Rummenigge zum Videobeweis: Referees stehen im Regen

Der Videobeweis sorgt in der Fußball-Bundesliga für Verwirrung und Diskussionen. Foto: Rolf Vennenbernd Foto: Rolf Vennenbernd

Hamburg (dpa) - Reguläres Tor oder vorher Handspiel, Rot oder kein Rot, Elfmeter oder nicht? Die Diskussion um den Videobeweis macht die Vereine der Fußball-Bundesliga allmählich kirre.

Wenn in der Fußball-Bundesliga am Wochenende nach zwei Wochen wieder der Ball rollt, ist die Verunsicherung bei Verantwortlichen und Spielern weiter groß - auch weil der DFB nicht gerade zur Beruhigung beigetragen hat. «Ich muss zugeben, dass ich sehr irritiert bin, wie der DFB mit diesem Thema umgeht», kritisierte Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge im «Bayern Magazin» vor dem Bundesligaspiel der Münchner am Samstag gegen den FC Augsburg.

Erst vor wenigen Tagen hatte DFB-Präsident Reinhard Grindel die Diskussion angeheizt und neue Irritationen provoziert. «Es geht nicht darum, Schiedsrichterfehler zu korrigieren», sagte Grindel im Fernsehsender Sport1. «Wenn der Schiedsrichter es eben sieht, hat er die Entscheidungshoheit. Und dann muss man eben damit leben, dass es Fehlentscheidungen gibt.» Das war neu. Der Videoassistent korrigiert den Referee nicht. Eben wie früher, als es den Videobeweis nicht gab.

Diese Betrachtungsweise des Präsidenten hatten selbst dessen Mitarbeiter in der DFB-Zentrale noch nie gehört. Es dauerte nicht lange, dann wurde zurückgerudert. «Der Video-Assistent soll zunächst einmal bei Szenen eingreifen, die der Schiedsrichter gar nicht gesehen hat und deshalb keine Entscheidung treffen konnte. Darüber hinaus aber eben auch bei Szenen, die er nach seiner Wahrnehmung klar sieht und bewertet, der Video-Assistent nach wenigen Sekunden aber anhand der TV-Bilder erkennt, dass der Schiedsrichter mit seiner Wahrnehmung und damit seiner Entscheidung klar falsch lag. Aber die Betonung liegt auf klar falsch», ließ Grindel via dfb.de erklären.

Da ist es nur zu verständlich, dass die Verantwortlichen in den Vereinen nicht mehr durchblicken. «Und in welchen Situationen der Videoschiedsrichter eingreifen kann, soll oder darf, ist mittlerweile auch für uns Clubs zur Gänze nicht mehr klar», monierte Rummenigge. «Mir tun im Moment vor allem die Schiedsrichter leid, die der DFB im Regen stehen lässt. Da muss schnellstmöglich eine Art Rettungsschirm her», sagte der 62-Jährige und schickte einen giftigen Gruß nach Frankfurt: «Im Moment vermittelt der DFB den Eindruck, dass er sich von der Öffentlichkeit treiben lässt.»

Vor der Testphase wurde festgelegt, wann der Video-Assistent eingreifen darf: bei strittigen Toren, Elfmeter-Entscheidungen, Platzverweisen und Spielerverwechslungen. Gelbe und Gelb-Rote Karten sowie Freistoß-Pfiffe gehören nicht zum Spektrum. Erst wurde nur bei klaren Fehlentscheidungen interveniert, dann weitete der inzwischen entmachtete Hellmut Krug das auf weniger klare Fehleinschätzungen aus. Das wurde inzwischen zurückgenommen und dem Schiedsrichter auf dem Platz Absolution erteilt: Der Referee ist der Boss, die Video-Männer in Köln sind nur Gehilfen. Neu ist, dass jetzt zwei Assistenten das Spiel überwachen.

Rummenigge versucht, die Gemüter zu beruhigen. «In so einer Testphase sind Fehler wahrscheinlich und deshalb erlaubt und möglich», betonte Bayern Münchens Vorstandsvorsitzender. Am Ende seiner Erprobung müsse der Videobeweis aber «verständlich und transparent» sein. Was Rummenigge nicht sagte, aber vermutlich denkt, brachte Freiburgs Trainer Christian Streich auf den Punkt: «Ich kann fast nicht mehr über das Thema sprechen.» Der Freiburger Coach war erst jüngst Leidtragender beim Videobeweis, als nach einer äußerst umstrittenen Roten Karte für seinen Verteidiger Caglar Söyüncü das Spiel beim VfB Stuttgart verloren ging.

Pragmatisch sieht die ganze Angelegenheit dagegen Hertha-Trainer Pal Dardai: «Mal hat man Glück mit dem Videobeweis wie wir in Wolfsburg. Mal hat man Pech.»

Am Freitag präzisierte der DFB die Kernpunkte zum Einsatz des Video-Assistenten. Projektleiter Lutz Michael Fröhlich wies dabei mit Nachdruck darauf hin, dass das Protokoll des International Football Association Board (IFAB) die einzig gültige Grundlage für die Arbeit der Bundesliga-Schiedsrichter und der Video-Assistenten bildet. Alle 18 Bundesligaclubs wurden von der Deutschen Fußball Liga darüber informiert. Außerdem hat Fröhlich in seinem Papier noch einmal auf die sieben wichtigsten, schon seit Beginn der Testphase gültigen Kernpunkte für den Einsatz des Video-Assistenten hingewiesen.

Franko Koitzsch, dpa Autor: Franko Koitzsch, dpa, am 17.11.2017 um 18:28 Uhr
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