"Soziale Medien sind Segen und Fluch zugleich"

Der Gebrauch von Smartphones und Tablets nimmt auch unter Schülern immer weiter zu. Nach der jüngst vorgestellten Kinder-Medien-Studie 2017 schauen 61 Prozent der 6- bis 13-Jährigen mehrmals pro Woche in Bücher. Das Internet und Apps nutzen der Studie zufolge62 Prozent der Kinder und Jugendlichen dieser Altersgruppe. Jeder Dritte (34 Prozent) nutzt digitale Unterhaltungsformen wie Youtube. Foto: Uwe Umstaetter

Zum bereits sechsten Mal veranstalten heute die Jugendämter von Stadt und Landkreis einen „Fachtag Frühe Hilfen – Kinderschutz“, der sich an Fachkräfte wendet, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Thema ist der Umgang mit digitalen Medien. CZ-Redakteur Gunther Meinrenken sprach mit Referentin Sabine Eder, Geschäftsleiterin des Vereins Blickwechsel, einem Verein für Medienpädagogik. Eder wird heute über digitale Medien im Familienalltag referieren sowie Informationen zur Mediennutzung und Hinweise zur Elternarbeit geben.

CELLE. Frau Eder, WhatsApp, Snapchat und Facebook sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Sind soziale Medien ein Fluch?

Ich denke nicht, sie sind wohl eher Segen und Fluch zugleich. Wir müssen anerkennen, dass unser soziales Leben heute eben auch in digitalen Sozialräumen stattfindet. Wir schreiben Nachrichten, teilen Fotos und selbstgedrehte Filme, liken Videos, spielen Onlinespiele und hören Musik, das gehört zum heutigen Leben dazu. Das ständig „in Kontakt sein können“ kann auch zum Zwang werden, ständig in „Kontakt sein zu müssen“, nichts verpassen, immer „mittendrin“ sein zu müssen. Diese Allgegenwart und Verfügbarkeit der sozialen Medien kann dann auch zu Problemen führen. Wenn wir den ganzen Tag Dinge in uns aufnehmen und es keine Ruhephasen mehr gibt, man keine Langeweile mehr empfindet, kommen wir nicht mehr dazu, die Dinge, die wir erleben, zu verarbeiten. Viele Menschen sehen allerdings nur die negativen Seiten der digitalen Medien und nicht die Chancen.

Worin liegen denn die positiven Aspekte?

Bildungsapps, Kreativapps, Blogs, Videoportale, all das bietet auch unzählige Möglichkeiten der politischen oder kulturellen Teilhabe. Es bringt nichts, die digitalen Medien zu verteufeln, es ist viel wichtiger, mit den Heranwachsenden zusammen den Zugang zu den Medien zu ermöglichen und mit ihnen über digitale Lebenswelten und ihre Auswirkungen auf unser Zusammenleben zu sprechen. Nur so können Kinder und Jugendliche ihre Medienkompetenz ausbauen.

Was verstehen Sie darunter?

Damit meine ich nicht nur die technischen Fertigkeiten, Medien zu verwenden um zum Beispiel eine Message mit Anhang zu versenden oder einen Film ins Netz zu stellen, auch wenn derartige Kenntnisse wichtig sind. Es geht vielmehr um die Fähigkeit, Medien zu bewerten, zu „durchschauen“ und reflektiert und kreativ zu verwenden. Was gilt es zu beachten, wenn ich eine Nachricht poste oder weiterleite und mit der Welt teile, wem gehört der Dienst, nehmen wir WhatsApp oder YouTube, den ich dafür nutze eigentlich? Was machen die mit meinen Daten? Wie entsteht eine Filterbubble und welche Auswirkungen hat sie? Das sind wichtige aktuelle Fragen, mit denen Heranwachsende – aber auch Erwachsene – sich kritisch auseinandersetzen sollten.

Was macht der Verein Blickwechsel in dieser Hinsicht?

Wir führen Medienprojekte mit Kindern und Jugendlichen durch, um die eben genannten Fragen altersgerecht zu bearbeiten. Dabei spielen alle Medien und Medienthemen eine Rolle, von der Bilderbuchapp über das Radio, von YouTube bis zum Internet ABC, von der Videokamera über den Trickfilm bis zum Smartphone. Zudem gehören medienpädagogische Fortbildungen für Erzieherinnen und Lehrkräfte zu unseren Angeboten und Informations- und Beratungsangebote für Eltern. Uns kommt es darauf an, mit Menschen kreativ, kritisch und mit Spaß und Neugierde mit und über Medien zu arbeiten.

