Vesper mit Rittern im Kloster Wienhausen entführt ins Mittelalter

Die Johanniter und Malteser der Region Celle/ Hannover und der Konvent des Klosters Wienhausen luden am Sonnabende ein zu einer Ökumenischen Vesper im Kloster Wienhausen. Foto: Michael Schäfer (6)

Lange schwarze Umhänge, wie sie an diesem Abend zahlreich vertreten sind, tragen die fünf Männer nicht. Den Bogen zur Vergangenheit schlagen sie nur mit ihren Stimmen und mit der Sprache, in der sie singen. Eben noch war Deutsch zu hören: „Folgen Sie mir in das Israel von vor 2000 Jahren und erleben mit, was sich dort gerade ereignet“, hatte Oberlandeskirchenrat i. R. Peter Kollmar seine Predigt begonnen, die, wie in evangelischen Gottesdiensten üblich, volle gedankliche Aufmerksamkeit erforderte. Ganz anders als bei der Kunst des Ensembles Virga Strata – die Mitglieder stehen sich gegenüber, schauen nicht ins Publikum, verbeugen sich voreinander, und dann erfüllen sie den Raum mit Musik, einzig mit ihren Stimmen. Zu verstehen ist nichts, denn sie singen in lateinischer Sprache, und doch dringen die Töne dahin vor, wohin es das Wort nicht schafft.

WOHIN DAS WORT
NICHT VORDRINGT

Als die „liturgischen Gesänge der katholischen Kirche“ wird die Gregorianik, der sich das Ensemble aus Berlin unter der Leitung von Professor Jochen Großmann verschrieben hat, bezeichnet. Mit ihrem erhabenen Klang bildet sie die ideale Entsprechung zum Ort für die ökumenische Vesper, zu der Malteser- und Johanniterorden sowie der Konvent des Klosters Wienhausen eingeladen haben. Der Nonnenchor des Klosters bildet nicht nur den geeigneten Rahmen für einen in mehrerer Hinsicht besonderen Gottesdienst, weil er außergewöhnlich ist, sondern auch aufgrund der katholisch-protestantischen Geschichte des roten Backsteingebäudes, das 1230 von Agnes von Landsberg gegründet und nach Einführung der Reformation im Herzogtum gegen den Widerstand der Nonnen in einen evangelisch-lutherischen Frauenkonvent verwandelt wurde.

DICHTE FEIERLICHE
ATMOSPHÄRE

Die seitlichen Sitzgelegenheiten in dem sakralen Raum sind bereits belegt. Warten fällt leicht, der Besucher kann sich vertiefen in Leben und Sterben Jesu oder die Schöpfungsgeschichte nachvollziehen – Decken und Wände des im gotischen Stil erbauten Chores sind flächendeckend bemalt – oder sich vorstellen, welche Nonne wohl einst auf dem kleinen Holzstuhl gesessen haben mag. Immer wieder haben die früheren Bewohnerinnen die Bilder und Fenster betrachtet, etliche Motive einfließen lassen in die berühmten Teppiche des Klosters. Wer den Blick senkt und geradeaus auf die mittleren leeren Stuhlreihen richtet, wird abrupt aus dem Thema gerissen: „Reserviert für Ritter“ ist dort zu lesen. So ungewöhnlich die Aufschrift, so geheimnisvoll mutet deren Einzug an. Männer in langen schwarzen Umhängen betreten den Raum, achtspitzige Kreuze zieren die Mäntel, einige Frauen tragen schwarze Spitzenschleier auf dem Kopf, sie nehmen ganz vorne Platz, die Herren auf den Stühlen dahinter. Mancher Orden neben dem Kreuz auf den Umhängen, die nur zu hochoffiziellen Anlässen getragen werden, wird sichtbar, als die Reihen sich geschlossen haben.

Sehr vertraut wirken dagegen die Männer und Frauen, die zuletzt hereinkommen: Mitarbeiter des Malteser-Hilfsdienstes und der Johanniter-Unfall-Hilfe in ihren Uniformen. Wer genau hinschaut, entdeckt keinen Unterschied zwischen den achtspitzigen Kreuzen, die sie als Emblem auf ihrer Arbeitskleidung tragen. Ein Hinweis auf den gemeinsamen Ursprung der beiden Orden, die jeweils eine der karitativen Einrichtungen betreiben. Konfessionsübergreifend ist das Motto der Vesper, und so heißen die katholischen Malteser und die evangelischen Johanniter der Region Celle/Hannover jeden willkommen zum Gottesdienst. Viele Gäste sind Familienangehörige der Ritter des weltweit 4000 Mitglieder zählenden Johanniterordens sowie des global 13.500 Mitglieder zählenden Malteserordens.

Pater Andreas Tenerowicz liest aus dem Evangelium nach Lukas. Die Gemeinde singt Psalme und Gebete beherzt mit. „Die Kirche steht auf uralten Wurzeln“, hatte der Leiter des Vokalensembles, Jochen Großmann, zum Auftakt gesagt. Sobald die fünf Männer zu singen beginnen, ist zu hören, was er meint. Der Gesang führt zurück in eine Zeit lange vor der Reformation, etwas Ursprüngliches liegt in den Klängen, sie erzeugen eine dichte und feierliche Atmosphäre.

KEIN THEMA
AN DER BASIS

„An der Basis ist das kein Thema“, sagt der Mann in Uniform, Andreas Zahn, während des geselligen Beisammenseins im Anschluss an den Gottesdienst. „Im Einsatzgeschehen da spielt Religion für uns keine Rolle, da denkt keiner dran“, pflichtet ihm Kollege Olaf Bartels bei im Hinblick auf die unterschiedlichen Konfessionen der Johanniter und Malteser. Mit ihren Aussagen treffen sie nicht nur die heutige Situation, sondern den Ausgangspunkt beider Orden vor fast 1000 Jahren. Ausschließlich die Kranken und Hilfebedürftigen hatten die Brüder rund um den Seligen Gerhard im Blick, als sich immer mehr Pilger krank oder sterbend ihrem Schicksal in der Fremde ausgeliefert sahen. Italienische Kaufleute griffen ein und errichteten 1048 in Jerusalem ein Krankenhaus, dessen Führung sie in die Hände einer Spitalsbruderschaft legten. Dieser Zusammenschluss ist der Ursprung des Ordens, aus dem die Johanniter und Malteser hervorgingen. Erst ein paar hundert Jahre später trennten sich die Wege, 1538 bildete sich ein protestantischer Zweig heraus – die Johanniter.

„Wir sind fast eins“, lautet die Einschätzung von Andreas Zahn. Und Gräfin Elisabeth von Alvensleben ergänzt: „Solange es Leid auf der Welt gibt, sind die beiden Orden gefordert.“

Anke Schlicht Autor: Anke Schlicht, am 20.09.2017 um 18:06 Uhr
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