Inklusion: Lehrermangel wird andauern

Ronald Bahr, Vorsitzender des Kreiselternrats, stellte zu Anfang die "relativ deprimierenden" Zahlen zur Inklusion vor. Foto: Michael Schäfer

Egal, wer nach dem 15. Oktober, dem Tag der Landtagswahl, in Niedersachsen die Regierung stellen wird. Eines ist jetzt schon klar: Bis der eklatante Mangel an Förderschullehrern behoben sein wird, werden noch einige Jahre ins Land gehen. Auch bei erhöhten Studienplatzkapazitäten muss der Nachwuchs ja erst einmal sein Studium absolvieren. Darüber versuchte bei den "Podiumsgesprächen Inklusion", die der Kreiselternrat in der Paul-Klee-Schule veranstaltete, niemand der geladenen vier Politiker den etwa 80 Besuchern der Veranstaltung Sand in die Augen zu streuen.

CELLE. Ansonsten dürfte es vielen Zuschauern nicht leicht gefallen sein, im Detail die unterschiedlichen Auffassungen der Parteien über die künftige Ausgestaltung der Inklusion säuberlich auseinander zu halten. Immerhin die Grundhaltung wurde deutlich: Während CDU und FDP sich klar dafür aussprachen, auch die Förderschulen Lernen wieder zu öffnen und andeuteten, mit der Inklusion so nicht fortfahren zu wollen, möchten Grüne und SPD keinen Schritt zurücktreten. Sie setzen darauf, mit mehr Investitionen vor allem in Personal die Inklusion voranzutreiben.

Die landespolitische Haltung der regierenden SPD fiel bei der Debatte leider etwas unter den Tisch. Der Landtagsabgeordnete Christoph Bartling war verhindert. Er wurde vom SPD-Kreistagsmitglied Mathias Pauls vertreten, der sich zwar tapfer schlug, aber eben die Position der regierenden SPD kaum transportierte. Immerhin, Pauls war ehrlich. Angesprochen von Moderator Reinhard Fricke, Vorsitzender des Verbandes Sonderpädagogik, ob die Inklusion ein Erfolg sei, meinte Pauls: "Wenn ich die Zahlen sehe, von einem Erfolg zu sprechen, fällt mir schwer."

Pauls bezog sich dabei auf die Statistik, die Ronald Bahr, Vorsitzender des Kreiselternrats, zu Beginn der Veranstaltung präsentierte. Demnach fehlen vor allen Dingen an Grund- und Oberschulen Förderschullehrer. An Oberschulen würden nach Zahlen der Landesschulbehörde im Schuljahr 2016/2017 nur 277 von 1261,5 Förderstunden erteilt, das entspricht einem Fehl von 37 Sonderpädagogen. Anika von Bose, Mitglied der Arbeitsgruppe Inklusion beim Kreiselternrat, legte anschließend den Finger in die Wunde. "Von einer inklusiven Schule sind wir noch sehr weit entfernt. Beim derzeitigen Ressourcenmangel ist es schier unmöglich, jede Schule inklusiv zu gestalten, daher wäre aus unserer Sicht die Bildung von Schwerpunktschulen eine mögliche Lösung." Gastgeber Uwe Kirchner, Leiter der Paul-Klee-Schule, bemängelte, dass auch Jahre nach der Einführung des inklusiven Schulsystem "viele Aufgabenbereiche nicht so geregelt sind, dass wir effektiv arbeiten können."

Das Wort Schwerpunktschulen nahm Jörg Hillmer (CDU) zwar nicht in den Mund, dafür merkte er an, dass man mit der Inklusion nicht so fortfahren könne, wie bisher. "Wir müssen uns am Wohl der Kinder orientieren. Das bedeutet, dass die Eltern wieder die Wahlmöglichkeit erhalten müssen." Im Klartext: Die Förderschulen Lernen, deren Schließung erst einmal gestoppt wurde, möchte die CDU im Falle eines Wahlsieges wieder einführen. Ein klares Statement. Dahinter steht auch die FDP, wie deren Vertreter Björn Försterling sagte. Er schlug vor, dass man gegen den Lehrermangel auch kurzfristige Lösungen, wie die "Umschulung" von Gymnasiallehrern zu Förderschullehrern erwägen sollte.

