Celles tollkühne Piloten in ihren rasenden Kisten (mit Bildergalerie)

Foto: Michael Schäfer

Reges Treiben herrschte am Samstag im Celler Stadtteil Hehlentor. Mit dem Seifenkistenrennen wurde nicht nur eine alte Tradition wiederbelebt, sondern den Besuchern wurde auch ein Riesenspaß geboten.

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HEHLENTOR. Sophie ist in ihrer Seifenkiste vom Typ Dragon Driver uneinholbar, der Wagen neben ihr – Marke Minion Flitzer – mag noch Chancen haben. Aber ohne fahrbaren Untersatz ist die Dörnbergstraße nicht so schnell herunterzulaufen wie nötig – selbst mit Rückenwind. Der Plan, sowohl den Moment des Starts als auch den der Zieleinfahrt der Elfjährigen für die Ewigkeit festzuhalten, scheitert.

Einige Fotografen haben sich am Samstag zum Celler Seifenkistenrennen eingefunden, sie stehen an der Startrampe, entlang der 425 Meter langen Strecke oder hinter der Ziellinie. Anders als der amerikanische Fotograf, dem in den 30er Jahren Kinder in selbst gebauten Gefährten aus den Waschmittelbehältern ihrer Mütter per Zufall vor die Linse liefen, wissen die digitalen Motivjäger heute, wo und wie sich die einfangenswerten Szenen abspielen – entsprechend haben sie sich in Position gebracht.

Unterdessen wartet Sophie schon unten am Ende der leicht abschüssigen Fahrbahn – im Gegensatz zu den Medienvertretern fehlt es ihr nicht an Atem. „Einmal musste ich zwischendurch lenken, da waren Löcher in der Straße, und eine leichte Kurve musste ich auch nehmen, aber sonst musste ich nichts tun. Es macht einfach Spaß, auch wenn man da nur drinsitzt“, liefert das Mädchen eine anschauliche Schilderung. Der Anblick des Schnappschusses ließ genau dieses Vergnügen erkennen.

Tradition wiederbelebt

Nach Verbreitung der Fotos aus dem Spiel der Kinder hatte sich einst ein Sport entwickelt, der nach dem Zweiten Weltkrieg auch den Weg nach Deutschland fand. „Ich erinnere mich noch an Rennen, die hier in Celle, in Scheuen, stattfanden – das war in den 50ern, ich war drei, vier Jahre alt“, berichtet der Initiator der ungewöhnlichen Veranstaltung, Detlev Soetbeer. „Wir setzen eigentlich nur eine Tradition fort“, ergänzt der zweite Mann des lockeren Zusammenschlusses von rund 30 Leuten, die verantwortlich zeichnen, Klaus Basboll. „Ursprungsgedanke war es, ein gemeinsames Projekt, das Erwachsene, Kinder, Nachbarn, Freunde zusammenbringt, auf die Beine zu stellen.“ Soetbeer besann sich auf seine Kindheitserinnerungen und erweckte die in Vergessenheit geratene Tradition zu neuem Leben.

„Nein, gebaut habe ich an dem Dragon Driver nicht mit, der war schon fertig“, erläutert unterdessen Fahrerin Sophie. Zu Beginn wurden die Kisten in langwieriger und liebevoller Teamarbeit von Jung und Alt zusammengesetzt. „Wir haben bis heute Teams, in denen alle Generationen vertreten sind“, wirft Soetbeer ein. Mittlerweile wird der Großteil der Gefährte nur noch jedes Jahr aufs Neue aus den Garagen und Kellern geholt.

Alles im Blick

Fiona (9) und Lara (10) haben sich und ihren Freunden die besten Plätze an der Rennstrecke gesichert. Sie sitzen erhöht auf riesigen Müllbehältern und haben alles im Blick. Ihre Favoriten unter den zehn antretenden Teams sind unterschiedlich: Der Feuerlöscher steht hoch im Kurs, aber auch der Minion-Flitzer ist nach Einschätzung des zehnjährigen Chester David gut, „weil er schnell ist“. Die spätere Gewinner-Mannschaft „Kochtopf“ fehlt derweil in der Anfeuerliste.

Weder dem einen noch dem anderen geben hingegen Johann Koch sowie Monika und Dieter Raquet den Vorzug, die drei Bewohner der Clemens-Kassel-Straße haben es sich auf den Sitzen ihrer Gehwagen bequem gemacht. „Das ist immer sehenswert, wir klatschen, wenn sie vorbeikommen“, erzählt Dieter Raquet in einer Rennpause.

Das Vorbeisausen mit Geschwindigkeiten von 25 bis 30 Stundenkilometern ist schön anzuschauen, aber erst im Ruhezustand erschließt sich die bis ins letzte durchdachte Konstruktion mancher Kiste. „Hier, siehst Du, da sind Taschenlampen unten“, macht der siebenjährige Arian auf Details des gerade von seiner Schwester Mila (9) ins Ziel gesteuerten Eurostar aufmerksam, der später als schönster Wagen prämiert werden wird. Er hat Flügel, die Europaflagge fällt sofort ins Auge, sogar an die Hymne haben die Konstrukteure gedacht. Ob es sich um die olympische oder die europäische handelt, weiß Mila nicht so genau, jedenfalls gibt es einen Lautsprecher, der Musik spielt.

So recht zufrieden ist sie nicht mit ihrem Durchgang. „Ich glaube, wir haben zu viel Gewicht“, analysiert sie. Aber wirklich schlimm findet sie es nicht, langsamer zu sein als die anderen. Es gibt zwar später eine Siegerehrung, auf der Medaillen umgehängt werden. Von großer Bedeutung ist das auch für Sophie nicht. „Einfach nur mitmachen“, darauf kommt es für die Elfjährige an. Letztendlich geht es noch heute um das, was der amerikanische Fotograf einst einfing: einen Riesenspaß.

Anke Schlicht Autor: Anke Schlicht, am 20.08.2017 um 19:45 Uhr
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