In Celle sind "alle Patienten gleich"

Die Schüler der Gesundheits- und Krankenpflege/Kinderkrankenpflege des Schulzentrums für Gesundheitsberufe Celle haben sich mit der „Kinder-Euthanasie“ in der Zeit des Nationalsozialismus auseinandergesetzt: (von links) Henrike Knopik, Jasmin Siemers, Janis Kruse, Larissa Ranze und Anna Kristin Soelter. Foto: Andreas Babel

Sie sind 95 Schüler. Sie bereiten sich auf einen anstrengenden, dienenden Beruf vor. Doch die Celler Krankenpflegeschüler werden nicht nur in praktischen Dingen ausgebildet. In der Mitte ihrer dreijährigen Ausbildungszeit beginnt ihre Auseinandersetzung mit einem dunklen Kapitel der deutschen Geschichte, der NS-Zeit.

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CElle. Es ist auch für die Krankenpflege ein dunkles Kapitel. Denn: „Keine Tötung hat ohne das Zutun oder zumindest das Wissen der Pflege geschehen können“, sagt Monika Hoever-Klapschuweit. Sie leitet eine Einrichtung mit einem Namen, der noch viel länger als ihr eigener ist. „Gesundheits- und Krankenpflege/Kinderkrankenpflege des Schulzentrums für Gesundheitsberufe“ Celle lautet er offiziell. Träger des Hauses ist das Allgemeine Krankenhaus (AKH) Celle. Hier werden die Schüler auch eingesetzt.

Die Beschäftigung mit der NS-Zeit kommt nicht von ungefähr. Hoefer-Klapschuweit konfrontiert ihre Schüler schon seit 15 Jahren mit diesem Thema. „Ich habe das relativ breit aufgestellt. Nachdem die Schüler im psychiatrischen Einsatzbereich waren, beschäftigen sie sich etwa mit Beginn ihres vierten Semesters mit der NS-,Euthanasie‘“ erläutert sie. Sie wird persönlich davon angesprochen, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen, um daraus aufzuzeigen, was wir daraus für die Gegenwart und die Zukunft lernen können.

Vorträge und Seminar
zur NS-Zeit besucht

Etwa 50 der Schüler waren unter den 180 Interessierten, die im Mai dieses Jahres zwei Vorträge zu diesem Thema in Nienhagen hörten. Sie erfuhren dabei von der NS-Täterschaft der späteren Leiterin der Celler Kinderklinik und der Gründerin der Celler Krankenpflegeschule, Dr. Helene Darges-Sonnemann. Die Medizinerin hatte im Hamburger Kinderkrankenhaus Rothenburgsort mindestens zwölf behinderte Kinder getötet. Sie spritzte ihnen eine Überdosis eines Schlafmittels, an deren Folge die Kinder an einer Lungenentzündung erkrankten. Eine Kinderkrankenschwester hielt die Todeskandidaten fest.

Die Krankenpflegeschüler erfuhren dabei auch etwas über Opfer, die in sogenannten „Kinderfachabteilungen“ wie der in Rothenburgsort, aber auch der in der späteren Psychiatrischen Klinik Lüneburg ermordet wurden. In einem zweiten Vortrag hörten sie, dass in Papenhorst Säuglinge durch Unterversorgung gezielt getötet wurden. Erste Gespräche über eine zukünftige gemeinsame Projektarbeit zu diesem Thema zwischen politischer und Nienhagens Kirchengemeinde sowie dem Schulzentrum für Gesundheitsberufe stehen an.

Fünf der angehenden Krankenpfleger und Kinderkrankenpfleger erläuterten, warum aus ihrer Sicht die Beschäftigung mit diesem Thema für sie so wichtig ist. Anna Kristin Soelter kammt aus Hambühren und ist wie Larissa Ranze, die aus dem Landkreis Gifhorn stammt, bald Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin. Dieselbe Berufsbezeichnung führen bald (nur ohne den Zusatz „Kinder“) Jasmin Siemers aus Hermannsburg, Janis Kruse, der vom Niederrhein stammt, und Henrike Knopik, die aus dem nördlichen Schleswig-Holstein zur Ausbildung nach Celle gekommen ist.

