KZ-Überlebende appelliert an Jugendliche: "Ihr müsst Zeuge sein"

Marion Blumenthal Lazan (links) erhält von Henrike Seemann aus Meinersen ein kleines Geschenk. Foto: Michael Schäfer

Marion Blumenthal Lazan ist als Neunjährige in das Konzentrationslager Bergen-Belsen verschleppt worden. Am Sonntag berichtete sie in der Celler Synagoge von den traumatischen Erinnerungen an das schlimmste Kapitel ihres Lebens.

CELLE. Es waren nur vier kleine Kieselsteine – aber für Marion Blumenthal Lazan bedeuteten sie Hoffnung. Die Holocaust-Überlebende war noch ein Kind, als sie mit ihrer Familie in das Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert wurde. Angesichts des Grauens um sie herum erfand das damals neunjährige Mädchen ein Ritual: „Ich habe immer wieder vier kleine zueinanderpassende Kiesel gesucht. Wenn ich die gefunden hatte, bedeutete das, dass mein Vater, meine Mutter, mein Bruder und ich, also unsere vierköpfige Familie, überleben würden.“

Am Sonntag berichtete Blumenthal Lazan in der vollbesetzten Celler Synagoge aus ihrem Leben – und fand dabei eindringliche Worte. „Ich weiß, dass viele von Ihnen Filme über den Holocaust gesehen haben. Aber die Zustände im Lager – die Leichen, den schrecklichen Schmutz, den Gestank und die Angst – das kann man niemandem beschreiben.“

Marion Blumenthal wurde 1934 im niedersächsischen Hoya geboren. 1939 versuchte die Familie, der Judenverfolgung der Nazis durch Emigration in die USA zu entgehen, saß aber mit Beginn des Zweiten Weltkrieges in den Niederlanden fest. 1944 deportierte man die vier Blumenthals vom Durchgangslager Westerbork nach Bergen-Belsen. „Dort lebten 600 Menschen in einer Baracke, immer zu zweit in einem Bett. Es gab keine Privatsphäre, keine Seife, kein Toilettenpapier und auch nur wenig Wasser“, berichtete Blumenthal Lazan. „In den eineinhalb Jahren, die wir in Bergen-Belsen waren, konnten wir nicht ein einziges Mal Zähne putzen.“

Lange hat die 83-Jährige, die seit 1947 in den USA lebt, über die traumatischen Erlebnisse geschwiegen. Und es falle ihr noch immer nicht leicht, über ihre schwere Kindheit zu sprechen. „Aber die heutige Generation ist die letzte Generation, die diese Geschichte aus dem Mund von jemandem hören kann, der dabei war.“ Blumenthal Lazan bat deshalb vor allem die Jugendlichen im Publikum darum, ihre Lebensgeschichte an Familie, Freunde und später auch an Enkel- sowie Urenkelkinder weiterzugeben. „Wenn wir Überlebenden nicht mehr da sind, müsst Ihr Zeuge sein.“

Trotz ihrer traurigen Kindheit sei ihr Leben heute ausgefüllt und zufrieden, betonte Blumenthal Lazan. „Geben Sie niemals die Hoffnung auf. Wichtig ist nicht das, was uns passiert, sondern wie wir damit umgehen.“ Habt Respekt, Achtung, Liebe füreinander, ganz gleich, welche Religion, Hautfarbe oder Nationalität – das sei ihre Botschaft an nachfolgende Generationen. „Wir müssen alles tun, damit sich so ein Hass nicht wiederholt.“

Christina Matthies Autor: Christina Matthies, am 11.09.2017 um 19:28 Uhr
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