Celler Schulleiter setzt sich für Latein ein: "Kontrast zu Twitter"

Foto: Oliver Berg

Eine „Hochburg des altsprachigen Unterrichts“ nannte Schulleiter Johannes Habekost das Celler Gymnasium Ernestinum. Dieses richtete kürzlich den Landestag des Niedersächsischen Altphilologenverbands (NAV) aus. CZ-Mitarbeiterin Doris Hennies hat bei Habekost nachgefragt, wie es um den Altsprachen-Unterricht im Ernestinum konkret bestellt ist.

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Das Gymnasium Ernestinum bietet einen Lateinunterricht schon ab der 5. Klasse - zusätzlich zur Fremdsprache Englisch - ist das nicht eine Überforderung der Schüler so ganz am Anfang?

Unser Angebot LateinPlus ist aus vielerlei Gründen attraktiv: Wir nutzen die große Neugier und Energie, mit der die Kinder aus der Grundschule kommen, gleich auch für Latein. Der Lernstoff wird durch den früheren Einstieg gestreckt – die Kinder erhalten also mehr Lernzeit für die Sprachlernphase in der gesamten Mittelstufe. So tritt eben gerade keine Überforderung ein und es bleibt mehr Zeit für zusätzliche motivierende Projekte und Ausflüge im Bereich römischer Geschichte. Mit einem frühen Beginn kann das Zeitfenster vor der Pubertät besser zum Vokabellernen genutzt werden, die Basis um später mehr Spaß an der Arbeit mit lateinischen Lektüren zu bekommen. Der frühe Umgang mit einer solch systematisch-regelhaften Sprache wie Latein hilft dabei, grundsätzliche Sicherheit in Grammatik zu gewinnen. Durch das Lernen von Zeiten und Fällen und deren Anwendung in Übersetzungen werden elementare Kenntnisse vermittelt und gefördert – damit kann gerade der frühe Lateinunterricht helfen, Nachteile und Defizite im Deutschen auszugleichen. Das betrifft nicht nur Migranten. Der frühe Einstieg bildet außerdem eine solide Basis, um ab Klasse 8 noch eine dritte Fremdsprache zu wählen. Diese Überlegungen scheinen zu überzeugen, sieht man die konstant guten Anmeldezahlen – wir haben drei Klassen LateinPlus und übrigens auch eine Klasse FranzösichPlus.

Es gibt immer wieder die Diskussion um den Nutzen der sogenannten „toten Sprachen“ – wie „tot“ sind Latein und Altgriechisch und warum sollten sie einen festen Bestand im gymnasialen Unterricht haben?

Veraltet ist allenfalls das Vorurteil von den vermeintlich „toten“ Sprachen, denn die Inhalte und Themen, die man sich über die Kenntnis dieser Sprachen erschließen kann –Geschichte, Philosophie, Ethik, Rhetorik, Gesellschaft und Politik – sind äußerst spannend, lebendig, bisweilen fast erschreckend zeitlos. Vor allem aber wird der bewusste, kritische und respektvolle Umgang mit Sprache schlechthin, die umfassende Sprachkompetenz im Deutschen durch das sorgfältige Übersetzen in grundlegender Weise geschult – ein wohltuender Kontrast zu den aktuellen Auswüchsen im öffentlichen Diskurs via Twitter und Co. Dass Latein – und erst Recht Griechisch – seit über 100 Jahren am öffentlichen Gymnasium unter Legitimationsdruck steht, hat den positiven Effekt, dass die Altsprachler sich immer wieder selbst mit dem Sinn ihres Tuns auseinander zu setzen und gute Argumente vorzubringen wissen. Man ist bemüht, die Lehrbücher mit einem großen, illustrierten Informationsteil und spannenden Texten attraktiver zu machen und sich durch didaktische Ideenbörsen, gut vernetzt, fortzubilden – auch hinsichtlich des Einsatzes elektronischer Medien.

Laut einer Veröffentlichung des niedersächsischen Altphilologenverbands nimmt das Interesse an Latein als Fremdsprache immer mehr ab – wie ist das am Ernestinum? Wie stabil sind die Zahlen im Vergleich der letzten zehn Jahre?

Ein solcher Trend ist am Ernstinum überhaupt nicht zu beobachten. Dass Schüler eine Fremdsprache am Ende der Mittelstufe zugunsten ihrer individuellen Profilwahl nicht mehr fortsetzen, ist durchaus normal, am Ernstinum aber nur bei einer Minderheit der Fall. Aber selbst dann haben sie von Latein in Sachen allgemeiner Sprachkompetenz profitiert, sie verfügen über ein Vokabular als Grundlage für alle wissenschaftlichen Fachsprachen und weitere Fremdsprachen und sie haben mit dem „Kleinen Latinum“ schon einen formalen Abschluss erworben, der für viele Studiengänge weiterhin als Voraussetzung verlangt wird. In der Oberstufe werden unverändert gut besuchte Latein- und Griechischkurse als Prüfungs- und Ergänzungskurse angeboten, die mit dem Latinum, dem Großen Latinum und häufig auch mit mündlichen oder schriftlichen Abiturprüfungen zehn bis fünfzehn Schüler sogar im Leistungskurs abgeschlossen werden. Landesweit außergewöhnlich ist die hohe Zahl von Abiturienten, die bei uns auch das Graecum erwerben im Schnitt rund 20 Schüler und damit bisweilen die größte Prüfungsgruppe Niedersachsens bilden. Mit diesen und den Abiturienten, die das Ernestinum mit dem Hebraicum verlassen, darf man das Ernstinum als Hochburg des altsprachlichen Unterrichts bezeichnen. Für die Attraktivität des Lateinunterrichts in der Oberstufe spricht auch, dass sich von den neuen Schülern der besonderen Einführungsphase von der Realschule aufs Gymnasium wechselnd, 22 entschieden haben Latein zu lernen.

Der Lateinunterricht braucht auch kompetente Lateinlehrer? Wie sieht es damit am Ernestinum aus?

Unsere sehr starke Fachgruppe hat sich in den letzten Jahren deutlich verjüngt. Und es gelingt uns immer wieder, ausgeschriebene Stellen mit hervorragenden Bewerberinnen oder Bewerbern zu besetzen. Außerdem erreichen mich regelmäßig Initiativbewerbungen von Interessenten aus ganz Deutschland, die auf unser besonderes Profil und unseren Ruf aufmerksam geworden sind. Und wir sind stolz, dass aus fast jedem Abiturjahrgang des Ernestinums jemand klassische Philologie studiert, um selbst Latein- oder Griechischlehrer zu werden.

Doris Hennies Autor: Doris Hennies, am 21.09.2017 um 17:31 Uhr
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