Auch der in Regierungsverantwortung stehende Heiner Scholing (Grüne) hätte sich gerne "mehr gewünscht". Er bemängelte, dass Bildungspolitik strukturell unterfinanziert sei. Allerdings: "Wir reden nicht über wichtige Dinge, weil wir nur über fehlende Ressourcen reden. Wir reden zu wenig darüber, was es sonst noch braucht an Haltung." Eine Aussage, die sofort den Widerspruch von Försterling provozierte: "Wie soll man Haltung bewahren, wenn einem ständig ins Kreuz getreten wird."

Aktuell vermeldete der Celler SPD-Landtagsabgeordnete Maximilian Schmidt den Vollzug dessen, was Scholing in der Diskussion bereits angekündigt hatte. Das Kultusministerium stelle "zur Verbesserung der Inklusion in Niedersachsen insgesamt 650 Stellen für pädagogische Mitarbeiter an 840 Schulen bereit. Davon werden auch 34 Schulen in Stadt und Landkreis Celle profitieren", so Schmidt. Damit werde der "Einstieg in den Einsatz von multiprofessionellen Teams" geschaffen. Schmidt sei zuversichtlich, dass die Stellen bereits Ende Oktober besetzt sein werden.

Gunther Meinrenken Autor: Gunther Meinrenken, am 30.09.2017 um 16:55 Uhr
Druckansicht

LESER-FEEDBACK »
Keine Kommentare vorhanden
WEITERE THEMEN »

Den Schulen sei dank: Celler erringen wieder mehr Sportabzeichen

Da behaupte noch einer, die Gesellschaft werde immer bewegungsfauler. Die aktuellen Zahlen des Kreissportbund (KSB) Celle besagen etwas anderes: In der Region legen immer mehr Menschen die Prüfung zum Deutschen Sportabzeichen ab. Sind es 2016 noch 2437 Sportbegeisterte gewesen, die sich die bekannten… ...mehr

20 Jahre Festspielhaus Baden-Baden

Baden-Baden (dpa) - Die Berliner Philharmoniker unter Leitung von Sir Simon Rattle waren gerade bei den Osterfestspielen zu Gast, als nächste kommen Bob Dylan und das Leipziger Gewandhausorchester. ...mehr

CeBus sucht wieder Busfahrerinnen

„Wenn man etwas mit Menschen machen möchte, wird einem niemand als erstes Busfahrerin vorschlagen.“ Das musste auch Nicola Koch feststellen, als sie nach der Insolvenz ihrer Kneipe „Gegen den Strich“ auf der Suche nach einem neuen Job war. „Das ist kein Job, den man einfach so über die Arbeitsagentur… ...mehr

Labbadia holt in Freiburg ersten Sieg mit VfL Wolfsburg

Freiburg (dpa) - 69 Tage nach dem letzten Sieg hat der VfL Wolfsburg wieder ein Spiel in der Fußball-Bundesliga gewonnen und drei wichtige Punkte im Abstiegskampf geholt. ...mehr

„Rausch“ zerfällt in Einzelteile

Große Namen garantieren noch keinen großen Theaterabend. Das bestätigte sich einmal mehr bei einem Gastspiel im Schauspielhaus, einer Koproduktion der Ruhrfestspiele Recklinghausen mit dem Théâtre National du Luxembourg und dem Schauspiel Hannover. Auf dem Programm stand August Strindbergs „Rausch“. ...mehr

Ausstellung in der Galerie Koch zeigt „Vom Stadel zum Wolkenkratzer“

Der Ausstellungstitel ist ein wenig sperrig, die Schau selbst hingegen nicht: „Vom Stadel zum Wolkenkratzer“ nennt die Galerie Koch eine Auswahl von Architekturdarstellungen und mischt dabei nach bewährter Manier Stars der Klassischen Moderne mit Geheimtipps. ...mehr

