Meerforellenjäger made in Celle

Wer vor Öland angelnd durchs Meer watet, der wird unter anderem mit atemberaubenden Sonnenuntergängen belohnt. Foto: Fremdfotos/eingesandt

Auf der schwedischen Ostsee-Insel Öland gibt es jede Menge zu entdecken. Sie ist ein Traumziel für Badetouristen, Naturliebhaber, Gourmets und Angler. Und manchmal wartet Öland mit Entdeckungen auf, die verbüffen. Zum Beispiel mit schwedischen Cellern, die nicht wissen, dass sie Celler Wurzeln haben - bis sie einen Celler treffen: eine Reisegeschichte.

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"Hast Du schon was?“ Klaus, der bis zur Brust im Wasser steht und seine Fliegenrute routiniert ein ums andere Mal auswirft, ruft zu seinem Sohn William hinüber. Der schüttelt den Kopf: „Nichts. Kein Biss. Nichts!“ „Vielleicht sollten wir es woanders versuchen“, ruft Klaus und balanciert auf Unterwassersteinen zum nächsten Punkt, von dem aus er seine Leine fliegen lässt. Klaus ist ein Meister der Königsdisziplin. Seine Schnur fliegt. Beschreibt riesige Bögen. Malerisch. Wie ein Traum. Meine Schnur klatscht aufs Wasser. Unelegant. Sssssit. Fast 100 Meter. Platsch. Dort, wo ich es nicht haben will. Mann, ist das kalt.

Ich beobachte die beiden Angler neben mir. Sehe, wie William und Klaus unverdrossen fischen und bemühe mich, im eisigen Wasser vor der schwedischen Insel Öland eine einigermaßen gute Figur zu abzugeben. Die beiden Einheimischen machen mir vor, wie es geht. Wie man Meerforellen angelt. Wenn sie denn da sind. Wir sind auf den Jagd nach dem Fisch der 1000 Würfe. Und ich habe erst ein paar Hundert gemacht. Das kann noch dauern. Ich frage mich, warum ich das hier mache. Andere Menschen tun andere Dinge, als vor Ölands Küste ins brusthohe Wasser hinaus zu waten und darauf zu achten, nicht im Gewirr der Unterwasser-Felsen des Riffs zu straucheln. Wenigstens falle ich nicht hin. Ein kleiner Sieg.

Öland - diese knapp 140 Kilometer lange und rund 15 Kilometer breite Insel vor der schwedischen Ostküste ist eines der beliebtesten Reiseziele der Schweden. Die Royals machen es vor: Die königliche Familie residiert hier in jedem Sommerurlaub im Schloss Solliden. Klaus, William und ihre Familie leben im Süden der Insel. Der ist historisch und archäologisch besonders interessant und wird vom gigantischen Kalkplateau Stora Alvaret geprägt, das durch seine einzigartige Biodiversität und vorzeitliche Funde besticht – eine Unesco-Weltkulturerbestätte.

Was Meerforellen angeht, so ist Öland ein echter Hot Spot. Ein manchmal ziemlich kalter. Diese silbernen Raubfische, die Lachsen ähneln, vagabundieren durchs Meer, und wenn die Liebe ruft, kommen sie zu den Bächen zurück, in denen sie geboren wurden. Das ist der Reichtum Ölands: Die kleinen Gewässer, die hier ins Meer münden, ziehen zwei Dutzend verschiedener Meerforellen-Schläge an. Da die Bäche rings um die Insel herum plätschern, sind auch die Fische überall - und nirgends, wenn man zur falschen Zeit am falschen Ort angelt. Und das tut ziemlich sicher derjenige, der einfach so irgendwann irgendwo zu fischen beginnt.

William holt die Leine ein und lässt eine Hand lässig ins Wasser hängen. „Zu kalt hier“, sagt er. Ein Thermometer gibt ihm Recht. Die Wassertemperatur liegt bei 7 Grad. „Ab 10 Grad fangen die Meerforellen an zu jagen. Erst dann werden sie munter“, ruft William mir zu. Ab 7 Grad werden meine Hände lahm und signalisieren mir nach einer halben Stunde nur noch eines: Schmerz. Und zwar heftig. William steht im Wasser, wirft ein ums andre Mal aus und blickt zu mir rüber. Ich müsse mich schneller bewegen, sagt er. Schließlich müssten wir noch das ganze Riff abfischen. Ich nicke und möchte tapfer sein. Die Finger tun so weh, dass unwillkürlich die Tränen rinnen. Nur immer wieder auswerfen. Und jetzt fängt es auch noch an zu schneien. Der Guide sieht meine Qual: „Eigentlich könnten wir jetzt auch eine Pause machen. Nach dem Mittagessen versuchen wir es woanders.“