Auch durch ein Seminar an der „Euthanasie“-Gedenkstätte Lüneburg erfuhren die Schüler, dass die Opfer nicht gesichtslos bleiben müssen. „Das waren nicht nur Opfer, sondern Menschen, die einen Namen hatten, die eine Familie hatten, und von denen es ein Bild gibt“, sagt Henrike Knopik. „Mich hat besonders bewegt, dass das alles in meinem Heimatbereich passiert ist“, sagt Jasmin Siemers. „Kinder aus Celle kamen nach Lüneburg und eine Täterin kam nach Celle“, ergänzt Anna Kristin Soelter. In Lüneburg erfuhren die Celler Schüler, dass die Angehörigen der dort Ermordeten Gewissheit haben wollten über deren Verbleib. „Dass die Familien für die dort geleistete Forschungsarbeit sehr dankbar waren, hat mich sehr beeindruckt“, sagt Larissa Ranze. Unbegreiflich bleibt es Janis Kruse, wie die Täter Arbeit und Familie trennen konnten: „Zuhause hatten die selbst ein Kind und auf der Arbeit haben sie diesen Job erledigt.“

Für die jungen Pflegeschüler heute ist es eine Selbstverständlichkeit, dass sie „alle Patienten gleich behandeln“, wie Kruse und Soelter betonen, ganz gleich welcher Herkunft, Hautfarbe, politischer oder religiöser Einstellung.

Lernen, wie Berufsrolle unter Diktatur aussah

Allen fünf Schülern ist gemeinsam, dass sie sich gezielt für die Ausbildung an einem Krankenhaus entschieden haben, in dem ganz klar der Mensch und nicht der Zwang des effizienten Wirtschaftens im Vordergrund steht. Siemers hat ihren Berufsfreiwilligendienst in der MHH Hannover absolviert. Hier gehe es „sehr unpersönlich“ zu. Durch ihr Studium der Pflegewissenschaften in Wolfsburg habe sie Kontakt zu Kommilitonen, die an Helios-Kliniken ausgebildet werden. „Die berichten mir, dass hier öfter keine positiven Sachen passieren“, so Siemers.

Der Schulleiterin ist es wichtig, dass die ihr Anvertrauten lernen, wie die Berufsrolle der Pflegenden unter einer Diktatur aussah und dass sie diese in Beziehung zum aktuellen Zeitgeist und zur heutigen Berufsethik setzen. Durch Drill war Kritik während der NS-Zeit nicht angesagt. Die Hierarchie im Krankenhaus beachten die Schüler natürlich heute auch noch, aber sie finden bei ihren direkten Vorgesetzten ein offenes Ohr. Zudem haben sie in jeder Abteilung, in der sie eingesetzt sind, einen Praxisanleiter. Es sind drei Gespräche in jeder Abteilung vorgesehen, in denen sich die beiden austauschen.

Erschreckt haben die Schüler bei einem Versuch in der Lüneburger Gedenkstätte festgestellt, wie sie bereit waren, eigene Werte zu „versteigern“, die ihnen eigentlich wichtig sind. Sie taten das, ohne darüber nachzudenken, welchen Sinn das ergeben soll. Da haben sie erlebt, wie leicht der Mensch zu manipulieren ist. Durch die intensive Beschäftigung mit ihrem Berufsethos und mit der NS-Zeit sind sie sicher besser befähigt, kritische und eigenständige Zeitgenossen zu bleiben, als Angehörige anderer Berufsgruppen.

Die Verbrechen an behinderten Menschen geschahen mitten unter uns. Opfer kamen von überall her und die Täter wirkten nach dem Krieg in allen möglichen Städten und Gemeinden weiter, als wäre nichts gewesen. So eben auch in Celle. Prominentes Beispiel einer NS-Täterin, die sich nie für ihre Taten verantworten musste, war die Kinderärztin Dr. Helene Darges-Sonnemann (1911 bis 1998). Von 1937 bis 1943 war sie am Hamburger Kinderkrankenhaus Rothenburgsort tätig. Hier lief das Mordprogramm der „Kinder-Euthanasie“. Mindestens 56 behinderte Kinder, wahrscheinlich aber viel mehr, wurden mit Hilfe einer Überdosis des Schlafmittels Luminal umgebracht. Das Programm lief streng geheim. Von 1941 bis 1943 war Darges-Sonnemann die stellvertretende Leiterin der Einrichtung.

Im Hochsommer 1943 führte sie 200 Kinder aus dem bombardierten und evakuierten Hamburger Krankenhaus nach Celle. Bis zu zwei Monate lang blieben Patienten, Krankenschwestern und Ärztinnen in Celle, dann gingen die meisten zurück in die Hansestadt und die nähere dortige Umgebung. Helene Darges-Sonnemann blieb in Celle und stieg zur Leiterin der Kinderklinik des AKH auf. Sie wurde auch stellvertretende Äztliche Direktorin des Hauses und heiratete 1952 den ehemaligen Hitler-Adjutanten und SS-Offizier Fritz Darges, der in den 1960er und 1970er Jahren Geschäftsführer des Celler DRK-Kreisverbandes war.

