden keine konkurrenzfähige Mannschaft in die Saison schicken können. Deshalb haben wir auch nicht genug Sponsoren bekommen, um die Finanzierung der Zweitligasaison sicherzustellen“, sagt Andreas Meyer. Am Donnerstag informierte der Chefkoordinator der SVG Celle Handball GmbH auch die Handball Bundesliga Frauen (HBF) über diesen Schritt. Celle steht damit als erster Absteiger in die dritte Liga fest, wie die HBF bestätigte.

Die endgültige Entscheidung, in die Insolvenz zu gehen, ist das Ergebnis eines langen Prozesses bei den Verantwortlichen. „Am Ende war es eine Entscheidung der Vernunft. Irgendwann ist der Punkt erreicht, eine verantwortungsvolle Entscheidung auch gegenüber der Mannschaft, dem Trainer und dem Umfeld des Vereins zu treffen“, sagt Meyer auch mit Blick auf die finanziellen Schieflagen des Bundesligisten in der Vergangenheit und die daraus hervorgegangenen Altlasten, die den Klub immer wieder an den Rand der Insolvenz brachten und bis zuletzt belasteten. „Wir haben alles versucht, am Ende war dieser Schritt unausweichlich“, sagt Meyer, der diesen Entschluss nach eigenen Angaben in enger Absprache gemeinsam mit den Gesellschaftern der GmbH getroffen hat.

Bis zuletzt hatte Meyer bei zahlreichen Sponsoren noch die Klinken geputzt, um Gelder für den sportlichen Neuanfang in der zweiten Liga einzusammeln, nachdem die Mannschaft in der abgelaufenen Spielzeit aus der Bundesliga abgestiegen war. Am Ende war aber auch dieser Kampf vergeblich.

Mannschaft und Trainer wurden laut Meyer bereits am Mittwochabend telefonisch über den Gang in die Insolvenz und den Rückzug vom Spielbetrieb informiert. „Sie waren ziemlich enttäuscht“, sagt Meyer. Wie es für die Spielerinnen aus dem Kader sportlich weitergeht, ob sie ihre Verträge auflösen und sich einen neuen Verein suchen können oder nicht, wird der Insolvenzverwalter entscheiden. Einfluss auf den Spielbetrieb der anderen Damenmannschaften des Vereins habe der Insolvenzantrag nicht.

Am vergangenen Wochenende war bekannt geworden, dass eine erfahrene Spielerin den Verantwortlichen ein Ultimatum bis gestern gestellt hatte. Demnach sollte bis zu diesem Termin die Finanzierung der Zweitligasaison geklärt sein und eine konkurrenzfähige Mannschaft stehen, sonst wolle sie mit anderen Spielerinnen den Verein wechseln, wie Ingmar Steins bestätigte. Auch der erst im Sommer verpflichtete Trainer kündigte für diesen Fall seinen Rücktritt an. Alles hängt mit allem zusammen.

Am Mittwoch war bekannt geworden, dass drei der Spielerinnen aus dem ohnehin dünn besetzten Kader schon vor dem Ende des Ultimatums um die Auflösung ihrer Verträge gebeten und die den sportlichen Planungen der Verantwortlichen einen herben Rückschlag verpasst hatten. Meyer: „Ich möchte niemandem die Schuld an der Situation geben. Mir tut die Entscheidung für die Spielerinnen, den Trainerstab und vor allem für die Zuschauer unendlich leid.“

Schon zuvor taten sich die Verantwortlichen mit der Verpflichtung von neuen Spielerinnen schwer. Weniger, was finanzielle und sportliche Aspekte bei einem Wechsel anging. Für die meisten Spielerinnen ging es laut Meyer um den Zeitfaktor. „Für viele war der Aufwand mit Spielen am Wochenende und Training in der Woche einfach zu hoch“, sagt er auch mit Blick auf anstehende Auswärtsspiele bei München oder Stuttgart in der zweiten Liga.

Meyer, so etwas wie der personifizierte Hoffnungsschimmer des Vereins, ohne dessen Einsatz der Klub wahrscheinlich schon viel früher am Ende gewesen wäre, hat aus den jüngsten Entwicklungen jetzt Konsequenzen gezogen. Dem 34 Jahre alten Rechtsanwalt war die Enttäuschung deutlich anzumerken. „Wir sind alle extrem traurig. Es ist das Ende einer Ära. Bundesligahandball und Celle gehörten immer fest zusammen“, sagte Meyer, für den der SVG Celle „immer eine Herzensangelegenheit“ war. Aber am Ende siegte die Vernunft – und der Kopf über das Herz.

Christoph Zimmer Autor: Christoph Zimmer, am 10.08.2017 um 17:08 Uhr
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Saisonbilanz

Der SVG Celle hat insgesamt fünf Jahre in der Bundesliga gespielt. In der Saison 2014/15 und 2015/16 gelang dem Verein – neben den drei Aufstiegen zuvor – mit dem jeweiligen Klassenerhalt im
Handballoberhaus der
Frauen der größte Erfolg
der Vereinsgeschichte. 1997/98: Meister in der
Regionalliga Nord; Aufstieg
in die 2. Bundesliga Nord 1998-2008: 2. Bundesliga Nord 2008/09: Meister in
der 2. Bundesliga Nord,
Aufstieg in die Bundesliga 2009/10: Bundesliga;
Abstieg auf Platz 12 2010/11: Meister in
der 2. Bundesliga Nord;
Aufstieg in die Bundesliga 2011/12: Bundesliga;
Abstieg auf Platz 11 2012-2013: 2. Bundesliga 2013/14: 2. Bundesliga;
Aufstieg in die Bundesliga 2014-2016: Bundesliga
(Klassenerhalt auf den
Plätzen 12 und 13) 2016/17: Bundesliga;
Abstieg auf Platz 14 2017/18: Vor der Saison in der
2. Bundesliga: Insolvenzantrag, Rückzug vom Spielbetrieb

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