Inklusive Schule: Im Kreis Celle fehlen 1456 Förderstunden

Foto: Uwe Anspach

Als "Schwungräder für die Umsetzung der Inklusiven Schule" hat Niedersachsens Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) Anfang August die Gründung der ersten elf so genannten "Regionalen Beratungs- und Unterstützungszentren Inklusive Schule", kurz RZI, gefeiert und von einem "guten Tag für die Inklusive Schule in Niedersachsen" gesprochen. Vor Ort ist den betroffenen Eltern nicht unbedingt zum Feiern zumute. An den Schulen herrscht der Mangel vor.

CELLE. Der Celler Kreiselternrat hat in der Vergangenheit immer wieder auf die schlechte Versorgung mit Förderschullehrern an den Regelschulen hingewiesen und gefordert, die Inklusion auszusetzen. Jetzt hat der Kreiselternrat erstmals auch Zahlen von der Landesschulbehörde bekommen. Zusammen mit den Daten, die die Landesregierung auf eine Anfrage der FDP herausgegeben hat, ergibt sich ein verheerendes Bild an den Celler Schulen. Nach Berechnungen des Kreiselternrates fehlen an Grund- und Oberschulen sowie Gymnasien und der Celler Gesamtschule 55 Sonderpädagogen.

Die Celler Elternvertreter haben lange gekämpft, um überhaupt erst einmal an die Zahlen heranzukommen. Die erste Anfrage des Stadtelternrats stammt noch aus dem November 2015. Anika von Bose, Mitglied im Kreiselternrat, ist auf ihrem Weg von Pontius nach Pilatus geschickt worden. Landesschulbehörde und Kultusministerium mauerten, verwiesen von Bose zum jeweils anderen. "Bei Gesprächen durften wir nicht mitschreiben", berichtet die Mutter, die sich sogar einmal bei Ministerin Heiligenstadt persönlich beschwerte. Die gab die Entrüstete – Zahlen erhielt von Bose danach trotzdem nicht. Der Kreiselternrat machte sich an eine eigene Abfrage der Schulen. Dadurch kam endlich Schwung in die Sache. Kurz vor Beginn der Sommerferien erhielt der Kreiselternrat jetzt die seit fast zwei Jahren geforderten Daten.

Demnach müssten eigentlich über alle Schulformen hinweg an den Schulen im gesamten Landkreis 2336,5 Förderstunden erteilt werden, tatsächlich sind es aber nur 880. Das ergibt eine Förderquote von gerade einmal 38 Prozent oder ein Minus von 1456,5 Stunden. Auffällig: Die Versorgung mit Förderschullehrern an den einzelnen Schulen ist sehr unterschiedlich. Beispiel Grundschulen: Hier schwankt die Bandbreite zwischen 0 Prozent bis zu einer "Überversorgung" von bis zu 131 Prozent. "So etwas dürfte es doch gar nicht geben", wundert sich von Bose, warum die Landesschulbehörde es nicht schafft, für eine gerechte Verteilung der Sonderpädagogen zu sorgen.

Von Boses Fazit: "Unsere Schulen werden immer mehr Orte der Mangelverwaltung, trotzdem fordern die politischen Verantwortlichen eine positive Haltung von Lehrern, Schülern und Eltern zur Umsetzung der inklusiven Schule – das mutet schon merkwürdig an", sagt von Bose, die übrigens mit den überstellten Daten noch nicht zufrieden ist. Bei den Grundschulen sei nicht aufgeführt, wie viele Kinder mit dem Förderbedarf Lernen oder Sprache die Schule besuchen.

Meinung: Offenbarungseid

Fast zwei Jahre hat es gedauert, bis das Kultusministerium und die ihr unterstellte Landesschulbehörde endlich die Zahlen über die Versorgung mit Förderschullehrern an Celler Schulen herausgerückt hat. Wenn man sich die Daten anschaut, die jetzt der Kreiselternrat öffentlich gemacht hat, kann man diese Blockadehaltung der Landesregierung durchaus verstehen. Denn die unbequemen Zahlen belegen, was vielerorts seit Jahren beklagt wird: An den Schulen fehlen die dringend benötigten Sonderpädagogen, damit die Inklusion auch wirklich funktionieren kann – ein Offenbarungseid.

Gründung von Beratungszentren, Erhöhung der Ausgaben für die Inklusive Schule, zusätzliche Lehrerstellen – für die Landesregierung scheint es kein Zurück bei der Inklusion zu geben, auch wenn immerhin die Schließung der Förderschulen mit Schwerpunkt Sprache erst einmal gestoppt wurde. Vollkommen offen bleibt, wo die ganzen Lehrer herkommen sollen. Schon jetzt ist der Lehrermangel an den Schulen eklatant und diese Lücken werden sich auch so schnell nicht stopfen lassen.

Gunther Meinrenken Autor: Gunther Meinrenken, am 15.08.2017 um 18:58 Uhr
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