Inklusion treibt Kosten für Schulbegleiter im Celler Land in die Höhe

Seitdem die Inklusion zum Schuljahr 2013/14 Einzug an niedersächsischen Schulen gehalten hat, scheiden sich an ihr die Geister. Auch im Landtagswahlkampf stehen sich zwei Lager gegenüber: Während CDU und FDP die Förderschulen mit dem Schwerpunkt Lernen wieder öffnen und eine Pause in der Inklusion einlegen wollen, möchten Grüne und SPD keinen Schritt zurücktreten. Vielmehr sollen zusätzliche Investitionen die Inklusion vorantreiben.

CELLE. Dabei hat die bildungspolitische Entscheidung für inklusive Schulen bereits eine wahre Kostenexplosion nach sich gezogen. Die Zahl der Schulbegleiter, die Kinder mit Behinderung im Rahmen der Eingliederungshilfe unterstützen, ist seit 2013 stark gestiegen, wie Zahlen des Landkreises Celle belegen: Im Einführungsjahr der Inklusion wurden lediglich 16 Kinder mit seelischer Behinderung von Schulbegleitern betreut. Schon im Jahr darauf stieg die Zahl auf insgesamt 32 Fälle. Auch die Kosten verdoppelten sich von rund 500.000 Euro auf 1,15 Millionen Euro im Jahr 2014. Dieses Jahr werden 43 Kinder mit seelischer Behinderung von Schulbegleitern für voraussichtlich 1,1 Millionen Euro unterstützt.

Die Zahlen der Stadt Celle zeichnen ein ähnliches Bild: Von sieben Fällen im Jahr 2012 stieg die Zahl auf insgesamt 35 Fälle von Schulbegleitungen für Kinder mit seelischen Behinderungen in diesem Jahr. Gleichzeitig sind die Kosten in die Höhe geschossen, von rund 413.000 Euro im Jahr 2012 auf gut 988.000 Euro im vergangenen Jahr. Fasst man die Kosten von Schulbegleitungen in Stadt und Landkreis für Kinder mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen zusammen, kommt man insgesamt auf rund 4,6 Millionen Euro für das Schuljahr 2015/16. Zurzeit werden 554 Kinder auf weiterführenden Schulen des Landkreises integrativ und inklusiv beschult.

Ob ein Kind mit Behinderung einen Schulbegleiter zur Seite gestellt bekommt, wird nach Antragstellung geprüft. Auch für den Umfang der Betreuung gibt es keine pauschale Aussage. "Jeder Fall ist anders", sagt Dagmar Wiese-Cordes, Jugendamtsleiterin des Landkreises. Angestellt sind die Schulbegleiter bei freien Jugendhilfeträgern, ihre Qualifikationen unterscheiden sich zum Teil stark. "Zurzeit ist es sehr eng auf dem Fachkräftemarkt", sagt Wiese-Cordes. Denn neben der Einführung der Inklusion sei auch die Kindestagesbetreuung ausgebaut worden. Hinzu komme die Zuwanderung zahlreicher Asylbewerber, die Ressourcen binde.

Anika von Bose, Vorsitzende des Arbeitskreises Inklusion beim Kreiselternrat, kritisiert, dass das Land die inklusiven Schulen zwar eingeführt hat, aber nicht ausreichend finanziert. "Wer Inklusion bestellt, muss sie auch bezahlen", fordert die Wathlingerin, deren Sohn die Sprachheilschule in Celle besucht. Dass die Landesregierung nun 650 Stellen für pädagogische Mitarbeiter in Niedersachsen geschaffen hat – 34 davon an Schulen im Celler Land –, bezeichnet von Bose als Tropfen auf den heißen Stein: "Das ist Volksverarschung." Schließlich gebe es rund 2800 öffentliche Schulen in Niedersachsen.

Auch die Inklusion gaukle Integration in einem starren Schulsystem vor. "Wir schaffen die Förderschulen ab, behalten aber unser selektiv strukturiertes System mit Gymnasien sowie Haupt- und Realschulen", sagt von Bose. Außerdem werde die Einführung inklusiver Schulen nicht von Studien begleitet. Die Auswirkungen auf Kinder mit Behinderung blieben offen. "Das ist grob fahrlässig", findet von Bose.

Kommentar:

Schön gedacht, schlecht gemacht: Diese lapidare Bilanz lässt sich nach vier Jahren Inklusion an niedersächsischen Schulen ziehen. Das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung ist eine vorbildlich tolerante Idee, doch an der Umsetzung hapert es gewaltig. Förderschulen teilweise zu schließen und die in besonderer Weise unterstützungsbedürftigen Kinder einfach im weiterhin selektiven Schulsystem unterzubringen ist ein Widerspruch in sich. Wenn schon integrativ, dann konsequent für alle: weg mit dem dreigliedrigen Schulsystem. Zurzeit lernen die meisten Schüler in weitgehend homogenen Lerngruppen. Ein Kind mit Behinderung, womöglich im Schlepptau eines Schulbegleiters, hat es so schwer, sich zu integrieren. Und welche Wirkung oder gar Nebenwirkung die Inklusion für die Kinder mit sich bringt, wird in Niedersachsen gar nicht untersucht. Begleitstudien sucht man vergeblich. Vielleicht ist die Überzeugung der Politik genauso halbherzig wie die Umsetzung von Inklusion.

Amelie Thiemann Autor: Amelie Thiemann, am 12.10.2017 um 16:49 Uhr
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