Mittagessen. Rettung. Und was für eine. Im Bo Pensionat in Vickleby verschwindet Klaus in seiner Küche. Dort zaubert der gelernte Koch, der viel rumgekommen ist in der Gastro-Welt mit dem, was seinen Kochstil ausmacht: regionale Produkte: Lamm, Wild, Fisch, Meeresfrüchte und saisonales Obst, Gemüse und Kräuter aus Öland. Die Produkte sind regional, das Niveau hat internationale Klasse. „Mit dem, was wir hier auf der Insel haben, zu kochen, macht wirklich Spaß. Und was dabei herauskommt, gibt es nur hier bei uns“, sagt Klaus und kredenzt gebratene Hühnerbrust mit einem Stück Quiche, einer mild-pikanten Soße und grauen - ja grauen - endemischen öländischen Erbsen. Vorher gab es einen Happen seines geheimnisvollen „schwarzen“ Lachses und zum Dessert Vanilleeis mit Sanddorn und ein Stück Schokoladenkuchen.

Dieses umwerfende Menü passt zu einem gemütlichen Haus, das binnen mehr als 100 Jahren ein Begriff für herzliche, kultivierte, unkomplizierte Gastlichkeit geworden ist. Im Bo Pensionat mit seiner urigen Einrichtung fühlt man sich sofort wie im eigenen Wohnzimmer, wie zu Hause. Darauf, dass das für Klaus und Co. nicht immer so war, deutet schon sein Nachnahme hin. „Kernchen“ klingt so gar nicht schwedisch. „Ist es auch nicht“, sagt Klaus und erzählt, dass er im ostfriesischen Emden geboren wurde. Sein Vater starb bei einem Unfall, und seine Mutter wanderte nach Schweden aus. Über Umwege kamen sie nach Öland. William wurde hier die Liebe zur Natur in die Wiege gelegt, und als er gerade mal fünf Jahre alt war, ging er zum ersten Mal mit Klaus zum Fischen: „Da hat es mich gepackt“, lacht William: „Seitdem packt mich das Fliegenfischer-Fieber, wann immer ich das Meer sehe.“ Und auf Öland ist man immer nah am Wasser. Wie gut, dass es in Schweden für Talente wie ihn passende Schulen gibt. An der Sportfischerei-Akademie in Forshaga in Värmland hat William seinen Abschluss gemacht - gewissermaßen ein Naturburschen-Abitur. Heute ist der junge Mann bereits einer von Ölands versiertesten Fishing-Guides. Das merkt man, wenn man mit ihm unterwegs ist: Er wird von anderen Meerforellen-Anglern regelrecht verfolgt – wie ein Fischkutter von Möwen. Die wissen genau, an wen man sich halten muss.

Vater und Sohn ergänzen einander –auch geschäftlich: Williams Tour-Gäste kommen in Klaus‘ Bo Pensionat unter. Die Meerforellen-Waid ist einer der Gründe, warum es sich auch im Frühling, Herbst und Winter lohnt, Vicklebys erstes Haus am Platze anzusteuern. Von dort aus scannen William und Klaus für ihre Gäste die rund 500 Kilometer lange Küste nach den aktuell erfolgversprechendsten Buchten und Riffen ab. „Durch Zufall haben wir herausgefunden, dass wir direkt an einem der besten Meerforellen-Plätze von ganz Öland leben“, sagt Klaus und lässt die Fliegenschnur in hohem Bogen fliegen. Als hier nichts geht, wechseln die beiden zum nächsten Platz. Das ist schnell gemacht. „Wir kennen wirklich viele, aber längst noch nicht alle Stellen. Das macht das Angeln auch für uns immer wieder spannend“, meint William. Er strahlt: Forellen-Fieber geht nicht weg.

Wir angeln an der Mündung eines Baches, in dem William mit Freunden aus dem Angelverein Kies geschüttet hat, damit die Forellen besser ihre Eier ablegen können. Es funktioniert. Frische Laichgruben zeigen das. „Das ist viel Arbeit, aber es lohnt sich“, nickt William. Die Sonne bricht durch die Wolken, glitzert auf den Wellen, hinter uns steigt eine Lerche auf und singt in der kühlen Brise ihr unendliches Lied. Ein magischer Moment. Wieder und wieder werfen wir die Schnüre aus. Wer nicht mit der Fliegenrute „kann“, sollte zu Sbirulino und Fliege – gern genommen werden Garnele oder Tangläufer – greifen. Am besten geht es, wenn man sich nicht darauf konzentriert, Erfolg haben zu müssen. Das braucht Übung und Gelassenheit. Coolness. Übereifer beim Auswerfen ist fehl am Platz. Die Fische stehen nicht immer knapp unterm Horizont. Im Gegenteil: Oft jagen Meerforellen so dicht unter Land, dass sie kaum noch Wasser unterm Bauch haben.

