Celle haftet nicht für seine Handballer

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Eine unangenehme, weil ziemlich klebrige Angelegenheit belastet das Verhältnis zwischen Verwaltung und Celler Handballvereinen: Die Stadt hatte wenige Tage vor dem Saisonstart Anfang September ein Haftmittelverbot für die Sporthallen ausgesprochen. Streng genommen steht die harzhaltige „Backe“, die den Akteuren mehr Ballkontrolle gibt, laut Benutzungsordnung für Sporthallen schon seit 2001 auf dem Index. Doch nun wird das Verbot rigoros umgesetzt. Grund: Kosten sollen gespart werden. Die Verschmutzung der Hallenböden sowie der Bänke, Türen und Umkleidekabinen durch die klebrigen Masse kostet die Stadt nach eigenen Angaben allein in der HBG-Halle im vergangenen Jahr rund 15.000 Euro.

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Celle. Die betroffenen Vereine haben angesichts leerer Stadtkassen für diesen Aspekt durchaus Verständnis. „Unseren Beitrag zum Sparkurs wollen wir gerne leisten“, sagt Holger Neumann, Abteilungsleiter der Garßener Handballer. Deshalb haben sich Vertreter vom SV Altencelle, VfL Westercelle, HBV 91 Celle und SV Garßen-Celle zusammengetan, um gemeinsam mit der Stadtverwaltung nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen. Doch bisher ohne Erfolg: Ein gemeinsam unterzeichnetes Schreiben, in dem bereits vor der Saison um ein Gespräch gebeten wurde, brachte nichts ein. Vielmehr blockt die Stadtverwaltung ab. „Bei dem aktuellen Anliegen sehe ich keine Möglichkeit, die Entscheidung im Rahmen eines Gespräches nachzujustieren“, lehnt es der Fachdienstleiter Jugendarbeit und Sport, Dirk Nothdurft, in seinem Antwortschreiben ab, sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen.

Dabei sind die Handballer bereit, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Sie haben ein Konzept ausgearbeitet, wie es auch zukünftig mit „Backe“ gehen könnte, ohne dass andere Hallenbenutzer durch Haftmittelrückstände in Mitleidenschaft gezogen werden: Die Vereine würden für die Beseitigung der Backerückstände die Verantwortung übernehmen. Reinhard Roselieb, Macher bei den Handballern aus Altencelle, ist sogar bereit, aus eigener Tasche eine entsprechende Reinigungsmaschine anzuschaffen. „Unser gemeinsames Konzept würden wir gern der Stadt vorstellen“, sagt er. Dabei zeigen sich die Handballer kompromissbereit: „Wir bieten an, unter der Woche ohne Backe zu trainieren“, sagt Neumann. „Aber in den Punktspielen können wir nicht darauf verzichten.“ Damit am Montag die Kinder im Schulsport nicht in die klebrigen Rückstände treten, wollen die Vereine die Hallen blitzeblank hinterlassen. „Damit wäre doch allen gedient“, sagt Moritz Kaplick vom HBV 91 Celle.

Derzeit scheint aber ein Einlenken nicht denkbar. Die Celler Handballer hatten in ihrem Schreiben zwar darauf hingewiesen, dass leistungsorientierter Handball ohne den Gebrauch von Haftmitteln nicht möglich sei. Viele technische Feinheiten würden nur dadurch gelingen. Doch dieses Argument wird seitens der Stadt beiseitegeschoben. „Das Haftmittelverbot in Sporthallen ist keine Celler ,Erfindung‘, sondern landesweit üblich“, heißt es in einer Stellungnahme. Eine Nachfrage beim Handballverband Niedersachsen habe kein anderes Ergebnis erbracht. Einzig in Braunschweig gebe es eine Halle, in der das Haftmittelverbot ausgesetzt ist. „Dieser Aussage können wir als Verein nur widersprechen“, sagt Kaplick. „Wir erleben bei fast jedem Auswärtsspiel, dass mit Haftmittel gespielt wird.“

In den Hallen des Landkreises funktioniert die Kommunikation zwischen Vereinen und Verwaltung offenbar besser. Beispiel Bergen: Dort bestreiten Damen- und Herrenmannschaften ihre Heimspiele mit „Backe“. Der Verein ist eigenverantwortlich dafür zuständig, dass die Halle anschließend von allen Haftmittelrückstanden befreit wird. „Wenn man Handball fördern möchte, sollte man das auch nicht verbieten“, sagte Dominik Blancbois, Herrenspieler beim TuS Bergen und Trainer der Oberliga-Frauen. Im Trainingsbetrieb innerhalb der Woche ist die „Backe“ auch am Heisterkamp verboten. In Hermannsburg, wo unter anderem Landesligist MTV Müden spielt, oder in Wathlingen (HSG Adelheidsdorf/Wathlingen) wurden ähnliche Regelungen getroffen.

