Fleischklau-Prozess: Verhandlung zäh wie Schuhsohlen

Foto: Silas Stein

Gut abgehangenes Fleisch ist besonders zart. So gesehen könnte der Prozess vor dem Celler Amtsgericht um aus der Gefängnisküche unterschlagene Schnitzel und Würstchen in der JVA Celle ein echter Leckerbissen sein – liegen die Kontrollen, bei denen der mutmaßliche, schwunghafte Handel mit dem Fleisch aufgeflogen war, immerhin schon eineinhalb Jahre zurück. Das Verfahren schleppte sich allerdings auch am gestrigen zweiten Verhandlungstag nur mühsam dahin. Und das lag vor allem daran, dass die Anwälte der Angeklagten auf den Zeugenaussagen, die ihre Mandanten belasten, herumkauten wie auf zähen Schuhsohlen.

CELLE. Keine leichte Kost also für die Beobachter im großen Saal des Oberlandesgerichts, in den der Prozess aus Sicherheits- und Platzgründen verlegt worden war. Und das zeichnete sich schon am Vormittag ab, als der 49 Jahre alte C. seine drei ehemaligen Mithäftlinge belastete. Der ebenfalls angeklagte ehemalige stellvertretende Chef der Gefängnisküche, so C., habe mit der Sache nichts zu tun.

C. war in der JVA an der Trift als Hausarbeiter tätig, als der Fleischhandel im Mai vergangenen Jahres bei einer Kontrolle aufgeflogen war. Als Hausarbeiter verfügt der Libanese über einen großen Kühlschrank in der Stationsküche. Im Gefrierfach wurden bei ihm 700 Gramm eingeschweißtes Fleisch gefunden. "Das gehört nicht mir", behauptete C. Sein Verdacht: Der Angeklagte S. soll ihm das Fleisch dort reingelegt haben.

Als er S. und den ebenfalls angeklagten A. darauf angesprochen habe, hätten die beiden ihm gesagt, dass sie der Polizei erzählen würden, dass er mit dem Fleisch nichts zu tun habe. Er solle lügen und sagen, dass sie das Fleisch bei jemandem gefunden hätten, der in die Türkei abgeschoben worden sei. Doch dabei blieb es nicht. Der auch auf der Anklagebank sitzende Sch. habe ihm gedroht: "Wenn du den Mund aufmachst, bringe ich dich um." Vor Gericht packte C. weiter aus. Einem weiteren Häftling und S. hätte er oft in verschließbaren Menüschalen Dinge aus der Küche gebracht.

Die Anwälte der Mitangeklagten zweifelten die Aussagen von C. an und sahen vor allem Widersprüche zum polizeilichen Vernehmungsprotokoll. Das war in lupenreinem Deutsch abgefasst. Schnell wurde klar, dass einige Missverständnisse darauf beruhten, dass dies nicht die Originalaussagen des Libanesen C. sein konnten, der weder Deutsch schreiben noch lesen kann. So wurde der 49-Jährige vor Gericht auch von einem Dolmetscher unterstützt, was mitunter zu skurrilen Szenen führte. C. fiel oft ins Deutsche zurück. "Ich erinnere mich nicht", sagte er an einer Stelle auf Deutsch, was vom Dolmetscher sogleich ebenfalls auf Deutsch mit "Ich kann mich nicht erinnern" wiedergegeben wurde. Irgendwann war der Dolmetscher so durcheinander, dass er eine Aussage von C. auf Deutsch für alle im Gerichtssaal in perfektes Arabisch übersetzte.

Nach der Mittagspause hatte C. genug von dem Verhör. "Ich werde keine Antwort mehr geben. Wenn Sie denken, ich bin schuldig, bin ich für jede Strafe bereit", meinte er entnervt. Die anderen Angeklagten machten von vornherein von ihrem Recht Gebrauch, nicht aussagen zu müssen.

So blieb Zeit für den ersten Zeugen. Der ehemalige Mitgefangene und Küchenhelfer J. belastete alle fünf Angeklagten inklusive des JVA-Mitarbeiters und damaligen stellvertretenden Küchenchefs B. Der 39-Jährige habe in den fünf Monaten, in denen er in der Gefängnisküche gearbeitet hat, einmal beobachtet, wie B. zusammen mit S. und A. etwa um die 50 Kilogramm Fleisch geschnitten und abgepackt hätten. Die Hausarbeiter C. und Sch. hätten es in Thermoboxen zusammen mit dem Abendessen "nach oben" gebracht, behauptete J, dessen Glaubwürdigkeit die Anwälte der Angeklagten ebenfalls versuchten zu erschüttern.

Nächster Verhandlungstermin ist der 16. November um 9.30 Uhr.

Gunther Meinrenken Autor: Gunther Meinrenken, am 03.11.2017 um 17:43 Uhr
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