Türkischer Haustyrann steht in Celle vor Gericht

Foto: Christian Link (Symbolfoto)

Ein 39-jähriger Türke muss sich derzeit vor dem Amtsgericht Celle verantworten, weil er seine 70-jährige Mutter mehrfach verprügelt haben soll. Allerdings gibt es außerhalb der Familie keine Augenzeugen, die die Schläge gesehen haben könnten. Und weder Eltern noch Schwester wollten vor Gericht eine Aussage machen.

CELLE. Einen unbeherrschten Eindruck machte Bilgihan B. auch auf der Anklagebank. Der Vorsitzende Richter musste den 39-Jährigen immer wieder zurechtweisen, weil sich dieser unaufgefordert zu Wort meldete und auf Zeugen einredete. Der mehrfach vorbestrafte B. steht derzeit wegen vierfacher Körperverletzung vor dem Amtsgericht Celle – immer wieder soll er seine 70-jährige Mutter mit der Faust geschlagen haben. Außerdem wird dem türkischen Staatsbürger eine räuberische Erpressung seiner Schwester vorgeworfen, die er wegen 30 Euro mit dem Tod bedroht haben soll.

Ein Schuldgeständnis gegen eine Haftstrafe von höchstens 15 Monaten lehnte B. zu Prozessbeginn ab. „Mein Mandant ist nach wie vor der Ansicht, dass er zu Unrecht angeklagt wird“, sagte Rechtsanwalt Martin Fricke nach einem gemeinsamen Gespräch mit Richtern und Anklage.

Der Angeklagte sitzt bereits seit dem 31. März hinter Gittern. Zunächst befand er sich nur in Untersuchungshaft. Seit dem 20. Juli verbüßt er eine fast einjährige Haftstrafe wegen eines anderen Delikts. Anfangs saß er in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Hannover ein. „Ich gehe da nicht mehr hin, ich bin da zusammengeschlagen worden“, beschwerte sich der Angeklagte. Für den Prozess ist er bereits in die JVA Celle überstellt worden.

Mutter, Vater und Schwester des Angeklagten machten als Angehörige von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht gebrauch. Dennoch wurde durch ihre Auftritte im Zeugenstand deutlich, dass der 39-Jährige in der Wohnung der Familie in Westercelle offenbar eine Art Schreckensherrschaft führt. „Ich will nicht, dass er zu uns nach Hause kommt“, übersetzte ein Dolmetscher eine Aussage der 70-jährigen Mutter, die fast kein Deutsch spricht. Auch die 37-jährige Schwester zeigte sich vom Bruder verängstigt. „Ich möchte, dass er uns in Ruhe lässt und nicht zu uns kommt. Mehr will ich nicht“, sagte sie. Der 74-jährige Vater äußerte sich gar nicht.

Im Dezember 2016 wandte sich die Schwester bereits mit einem anonymen Brief an den Bewährungshelfer des Angeklagten. „Er konsumiert auch zu Hause oft Drogen und hat danach häufig Ausraster, sodass er uns Frauen im Haushalt verprügelt“, heißt es in dem Schreiben, das eine Freundin tippte und überbrachte. Doch der Hilferuf lief ins Leere. Drei der vier Straftaten, für die B. angeklagt wird, ereigneten sich danach.

„Das zentrale Problem von Herrn B. ist die Suchtmittelabhängigkeit“, sagte der Bewährungshelfer, der den Angeklagten schon 2010 bis 2013 nach einer Reststrafe wegen Drogenhandels und dann wieder seit August 2014 betreute. „Über den gesamten Bewährungsverlauf baten die Familie und insbesondere die Mutter darum, den Sohn in Therapie zu bringen“, so der Betreuer. Das sei jedoch am Marihuana- und Kokain-Süchtigen selbst gescheitert. Einen Entzug in einer Fachklinik habe er im November 2016 nach nur drei Wochen abgebrochen. Seitdem habe der Bewährungshelfer auch keinen Kontakt mehr zu B. gehabt.

Bis 2016 habe sich die Familie darum gesorgt, dass B. nicht in die Türkei abgeschoben werde oder in den Strafvollzug komme. Dann habe sich jedoch die Situation verändert. „Da war er es nicht mehr die Sorge um den Sohn, sondern darum, dass man selbst zu Schaden kommen könne“, sagte der Bewährungshelfer.

Ob es der Staatsanwaltschaft gelingt, das Schöffengericht zweifelsfrei von der Schuld des Angeklagten zu überzeugen, ist fraglich. Denn außerhalb der Familie gibt es offenbar keine Augenzeugen der Taten. Die Verhandlung vor dem Amtsgericht Celle wird morgen fortgesetzt. Dann ist auch mit einem Urteil zu rechnen.

Christian Link Autor: Christian Link, am 11.10.2017 um 20:16 Uhr
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