Einen ähnlichen Kompromiss würden Celles Handballer auch gerne erzielen. Denn derzeit bewegen sich einige Klubs in einer Grauzone: Viele Mannschaften benutzen seit dem Verbot weiterhin Haftmittel – nur eben heimlich. „Früher stand der Backe-Topf offen neben der Spielerbank. Jetzt harzen wir schon die Trinkflaschen ein, um die Hände unbemerkt griffiger zu machen“, sagt ein Spieler, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Ein Vorgehen, das offenbar nicht bemerkt oder stillschweigend akzeptiert wird. Denn Sanktionen vonseiten der Stadt wurden gegenüber den Handballklubs bislang nicht ausgesprochen.

Ganz wohl ist den Akteuren bei dieser Heimlichtuerei nicht. „Wir würden gerne eine offizielle Regelung mit der Stadt hinbekommen, die uns künftig erlaubt, Haftmittel in Punktspielen zu verwenden, ohne die Hallen saudreckig zu hinterlassen“, sagen die Vereinsvertreter unisono. Doch um das zu regeln, müssten sich Stadt und Vereine erstmal an einen Tisch setzen. „Schade, dass man nicht die Möglichkeit hat, das lösungsorientiert zu erörtern“, meint Holger Neumann.

Uwe Meier Autor: Uwe Meier, am 21.11.2017 um 21:43 Uhr
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Nachgefragt
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nachgefragt bei Bundesliga-spieler LARS lEHNHOFF

Der aus Adelheidsdorf stammende Lars Lehnhoff hat seine Handball-Karriere in Celle begonnen und spielt inzwischen seit vielen Jahren für die TSV Hannover-Burgdorf in der Bundesliga Männer. Den Kontakt zu den Handballern in Celle hat der 31-jährige Flügelflitzer der Recken nie abreißen lassen. Oft besucht er Spiele von Mannschaften aus seiner Heimat. Zuletzt ist immer wieder darüber diskutiert worden, ein generelles Haftmittelverbot im Handball durchzusetzen. Was halten Sie davon? Handball ohne Haftmittel wäre eine andere Sportart. Und die wäre nicht mehr attraktiv. Ohne „Backe“ hat man einfach keine Kontrolle mehr über den Ball – es fehlt das Gefühl. Darunter würde auch der Unterhaltungswert für die Zuschauer leiden. Der Handballsport würde mit einer solchen Entscheidung kaputt gemacht. Ich kann auch den Handball-Verband Niedersachsen nicht verstehen, dass es keine Pflicht ist, mit Haftmittel zu spielen. Wenn ich kein Harz mehr benutzen dürfte, würde ich aufhören, Handball zu spielen. Für die Stadt Celle wurden jetzt ein generelles Haftmittelverbot verhängt. Ist das der richtige Weg? Ich kann verstehen, dass die Verschmutzung der Sporthallen ein Problem ist. Aber seitdem ich denken kann, wird im HBG mit Haftmittel gespielt. Es ist für mich nicht vorstellbar, dass das nun nicht mehr so sein soll. Die Vereine zeigen sich kooperativ, einen Weg aus der Misere zu finden. Dass man darüber seitens der Stadtverwaltung nicht einmal sprechen will, kann ich nicht nachvollziehen. Das macht mich traurig. Wie sehen Sie den Handballsport in Celle insgesamt? Auch wenn es den SVG Celle nicht mehr gibt, heißt es ja nicht, dass es hochklassigen Handball in ein paar Jahren in Celle nicht wieder geben könnte. Dazu muss dem Handball-Nachwuchs aber auch die Möglichkeit gegeben werden, sich entsprechend zu entwickeln. Dazu gehört dann auch Haftmittel an den Händen. Wenn das hier nicht geht, werden die Talente Celle ganz schnell den Rücken kehren. Letztlich leidet darunter auch das Vereinsleben insgesamt. Alle regen sich auf, dass unsere Jugend immer weniger Sport treibt. Und die, die es wollen, werden durch solche Verbote auch noch aus Celle vertrieben.

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