Max Frischs Biedermann feiert im Celler Schlosstheater gelungene Premiere

Ein überzeugendes Ensemble: (von links) Alexander Prizkau, Niklas Hugendick, Katrin Steinke Quintana und Thomas Wenzel. Foto: Alex Sorokin

Da sitzt er und raucht eine: Gottlieb Biedermann, seines Zeichens Geschäftsmann, der nicht besonders sozial mit seinen Mitarbeitern umzugehen scheint. Er hat davon gehört, dass immer wieder Häuser in Brand gesetzt werden von Brandstiftern, die sich ganz legal unter einem Vorwand in die Häuser mogeln und diese dann anstecken.

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CELLE. Und nun das: Vor Biedermanns Haustür harren zwei verdächtige Zeitgenossen auf Einlass. Frau Biedermann will die Sachlage mit ihrem Gatten bereden. Trotz Bedenken wegen der bekannten Geschehnisse will man sich aber nicht die Blöße geben, die um Einlass Bittenden abzuweisen. Und so kann sich die Geschichte um das Ehepaar Biedermann entwickeln bis diese beiden im vermeintlichen Himmel Angekommenen merken, dass sie doch eher in der Hölle sind. Dieses nachträglich vom Autor Max Frisch geschriebene Nachspiel kann als eine Art altgriechisches Satyrspiel angesehen werden, in dem das vorherige Geschehen noch einmal aus der Distanz betrachtet wird. Es wirkt in der Aufführung des Celler Schlosstheaters sehr sinnfällig.

Frischs sprachstarke Texte der Chorpassagen erinnern stark an die Chorlieder bei Sophokles. Siebelt setzt voll auf die Wirkungskraft dieser Texte. Und das funktioniert bestens. Sowohl in der inhaltlichen Ernsthaftigkeit, als auch in der formalen Brechung, denn der Chor tritt, wie von Frisch gewollt, als Feuerwehrmannschaft auf.

Das Stück selbst wird von Regisseur Ralf Siebelt in keiner Weise moralinsauer aufbereitet. Ganz im Gegenteil: Er lässt Frischs sogenanntes Lehrstück ohne Lehre in Celle ganz sinnenfroh spielen. Lieber setzt Siebelt auf lockeres und zügiges Spiel als dass er großes tragisches Theater inszeniert. Das tut dem Stück sehr gut, zudem Siebelt auch ein gutes Händchen für Timing und für gezielte Übertreibungen beweist. Manchmal treibt er Frischs Text geradezu in die Groteske. Nicht immer wirkt alles stimmig, aber weitgehend läuft diese Abend in einer großen inneren und künstlerischen Logik ab. Das hatte Format.

Die schauspielerischen Eindrücke des Abends hingegen waren eher zwiespältig. Erfreulicherweise gelingt es dem Ensemble, eine gemeinsame Spielweise zu finden, die die Frage nach Nähe und Distanz zur eigenen Darstellung weitgehend gut löst. Jedoch wird die Balance zwischen gekonnter gespielter Übertreibung und aufgesetzter Äußerlichkeit nicht immer gewahrt. Immer wieder verliert Thomas Wenzel als Biedermann das rechte Maß in der gespielten Heftigkeit seiner Gefühle. Dabei gelingen ihm gerade die leisen Töne sehr gut. Je zurückhaltender er spielt, desto intensiver wirkt sein Spiel. Beim Brandstifter Niklas Hugendick ist es gerade umgekehrt. Je greller er spielt, desto überzeugender, ja diabolischer kommt er herüber. Aber auf Dauer verliert diese Spielweise ihren Reiz. Die weiteren Mitspieler ordnen sich zwischen diesen beiden Polen der Aufführung ein. Sie wagen weniger die Extreme und haben deshalb auch weniger Probleme die richtige schauspielerische Balance zu finden, wirken aber zuweilen auch etwas unentschlossen im Spiel: Verena Saake, Katrin Steinke Quintana und Alexander Prizkau. Insgesamt eine erlebenswerte Aufführung in der Bühnen- und Kostümoptik von Sofia Korcinskaja, der es gut gelingt, Übertreibung und Verfremdung in ein schlüssiges ästhetisches Gesamtkonzept einzubinden.

Reinald Hanke Autor: Reinald Hanke, am 06.11.2017 um 18:14 Uhr
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