Zwiespältige documenta-Bilanz: Wie man Kunst «vernutzt»

Adam Szymczyk, künstlerischer Leiter der documenta 14, konnte längst nicht alle Kritiker mit seinem Ausstellungskonzept überzeugen. Foto: Uwe Zucchi Foto: Uwe Zucchi

Kassel (dpa) – Von «Katastrophe» ist die Rede: Die Kritik an Adam Szymczyks documenta 14 fällt heftig aus. Nur wenige Fachleute - ob Kritiker, Galeristen, Kunsthistoriker oder Museumsdirektoren - fanden die Fünfjahres-Ausstellung, die an diesem Wochenende zu Ende geht, überzeugend.

Das lag nicht an der Idee Szymczyks, die traditionell in Kassel beheimatetet Weltkunstschau parallel in Athen stattfinden zu lassen.

Christian Saehrendt, Autor des Buches «Ist das Kunst oder kann das weg», fand das beste documenta-Kunstwerk ein hochprozentiges Bier, das ein Künstler aus Nigeria gebraut hatte. «Angetrunken ließ sich diese documenta am besten ertragen», sagte der in Kassel geborene Kunsthistoriker der Deutschen Presse-Agentur. «Ein Festival einer politisch korrekten Meinungselite mit der dazu passenden Gesinnungsästhetik» sei das gewesen, eine «unterdurchschnittliche» Ausgabe der immer noch wichtigsten Kunstausstellung der Welt, «kuratorisches und künstlerisches Mittelmaß».

«Hast du darüber schon nachgedacht? Und das ist auch schlimm! Und darauf musst du jetzt mal reagieren», habe diese documenta ihren Besuchern ständig entgegengebrüllt, kritisiert Kristian Jarmuschek, Vorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Galerien und Kunsthändler. Die Kunst sei in Kassel und Athen «vernutzt» worden, sagte Jarmuschek der dpa: «Kunst, die nicht berührt oder überwältigt, sondern nur didaktisch funktioniert, um bestimmte Themen anzusprechen». Bei ihm habe «dieses Oberlehrerhafte» eher Widerwillen erzeugt - zumal er Vieles im Einzelnen naiv, populistisch und oberflächlich fand.

«Diese documenta war ein Verrat an allem, was die documenta jemals war und wollte», sagt der Kasseler Kunstwissenschaftler Harald Kimpel. Traditionell habe die documenta «eine Orientierungsfunktion, die Aufgabe, den Kanon des Zeitgenössischen zu definieren». Szymczyk habe das aufgegeben, bewusst verweigert. Den Besuchern würden «die Traumata von Menschen aus aller Welt kommentarlos vor die Füße geworfen». Die documenta 14 habe sich mit den Katastrophen der Welt beschäftigt «und ist dabei selbst zur Katastrophe geworden».

Es gibt aber auch Zustimmung. Adam Szymczyk habe eine spannende Ausstellung gemacht, sagte Elke Buhr, Chefredakteurin des Kunstmagazins «Monopol», in der «3sat Kulturzeit». Die Schau habe mit den beiden Standorten in Kassel und Athen sehr gut funktioniert, weil sie eine andere Perspektive auf Deutschland und auch auf die globale Kunst ermöglicht habe. «Genau darum ging es bei der documenta - um einen Perspektivwechsel.» Sie habe darauf gezielt, «unsere Sehgewohnheiten aufzubrechen.» Buhr bilanzierte: «Ich finde, die Ausstellung war eine große Setzung.»

Die documenta sei «unter aller Sau», schimpfte dagegen Bazon Brock, emeritierter Professor für Ästhetik und Kulturvermittlung, im Deutschlandfunk. Die Kuratoren hätten sich «blamiert» und «auf der ganzen Bandbreite versagt».

Nicht einmal Museumsdirektorin Susanne Gaensheimer, die immerhin in der Auswahlkommission saß, die Szymczyk ins Amt hob, kann sich zu einem überzeugenden Lob durchringen. Die neue Direktorin der Kunstsammlung NRW fand die Ausstellung zwar «intensiv und tiefgründig», kritisiert aber die mangende Vermittlung. Die documenta habe sich «sehr verschlossen» gegeben. «Sie erforderte extrem viel Eigeninitiative vom Besucher. Nur wenn man sich sehr viel Zeit nahm und sehr viel las, entfaltete sich dieser tolle gedankliche Kosmos.»

Diese documenta sei «so asketisch, so streng, fast verbittert», fanden die Redakteure vom «Art»-Magazin. Szymczyk wollte eine politische documenta machen, aber dabei sei «dieser documenta das Vertrauen in Kraft und Eigenheit der Kunst abhanden gekommen». Die Ausstellung habe es dem Besucher in Athen und Kassel «höllisch schwer» gemacht: «Sie verrät ihm fast nichts über die Künstler und postuliert, wo sie denn etwas erklärt, oft unausgegoren und dogmatisch.»

An der Idee, die documenta nach Athen zu exportieren, scheiden sich die Geister. «Wer Eulen nach Athen tragen will, hat ja sowieso nicht alle Tassen im Schrank», witzelte Brock. Für Saehrendt war die documenta in Athen «nicht sichtbar genug, um ein großes Publikum zu erreichen». Galerist Jarmuschek fand das mit den zwei Standorten «prinzipiell eine gute Idee», eine schöne menschliche Geste für Griechenland. Vermutlich war die schöne Idee auch ziemlich teuer. Kurz vor Ende der documenta kamen Einzelheiten über einen finanziellen Engpass ans Licht.

Und was bedeutet diese documenta für die nächste Ausgabe 2022? Wenn die documenta «ein zentrales Forum für Gegenwartskunst» bleiben soll, sagt Saehrendt, dann müsse die Macht der Kuratoren beschnitten werden. Künftigen Findungskommissionen rät er, «eine simple Bedingung zu stellen: Zeitraum und Ort der Schau sind unverhandelbar – 100 Tage, alle fünf Jahre, im Sommer, in Kassel.»

Harald Kimpel sieht die documenta am Scheideweg. Drei Szenarien hält er für die 15. Ausgabe für denkbar: eine noch größere räumliche Ausdehnung, statt Athen dann vielleicht Shanghai oder Rio; die komplette Verlagerung ins Virtuelle und Digitale; oder «eine komplette Re-Orientierung». Als viertes Szenario nennt er «das Ende dieser Institution» - aber das wird nicht passieren, glaubt Kimpel: «Es wird eine 15. documenta geben, weil es eine 14. documenta gab. Das Ganze ist ein Selbstläufer.»

Sandra Trauner, dpa Autor: Sandra Trauner, dpa, am 14.09.2017 um 09:22 Uhr
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