Nach dem Krieg empfahl sie mindestens zwei Müttern, ihre behinderten Kinder umzubringen, indem sie diese in den Durchzug stellen sollten. Ein Opfer, das 1928 in Celle geboren wurde und hier aufwuchs, war Eckhard Willumeit. Als 13-Jähriger wurde Karlchen, wie er liebevoll in seiner Familie genannt wurde, in der Kinderfachabteilung Lüneburg ermordet. Seine alleinerziehende Mutter war mit der Erziehung des in seiner Entwicklung verzögerten Jungen überfordert. Er kam in Heimen unter, wo er auch eine Schule besuchte. Besonders gern spielte er „Schwarzer Peter“. Mit seinem Opa suchte er Pilze. Erst 2013 kam heraus, dass Karlchen ermordet worden ist.

Bildungsarbeit der „Euthanasie-Gedenkstätte Lüneburg: Die „Euthanasie“-Gedenkstätte Lüneburg (auf dem Gelände der Psychiatrischen Klinik Lüneburg, Am Wienebütteler Weg 1, 21339 Lüneburg) bietet für Auszubildende und Mitarbeiter in der Psychiatrie, Pflege, Medizin und (Heil-/Sozial-/Sonder-)Pädagogik ein- bis dreitägige Seminare (Inklusionsschulungen) an. Ein Seminartag beginnt um 9 Uhr und endet um 17 Uhr. Zur Deckung von Sachkosten und Honoraren für Referenten wird ein Entgelt in Höhe von 10 Euro pro Teilnehmer und Tag erhoben. Die maximale Gruppengröße liegt bei rund 25 Teilnehmenden. Anmeldungen an Dr. Carola S. Rudnick unter Telefon (04131) 6088372 oder per E-Mail an gedenkstaette@pk.lueneburg.de

Öffnungszeiten der Gedenkstätte: 2017 wird die Gedenkstätte an den folgenden Samstagen jeweils von 11 bis 14 Uhr geöffnet sein: 16. September, 21. Oktober, 18. November und am 16. Dezember. Der Eintritt ist frei.

Führungen von Gruppen (ab fünf Personen) oder Führungen kleinerer oder größerer Gruppen bis maximal etwa 25 Personen außerhalb der oben genannten Öffnungszeiten sind nach Absprache möglich. Sie dauern 90 bis 120 Minuten. Telefonische Anmeldung und Terminvereinbarung für Gruppenführungen über Dr. Sebastian Stierl unter Telefon (04131) 6020970.

Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 24.08.2017 um 14:45 Uhr
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Bildungsarbeit der „Euthanasie-Gedenkstätte Lüneburg

Die „Euthanasie“-Gedenkstätte Lüneburg (auf dem Gelände der Psychiatrischen Klinik Lüneburg, Am Wienebütteler Weg 1, 21339 Lüneburg) bietet für Auszubildende und Mitarbeiter in der Psychiatrie, Pflege, Medizin und (Heil-/Sozial-/Sonder-)Pädagogik ein- bis dreitägige (Inklusionsschulungen) an. Ein Seminartag beginnt um 9 Uhr und endet um 17 Uhr. Zur Deckung von Sachkosten und Honoraren für Referenten wird ein Entgelt in Höhe von 10 Euro pro Teilnehmer und Tag erhoben. Die maximale Gruppengröße liegt bei rund 25 Teilnehmenden. Anmeldungen an Dr. Carola S. Rudnick unter Telefon (04131) 6088372 oder per E-Mail an 2017 wird die Gedenkstätte an den folgenden Samstagen jeweils von
11 bis 14 Uhr geöffnet sein: 16. September, 21. Oktober,
18. November und am 16. Dezember. Der Eintritt ist frei. (ab fünf Personen) oder Führungen kleinerer oder größerer Gruppen bis maximal etwa 25 Personen außerhalb der oben genannten Öffnungszeiten sind nach Absprache möglich. Sie dauern 90 bis 120 Minuten. Telefonische Anmeldung und Terminvereinbarung für Gruppenführungen über Dr. Sebastian Stierl unter Telefon (04131) 6020970.

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