Dachbodenschätzchen-Jäger

 "Mal sehen, was meine Tochter damit macht". Bernhard Wittek hat seiner Tochter Ann-Christin einen alten gußeisernen Ofen gekauft. Foto: Anke Schlicht

Einst war er Liebling aller Frauen, heute dient er als Marketingtrick. „Wenn ich Rudi Schuricke auflege, kommen sie alle“, präsentiert Ingo Matz seinen komplett mit Kunden umstellten Stand. Dabei ist es eigentlich egal, was dem Äther des Grammophons entweicht – ob Schlager, Tango oder Klassik. Der ganz spezielle Klang der Schellack-Platten mit dem Verweis auf längst vergangene Zeiten wird zum I-Tüpfelchen einer außergewöhnlichen Szenerie. Schöne Dinge, soweit das Auge reicht, eingetaucht in mildes Sonnenlicht, das nur stellenweise durchdringt. Das Grün der riesigen Bäume auf dem 1428 erstmals urkundlich erwähnten Findelhof schirmt Aussteller und Besucher des Flohmarktes ab vor allzu kräftigen Strahlen. Kurze Momente, in denen alles stimmt, die so schnell wieder gehen, wie sie gekommen sind.

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„Sprechen Sie über die besondere Atmosphäre solcher Märkte?“, klinkt sich eine vorbeigehende Dame ein ins Gespräch mit einem Händler, der seinen Namen nicht nennen will. „Das ist Teil der Mystik, Namen spielen keine Rolle. Manchen Kunden kenne ich schon seit Jahren, wir reden lange miteinander, aber den Namen und Beruf weiß ich nicht“, erzählt der Mann. „Ja, die gibt es“, beantwortet die Dame ihre Frage selbst und erkundigt sich dann nach dem Preis für eine Vase. „Ich überlege es mir“, sagt sie und geht weiter. „Die kommt jedes Mal, und immer fragt sie nach dem Preis für irgendein Teil, aber sie kauft nie etwas. Wir unterhalten uns immer nur ein bisschen“, berichtet der Händler ohne Namen, dessen Beruf mit dem Entrümpeln des Dachbodens begann, und zur Berufung wurde. „Warum willst Du das wegwerfen, stell Dich doch auf den Flohmarkt“, empfahlen ihm Freunde. „Ich machte meinen ersten Zwanziger, damals noch DM, und blieb dabei, es ist eine Sucht.“

VERWEISE AUF DIE VERGANGENHEIT

„Das sind hier alles ‚Sehleute‘“, tituliert Walter Böttcher indes die Halter der Fahrzeuge mit Kennzeichen aus dem gesamten norddeutschen Raum, die nicht nur die bereitgestellte Wiese, sondern auch ganz Bockelskamp seit den frühen Morgenstunden zugeparkt haben. „Die gucken bloß“, gibt sich der 85-Jährige etwas ungehalten. Das kleine mit einer gelben Rose verzierte Meissner-Gedeck kostet halb so viel wie seine monatliche Rente. „Zu Hause sitze ich bei Petroleum- und Kerzenlicht, Strom habe ich nicht, ich muss zuverdienen“, berichtet der alte Mann, der schon am Vorabend angereist ist und die Nacht in seinem Wagen verbracht hat, „damit ich meinen Platz wieder kriege.“ Wäre er denn ohne die wirtschaftliche Not nicht hier? „Wenn ich einen Sonntag zu Hause bin, weiß ich nichts mit mir anzufangen. Ich habe den Virus. Und den haben sie hier alle“, fasst er in Worte, was die Händler eint und in abgemilderter Form wohl auch auf den einen oder anderen Kunden zutrifft.

