Igor Levit gibt Konzert mit NDR Radiophilharmonie

Er ist einer der angesagtesten Pianisten seiner Generation, wenn nicht sogar der angesagteste überhaupt: Igor Levit. Der 30-jährige gebürtige Russe hat an der hannoverschen Musikhochschule studiert und lässt sich entsprechend häufig in der niedersächsischen Landeshauptstadt blicken und hören. So auch jetzt mit der NDR Radiophilharmonie im seit langem ausverkauften Großen Sendesaal.

HANNOVER. Bevor allerdings Levit an der Reihe war, konnte zunächst Chefdirigent Andrew Manze zeigen, weshalb er inzwischen einer derart großen Fankreis für sich gewonnen hat. Beethovens Ouvertüre zu Goethes Trauerspiel „Egmont“ dauert keine zehn Minuten, und doch hatte man den Eindruck, einer abendfüllenden Veranstaltung beizuwohnen: Da hatte jede Nuance ihren Sinn, da waren Kontraste klar herausgearbeitet, ohne unnötig hart aufeinanderzuprallen, da bestach immer wieder der homogene Gesamtklang. Wenn fast alles stimmt, fällt jeder kleine Patzer um so mehr auf – in diesem Fall geriet der Einstieg nach der Generalpause ein wenig wacklig, was indes das Vergnügen keineswegs nachhaltig schmälern konnte.

Igor Levit wird mit der NDR Radiophilharmonie in den kommenden Spielzeiten sämtliche Klavierkonzerte Beethovens aufführen. Den Auftakt machte jetzt das 4., und der Pianist bewies einmal mehr, dass er tatsächlich über Ausnahmetalent verfügt. Sein Sinn für Dynamik und Phrasierungen ist schon weit überdurchschnittlich ausgeprägt, wie er aber außerdem zuweilen mit Klangfarben zu malen versteht, stellt fast schon ein Alleinstellungsmerkmal dar. Zum Beispiel in der Kadenz des Kopfsatzes, als die Töne in manchen Passagen nachgerade zu glitzern schienen, während später der Schlussakkord etwas beeindruckend Schroffes bekam.

Hin und wieder lief sein Spiel allerdings Gefahr, an der Grenze zum Kunstgewerblichen zu kratzen. Die extreme Spannung zwischen Orchester und Solist im 2. Satz etwa ist zwar in der Komposition angelegt, Levit schien aber darauf erpicht, die zarten Nuancen bis zum Letzten auszukosten. Eine Folge waren heftige Hustenattacken im Publikum, die sich nach dem letzten Ton zu einem mittelschweren Sturm auswuchsen.

Nach dem flotten Finale wiederum war die Begeisterung groß, durchaus verständlich, zumal Levit mit Manze einen vergleichbar ausgefuchsten Klangzauberer an seiner Seite wusste – die Chemie zwischen diesen beiden stimmt einfach. Es gab einige stehende Ovationen, und der Pianist spendierte noch einen Beethoven-Sonatensatz, bei dem er zeigte, welche mannigfache Variationen aus einem vermeintlich simplen Thema herauszuholen sind.

Einige Besucher gingen in der Pause, und man könnte die sehr ketzerische Frage stellen, ob sie wirklich so viel verpasst haben. Was gar nicht den Musikern anzulasten wäre: Die 2. Symphonie von Johannes Brahms ist eher eine Klanglandschaft und wirkte gerade nach den vorangegangen Erlebnissen wenig süffig. Im letzten Satz leistete sich das Orchester, bei diesem Klangkörper ungewohnt, zudem ein paar verhudelte Momente, um dann jedoch mit einem schmissigen Finale doch noch ein Ausrufezeichen hinter einen Konzertabend der besonderen Art zu setzen.

Jörg Worat Autor: Jörg Worat, am 24.11.2017 um 13:19 Uhr
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