Wirbel um Kultur-Mäzene in den USA

New York (dpa) - Jerry Saltz ist Kunstkritiker des «New York»-Magazins - und neuerdings auch Aktivist. Mehrmals hat er in den vergangenen Wochen den Namen von David H. Koch auf dem Vorplatz des Metropolitan Museums in Manhattan überklebt - und über die sozialen Medien dazu aufgerufen, es ihm nachzumachen. ...mehr

Hartmut Dorgerloh wird Intendant des Humboldt-Forums

Berlin (dpa) - Jahrelang war Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) auf der Suche nach einem weltweit renommierten Aushängeschild für das geplante Humboldt-Forum in Berlin. Ein Kaliber vom Schlage des noch amtierenden Gründungsintendanten und britischen Museumslieblings Neil MacGregor sollte… ...mehr

Anzeige
E-PAPER »
20.04.2018

Cellesche Zeitung

Die vollständige Ausgabe der CZ in digitaler Form mit Blätterfunktion.

» Anmelden und E-Paper lesen

» Jetzt neu registrieren

THEMENWELT »
AKTUELLES »

Jeder Zweite zweifelt an Nahles als neuer SPD-Vorsitzenden

Köln (dpa) - Kurz vor der Wahl zum SPD-Vorsitz sieht nach einer Umfrage fast jeder zweite Deutsche…   ...mehr

Natalie Portman sagt Reise zum «jüdischen Nobelpreis» ab

New York (dpa) - Hollywood-Star Natalie Portman (36) hat ihre Reise zu einer Preisverleihung in Jerusalem…   ...mehr

Bibliotheken sind die Schwimmbäder des 21. Jahrhunderts

Bremen (dpa) – Aktenberge im Büro. Barbara Lison, Bundesvorsitzende des Deutschen Bibliotheksverbandes…   ...mehr

Betrunkene schlagen Eritreer und hetzen Hunde auf sie

Friedland (dpa) - Ein Gruppe von Deutschen hat in Mecklenburg-Vorpommern zwei vorbeikommenden Eritreern…   ...mehr

Bundestag diskutiert Entkriminalisierung des Schwarzfahrens

Berlin (dpa) - Sollen Schwarzfahrer in Bussen und Bahnen künftig nicht mehr als Straftäter verfolgt…   ...mehr

Washington: Russland und Syrien verwischen Spuren in Duma

Washington (dpa) - Nach tagelanger Verzögerung der Untersuchung eines mutmaßlichen Giftgasangriffs…   ...mehr

US-Handelsstreit: Scholz nach Treffen mit Pence optimistisch

Washington (dpa) - Vizekanzler Olaf Scholz hat sich nach einem Treffen mit US-Vizepräsident Mike Pence…   ...mehr

Eisbären wollen Ausgleich - München peilt dritten Sieg an

Berlin (dpa) - Die Eisbären Berlin wollen im vierten Spiel der Finalserie um die deutsche Eishockey-Meisterschaft…   ...mehr

Zwei Polizisten in Florida beim Essen erschossen

Trenton (dpa) - Im US-Bundesstaat Florida sind zwei Polizisten beim Essen in einem chinesischen Restaurant…   ...mehr

83-Jähriger in Alabama hingerichtet

Atmore (dpa) - Im US-Bundesstaat Alabama ist ein 83-jähriger Mann hingerichtet worden. Walter Moody…   ...mehr
SPOT(T) »

Abgefahren

DriveNow, Car2Go, Flinkster: Mehr als zwei Millionen Deutsche nutzen Carsharing.… ...mehr

Blutregen

Was können wir froh sein, dass wir in einem Zeitalter leben, in dem Aufklärung… ...mehr

Gesetz ist Gesetz

Kuriose Gesetze kennen wir vor allem aus den US-Bundesstaaten. Wer beispielsweise… ...mehr

VIDEOS »
FINDE UNS BEI FACEBOOK »
Datenschutz Kontakt AGB Impressum © Cellesche Zeitung Schweiger & Pick Verlag Pfingsten GmbH & Co. KG