Landeslehrerchef aus Hermannsburg prangert Situation an Schulen an

Foto: David Borghoff

Torsten Neumann aus Hermannsburg ist der neue Landesvorsitzende des Verbandes Niedersächsischer Lehrkräfte. Der 49-Jährige unterrichtet an der Anne-Frank-Oberschule in Bergen, wo er auch Konrektor ist. CZ-Redakteur Christopher Menge hat mit ihm über die aktuelle Situation an den Schulen, den Herausforderungen und den Forderung an die neue Landesregierung gesprochen.

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CELLE. Herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Wahl. Warum engagieren Sie sich im Verband?

Ich hoffe, dass ich etwas bewegen kann. Vor allem ist es wichtig, dass verstanden wird, was wir an den Schulen brauchen. Jeder war mal in der Schule und glaubt zu wissen, wie es funktioniert. Das ist oftmals das Problem. Ich bin schon seit 2000, als ich an die Hermann-Ehlers-Realschule Bergen gekommen bin, im Verband.

Sie haben also auch den Übergang von der Real- zur Oberschule mitgemacht. Was hat sich seitdem verbessert?

Verbessert hat sich gar nichts. Es ist schwieriger und unübersichtlicher geworden, es muss viel organisiert werden. Und es kommt nichts bei raus – die Qualität ist deutlich schlechter geworden. Das hört man auch immer wieder von den Handwerkern. Dabei waren unsere Schüler aus den Abschlussklassen immer gefragt. Wir haben Schüler mit Förderbedarf, Haupt- und Realschüler, Gymnasiasten und Verhaltensauffällige – alle in einer Klasse. Das schafft kein Lehrer. Zudem haben wir prozentual gesehen einen sehr hohen Anteil an Flüchtlingskindern.

Wo liegen die Probleme bei der Integration dieser Kinder?

Die Flüchtlinge bekommen zwei Stunden Deutsch-Unterricht pro Tag. Bloß wir hatten schon vorher zu wenige Lehrer, also müssen dafür andere Sachen gestrichen werden. Ziel ist es, dass die Flüchtlinge möglichst schnell in den Regelunterricht integriert werden, aber das klappt nicht. Schüler, die nicht alphabetisiert sind, bekommen da nichts mit. Es gibt aber auch positive Beispiele. Wir hatten eine Schülerin, die zwei Jahre in Deutschland war und hier ihren erweiterten Realschulabschluss gemacht hat. Aber das ist die absolute Ausnahme.

Läuft es beim Thema Inklusion besser?

Wir haben Glück, dass wir eine Förderschulkollegin haben – das ist nicht an jeder Oberschule so. Der Bedarf der Kinder ist nicht abgedeckt. Als man das System Förderschule aufgegeben hat, wusste man, dass es nicht genug Lehrer gibt. Der Frust ist extrem groß. Die Lehrer fühlen sich allein gelassen. Beim Thema Digitalisierung sieht es genauso aus.

Warum?

Grundsätzlich braucht Schule Digitalisierung, aber die Lehrer werden nicht mitgenommen. Für die Sekundarstufe I wird Informatik gar nicht als Studium angeboten. Die Kollegen müssen auf fachlicher Ebene auf den Stand gebracht werden – sonst ist das professionelle Equipment für die Katz. Ein Grundproblem ist außerdem, dass die Ausstattung gewartet werden muss. Die Schulen brauchen einen IT-Experten, der immer da ist.

Betreffen die Probleme hauptsächlich die Oberschulen?

Nein. Es betrifft die gesamte Schullandschaft. An den Gymnasien ist man nicht zufrieden, weil die Qualität nicht mehr stimmt. Von Eltern und Wirtschaft müsste mehr Druck kommen – so geht es nicht weiter. Mit Bildung können wir protzen, ansonsten haben wir nicht viele Ressourcen in Deutschland.

Was sind die kurzfristigen Forderungen an die neue Landesregierung?

Personal, Personal, Personal. Es wird ja schon versucht, Leute in das Schulsystem reinzudrücken, doch dadurch geht die Qualität noch weiter runter. Wir brauchen gut ausgebildete Leute. Ein Lehrer braucht fünf bis sechs Jahre bis zur Eignung.

Können Quereinsteiger das Problem lösen?

Das ist ganz schwierig, weil oftmals die Qualifikation fehlt. Fatal finde ich es, wenn Quereinsteiger in der Grundschule eingesetzt werden, weil die Pädagogik fehlt. Es gibt sicherlich auch Ausnahmen, aber es ist schwer, diese herauszufiltern. Wir warten jetzt erst einmal die Koalitionsverhandlungen ab und werden die Themen dann im Kultusministerium ansprechen.

Im Landkreis Celle gibt es immer wieder Rufe nach einer weiteren Gesamtschule. Wie stehen Sie dazu?

Die Schüler, die eine Gesamtschule besuchen, fehlen den Oberschulen. Eine weitere Gesamtschule würde die Schullandschaft nicht voranbringen. Die Oberschulen müssen in Ruhe arbeiten, aber das können sie wegen der ständigen Veränderungen nicht. Und es muss eine Gleichbehandlung der Schulen geben.

Christopher Menge Autor: Christopher Menge, am 30.10.2017 um 18:58 Uhr
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