„Sowas sieht man sonst nie, Heringe im Honululu-Stil“, begeistert sich Armin Hirsch einem zufällig getroffenen Bekannten gegenüber. Apfelkuchen mit Walnüssen und Zimt im Bauernhof-Ambiente wird vertagt, er muss erst seine gerade erstandenen Schätze aus dem Wagen holen und vorführen. Seine Arme sind ausgefüllt mit den handgefertigten Figuren aus den 30ern, die mit ihren sprechenden Gesichtern in längst vergangenen Jahrzehnten sicher zahlreiche Kunden ins Fischgeschäft lockten. Der Zigarettenladen, den seine Urgroßmutter in Gehrden betrieb, war Auslöser für das Sammeln alter Werbung. „Ich räumte mit meinem Vater den Dachboden auf, und da fanden wir die Reklame, mit der sie seinerzeit die Schaufenster gestaltete.“ Das ist mittlerweile 35 Jahre her, seitdem sammelt er, fährt zu den Märkten in Berlin und Leipzig und ist regelmäßiger Gast auf dem Findelhof.

ES IST EINE
SUCHT

Dachboden ist ein Schlüsselwort im Gespräch mit Käufern und mit Ausstellern. Die ruhig wartenden Menschen hinter ihren voll beladenen Tischen eint neben ihrer Leidenschaft für alte Dinge ein Hang zu ausgeprägter Individualität. „Nein, wie eine große Familie sind wir nicht“, tritt Günter Krukies, auch Kommoden-Günter genannt, dem Eindruck eines durchweg guten Miteinanders unter den Anbietern entgegen. „Ich bin vom Sammler zum Händler geworden, davon kommt man nicht mehr los. Mit den Jahren wächst das Wissen um die Gegenstände. Das hat hier eine eigene Philosophie“, erläutert der Hannoveraner. „Wollen wir einen guten Preis machen oder soll ich verdienen?“, wendet er sich einem Interessenten zu.

„Ach, wären Sie mal fürs Foto früher gekommen, ich habe doch schon die Hälfte verkauft“, lacht Ingrid Feyerabend in die Kamera. Es ist Mittagszeit. Um eine Vorstellung von der Anzahl der verkauften Ware zu geben, zieht sie einen gebrauchten Umschlag unter dem Tisch hervor, zählt die notierten Posten zusammen. Ausschließlich Bargeld wandert über die Auslagen. Die Regeln sind eigene. Um 10 Uhr ist offizieller Start, um 10.03 Uhr verlassen die ersten Schnäppchenjäger bereits das Gelände mit gut gefüllten Taschen. „Was am späten Vormittag bis Mittag nicht verkauft ist, bleibt liegen“, ist von etlichen Ausstellern zu hören. Das Schwärmen über diesen Markt überlassen sie den Besuchern, die immer wieder die reizvolle ländliche Umgebung hervorheben.

Paula Meyer hat sich indes unter die Grammophon-Hörer gemischt, es läuft „Serenade“ von Schuricke. „Sehen Sie die Urbanität, die hier herrscht? Die verschiedenen Generationen, die charaktervollen Gegenstände und die Händler. Die präsentieren sich hier doch mit ihrem Leben, wer das macht, der hat doch Liebe und Respekt vor der Geschichte“, bringt sie einen an diesem Ort ungewöhnlichen, aber doch sehr treffenden Begriff und eine besondere Sichtweise ins Spiel.

Die Aufmerksamkeit des Mannes, der den Umschlagplatz für Antikes vor 31 Jahren ins Leben gerufen hat, gehört derweil einem Kunden. Jean Priol schaut einem davoneilenden Besucher hinterher, der schwer an einer Tür aus Eisengeflecht zu tragen hat. „Die war jahrelang im Angebot, nun ist sie tatsächlich verkauft“, zeigt er sich sehr erstaunt, während seine Tischnachbarin, die Hundezüchterin Helga Schmiedner, der Szene gelassen zusieht und kommentiert: „Es gibt eben für alles einen Liebhaber.“

Anke Schlicht Autor: Anke Schlicht, am 16.08.2017 um 15:02 Uhr
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