Daran denke ich - oder? Eigentlich denke ich an fast gar nichts mehr. Ich werfe die Leine aus, hole sie ein, bewege mich automatisch durchs hüfthohe Wasser wie ein Stück Tang in der Dünung. Atme die würzige Luft, werfe die Leine aus, genieße das funkelnde Wasser, kurbele, will die Leine auswerfen und da – plötzlich: Erst ein leises Zucken, dann ein Ruck und und ein starker Zug an der Schnur. Ein Biss! Der Fisch versucht in schnellen kraftvollen Fluchten auszureißen. Doch ich habe nicht so lange auf ihn gewartet, dass ich ihn gleich wieder entkommen ließe. Adrenalin. Den will ich haben. Nach kurzem Drill halte ich den Fisch in der Hand: eine Meerforelle, etwas mehr als 40 Zentimeter lang. Die soll noch leben. Ich lasse sie frei.

„Geht doch!“, ruft Klaus, und kommt heran gewatet. William freut sich, dass die von ihm selbst geknotete Fliege fängig war. „Ich muss dir noch was sagen“, meint Klaus. „Willst mich zum Monster-Fisch beglückwünschen, oder?“, frage ich. „Das natürlich auch“, lacht er. „Aber da ist noch was Anderes.“ - „Was denn?“ - „Ich habe gestern Abend meiner Mutter gesagt, dass hier ein Journalist aus Celle unser Gast ist“, sagt Klaus. „Und? Von Celle hat sie nie gehört, oder?“ - Klaus: „Doch hat sie. Sie kennt Celle. Und noch mehr: Sie hat mir gesagt, dass mein Vater aus Celle stammte.“ Wieder einmal geht mir schlagartig auf, wie klein die Welt sein kann. Da steht man fast bis zum Hals in der kalten Ostsee und angelt sich ‚nen Wolf, und dann trifft man einen Schweden, der irgendwie auch Celler und genau so alt ist wie man selbst. „Klaus“, sage ich: „Dir ist schon klar, dass nicht viel gefehlt hätte, und wir wären in der selben Schule in die selbe Klasse gegangen, oder?“ Er nickt: „Ist verrückt, oder?“

Ja. Ist verrückt. So habe ich im Meer vor Öland meinen mir bis dahin völlig unbekannten, beinahe besten Schulkumpel getroffen, und raten Sie mal, ob wir jetzt beinahe beste Freunde sind. Wir ticken verdammt ähnlich. So lange man solche Entdeckungen machen kann, lohnt es sich hinauszufahren in die Welt. Und glauben Sie mir: Derlei Entdeckungen kann man jeden Tag machen. Man muss nur hinaus. Zum Beispiel nach Öland.

Nur einen Katzensprung entfernt

Öland ist von Celle aus gar nicht so weit weg. Mit einer Fähre der Stena Line ist es von Rostock nach Trelleborg nur ein Katzensprung, und von dort aus ist man in knapp vier Stunden da: www.stenaline.de. Mehr Informationen über die „königliche“Insel unter www.visitoland.com/de. Was William so treibt, erfährt man im Internet unter www.flytroutöland.com. Dort gibt es auch Wissenswertes über das Bo Pensionat: www.bopensionat.se. Klaus Kernchen würde gerne wissen, ober er Verwandte in Celle hat, oder ob es hier Menschen gibt, die ihm etwas über seinen Vater, den er nie kennen gelernt hat, erzählen können. Wer Informationen beisteuern kann, wendet sich bitte an Klaus Kernchens Beinahe-Schulfreund Michael Ende in der CZ-Redaktion unter Telefon (05141) 990122 oder per E-Mail an m.ende@cellesche-zeitung.de

Michael Ende Autor: Michael Ende, am 13.10.2017 um 15:41 Uhr
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Nur Katzensprung entfernt

Öland ist von Celle aus gar nicht so weit weg. Mit einer Fähre der Stena Line ist es von Rostock nach Trelleborg nur ein Katzensprung, und von dort aus ist man in knapp vier Stunden da: . Mehr Informationen über die „königliche“Insel unter . Was William so treibt, erfährt man im Internet unter . Dort gibt es auch Wissenswertes über das Bo Pensionat: . Klaus Kernchen würde gerne wissen, ober er Verwandte in Celle hat, oder ob es hier Menschen gibt, die ihm etwas über seinen Vater, den er nie kennen gelernt hat, erzählen können. Wer Informationen beisteuern kann, wendet sich bitte an Klaus Kernchens Beinahe-Schulfreund Michael Ende in der CZ-Redaktion unter Telefon (05141) 990122 oder per E-Mail an

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