Das hört sich nach einem sehr präventiven Ansatz an?

Prävention ist ein wesentlicher Aspekt unserer Arbeit. Die Medienwelt verändert sich allerdings sehr schnell, viele Dinge überholen uns, wir sind selbst Lernende. Wichtig ist es daher, Medienpädagogik von der Kita bis zur Universität kontinuierlich zu verankern. Hier wird leider immer noch zu wenig getan. Es muss eine systematische und nachhaltige Verankerung von Medienpädagogik in allen Bildungsbereichen der Gesellschaft geben, so wie es die Initiative „Keine Bildung ohne Medien!“ fordert.

Viele Eltern plagt die Sorge, dass Ihre Kinder diesen Medien verfallen. Wo sind die Grenzen zum Missbrauch oder der Sucht?

Wenn sich das Leben des Kindes nur noch um das Smartphone mit seinen Apps und Diensten dreht, spricht man von exzessiver Nutzung. Ist das nur eine Phase, da das Gerät neu und spannend ist, sollte das nicht überbewertet werden. Wird es aber zu einem dauerhaften Zustand, muss die Bremse gezogen werden, frühzeitig. Eltern sollten genau schauen: Verändert sich das Verhalten des Kindes? Wirkt es müde und gestresst? Ist ein Anruf oder eine eingehende SMS immer wichtiger als das gerade stattfindende persönliche Gespräch? Kreisen die Gedanken des Kindes ständig um das Handy und legt es das Gerät nicht mehr aus der Hand, auch nicht beim Essen? Reagiert das Kind zusehends gereizt oder gar aggressiv, wenn es das Gerät zur Seite legen soll? Kann das Kind sich mit sich selbst beschäftigen oder wird in Auszeiten sofort das Smartphone gezückt, um den Leerraum zu füllen? All das könnten Anzeichen dafür sein, dass nicht das Kind das Smartphone in der Hand hat und beherrscht, sondern dass das Smartphone das Kind im Griff hat.

Was können Eltern unternehmen, wenn sie merken, dass ihr Kind von Smartphones oder Spielen abhängig wird?

Oft gibt es konkrete Ursachen dafür, dass sich Kinder in die Welt der Spiele flüchten. Das können Ereignisse sein wie Scheidung, Ärger in der Schule oder Lebensumstände, unter denen sie nicht das Feedback oder die Anerkennung bekommen, die sie sich von Eltern oder Freunden wünschen. Eltern sollten beobachten, was ihr Kind tut, was es bewegt, sie sollten unbedingt mit ihren Kindern im Gespräch bleiben, gemeinsam Lösungen finden und nicht einfach nur versuchen, den Medienkonsum zu unterbinden. Es gibt aber auch Kinder, die unter Sozialängsten und Unsicherheiten leiden, manche haben psychische Dispositionen. Diese Faktoren können Ursachen dafür sein, dass Kinder das Smartphone mit seinen Anwendungen als einen Ausweg aus der sozialen Isolation, als Mittel gegen Einsamkeit oder Stress nutzen. Wenn dem so ist, sollten Eltern sich fachlichen Rat bei Sucht- und Familienberatungen oder Psychologen holen, die helfen können, das Kind aus der Smartphone- oder Medienabhängigkeit herauszuholen.

Wie können Eltern vorbeugen?

Familien sollten klare Absprachen über den Gebrauch von Medien treffen, vom Fernseher bis zum Smartphone. Ein kluger Umgang mit den Medien und seinen Anwendungen muss gelernt werden – dabei sollten Eltern bedenken, dass sie selbst ein starkes Vorbild sind. Gemeinsam müssen Verhaltensregeln vereinbart werden, die Kindern auch erleichtern, das Gerät zur Seite zu legen.

Worin könnten die Regeln bestehen?

Zum Beispiel: Im Bett: kein Handy, beim Hausaufgaben erledigen: kein Handy, beim Essen: kein Handy. Ausnahmen sind aber auch mal erlaubt, denn beim Recherchieren im Netz ist das Handy natürlich ein wichtiges Werkzeug. Anregungen kann man sich zum Beispiel unter www.mediennutzungsvertrag.de holen. Eltern und Kinder kommen schon beim Aufsetzen eines solchen Vertrages über viele Punkte ins Gespräch miteinander. Schon damit ist viel gewonnen.

Gunther Meinrenken Autor: Gunther Meinrenken, am 12.09.2017 um 17:37 Uhr
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