Allein unter Jungen: Junia Maria Sass gilt als größtes Talent im Celler Mädchenfußball

Foto: Oliver Knoblich

Sie trainiert von klein auf mit Jungen - das zahlt sich aus: Junia Marie Sass aus Nienhagen gilt inzwischen als größtes Talent im Celler Mädchenfußball. Mit ihren elf Jahren denkt sie aber noch nicht an einen Wechsel in ein Mädchenteam. Nur in den Auswahlteams tritt sie mit ihren Geschlechtsgenossinnnen gegen den Ball. Ansonsten fühlt sich Junia bei ihren Jungs vom ESV Fortuna Celle pudelwohl.

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CELLE. Philipp Lahm schlägt einen Haken, legt sich den Ball auf den rechten Fuß, schaut noch einmal und schlenzt den Ball vom Strafraumeck genau in den langen Winkel. Es ist der Sommer 2006, Fußball-WM in Deutschland. Und der kleine Außenverteidiger vom FC Bayern legt mit dem 1:0 im Eröffnungsspiel gegen Costa Rica den Grundstein für das Sommermärchen.

Junia Marie Sass hat von alldem nichts mitbekommen. Sie wurde an diesem Tag geboren. Aber irgendwie scheint diese Fußballbegeisterung, die damals die ganze Nation erfasst hat, auf sie abgefärbt zu sein. „Sie ist derzeit das größte Talent des Celler Mädchenfußballs“, sagt ihr Trainer Martin Cordua vom ESV Fortuna Celle über die Elfjährige. Dabei kickt die Nienhägerin fast immer mit den Jungs, ist Stammspielerin der männlichen U12.

Gut zwei Dutzend Spieler tummeln sich an diesem Abend in der Sporthalle der Grundschule Klein Hehlen. Junia ist das einzige Mädchen. Doch sie bewegt sich unter ihren Mannschaftskameraden wie unter ihresgleichen – nur die zum Pferdeschwanz zusammengebundenen dunkelbraunen Haare und das rosafarbene schmale Stirnband lassen sie aus der Menge hervorstechen. „Das macht total viel Spaß mit den Jungs. Ich glaube, wenn wir Fußball spielen, vergessen die, dass ich ein Mädchen bin. Ich muss mich dann richtig anstrengen und zeigen, was ich kann“, sagt Junia.

Auf dem Platz gibt
sie Volldampf

„Weil es keine Mädchenmannschaft gab, haben wir sie vor sieben Jahren bei den Jungs des SV Nienhagen angemeldet“, berichtet ihr Vater Christian Sass (48). Da war Junia vier Jahre alt. Schnell zeigte sich, dass sie nicht nur mithalten kann, sondern viele Jungen überflügelt. „Sie fühlt sich in der Mannschaft sehr wohl. Berührungsängste gibt es nicht – übrigens von beiden Seiten.“, weiß Sass. Nur geduscht wird zu Hause.

Mit dem SVN wurde Junia vor drei Jahren Kreismeister und Pokalsieger. Als ein Großteil der Mannschaft im Sommer zur Fortuna nach Celle wechselte, ging sie mit. „Es ist nicht immer einfach, Mädchen in einem fremden Jungenteam zu integrieren. Bei vielen steckt immer noch in den Köpfen, Mädchen könnten kein Fußball spielen. Darum waren wir froh, dass die Mannschaft weitgehend zusammen geblieben ist. Die Nienhäger Jungs sind ja praktisch mit Junia aufgewachsen“, sagt ihre Mutter Verena Sass (44).

Felix Winter zum Beispiel. Der Elfjährige spielt seit der Pampersliga mit Junia in einem Team. „Sie ist schnell und hat einen guten Schuss“, sagt Felix anerkennend. Und schiebt hinterher: „Blöde Sprüche, weil sie ein Mädchen ist, gibt‘s bei uns überhaupt nicht.“ Höchstens mal von den Gegnern. In einem Punktspiel herrschte ein Vater seinen Sohn an: „Lass dich von einem Mädchen nicht so nass machen.“ Genutzt hat der Hinweis nichts: „Junia hat den Armen trotzdem schwindelig gespielt“, erinnert sich ihre Mutter. Neben dem Platz wirkt die Jüngste von drei Geschwistern zurückhaltend und fast ein wenig schüchtern. „Aber auf dem Platz gibt sie immer Volldampf“, sagt Coach Cordua.

Junia widerlegt an diesem Abend mal wieder sämtliche Vorurteile. Klar können Mädchen kicken: Als ein Gegner sie im Trainingsspielchen attackiert, zieht sie den Ball mit der Sohle nach hinten, schirmt den Ball geschickt ab. Und obwohl ihr der Junge körperlich überlegen ist, kommt er einfach nicht an das Spielgerät. Junia passt zu einem Mitspieler – und ab geht die Post. „Sie hat einen guten Blick für das Spiel und eine sichere Technik. Ihre Stärken liegen in der Spieleröffnung und in der Balleroberung“, sagt Cordua. „Dabei kann sie praktisch jede Position spielen und ist auch torgefährlich“, schwärmt der 48-Jährige.

Talentspäher
werden aufmerksam

Das blieb auch den Talentspähern nicht verborgen. Über die Celler Kreisauswahl ging es für die Sechstklässlerin des Kaiserin-Auguste-Viktoria-Gymnasiums innerhalb weniger Monate bis in die Niedersachsenauswahl der Mädchen. Im Kader des Mädchenstützpunktes in Lüneburg spielt sie als einzige des Jahrgangs 2006 zusammen mit den ein Jahr älteren Mädchen. Zusätzlich trainiert Junia auch noch beim DFB-Stützpunkt Celle mit den U12-Jungs – die höchste Förderstufe für Mädchen in diesem Alter. So kommt sie auf bis zu sechs Trainings- und Wettkampfeinheiten pro Woche. „Junia hat da Bock drauf“, unterstreicht Vater Christian. Und bei all dem bleibt sogar noch Zeit zum Klavier- und Trompetespielen.

Fragt man Junia nach ihrem späteren Berufswunsch, kommt wie aus der Pistole geschossen: „Fußballprofi.“ Zwar heißt ihr großes Vorbild nicht Philipp Lahm, sondern Joshua Kimmich. Aber der ist ja praktisch das offizielle „Nachfolgemodell“ des Sommermärchen-Mitbegründers.

Heiko Hartung Autor: Heiko Hartung, am 22.11.2017 um 19:25 Uhr
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