Sartres „Das Spiel ist aus“ bei Premiere umjubelt

Eine weitere geglückte Premiere im Celler Schlosstheater: Tanja Kübler und Gintas Jocius in Sartres Drama „Das Spiel ist aus“. Foto: Alex Sorokin

Man sollte es als Zwischenbilanz einmal lobend hervorheben: Mit starken, eindringlichen Produktionen und mit einem abwechslungsreichen Spielplan hat das Celler Schlosstheater sein Publikum in dieser Spielzeit ausnahmslos begeistert. Um das zu erreichen, sind gute Regisseure, aussagekräftige Bühnenbilder und natürlich ein spielfreudiges und ausgewogen agierendes Ensemble notwendig. Dabei hat Intendant Andreas Döring bisher immer eine sichere Hand bewiesen.In die Reihe der geglückten Aufführungen gehört jetzt auch die Premiere der poetisch-philosophischen Geschichte „Das Spiel ist aus“ von Jean-Paul Sartre.

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Sie spielt mit den Sphären von Leben und Tod und der vermeintlichen Möglichkeit, dem Dasein einen völlig anderen Verlauf zu geben. Am Celler Schlosstheater hat Regisseur Sebastian Sommer (bisher Hausregisseur am Berliner Ensemble) eine moderne, atmosphärisch dichte und bis ins Detail schlüssige Inszenierung geschaffen, die packt. Schwere Kost zwar und für den Zuschauer nicht leicht konsumierbar, aber ungeheuer anregend, sich selbst weiterführende Gedanken über den Sinn des Lebens und des Sterbens zu machen, das Bühnengeschehen zu deuten und eigene Schwerpunkte zu setzen. Sebastian Sommer gelingt das mit überraschenden Mitteln bis hin zum chorischen Sprechen und einem nachhaltigen Bühnenbild ohne reißerische Effekte.

Bühnenbildnerin Heike Vollmer hat dazu auf einer sich permanent drehenden Scheibe ein an Fachwerk erinnerndes Gerüst gebaut, das zusammen mit der Drehrichtung die verschiedenen Räumlichkeiten des Totenreichs und das Reich der Lebenden symbolisiert.

Der Revolutionär Pierre und Ève, eine Dame der gehobenen Gesellschaft, sterben zu gleicher Stunde und begegnen sich im Totenreich zum ersten Mal. Sie scheinen füreinander bestimmt. Was gäben sie nicht alles, um ins Leben zurückkehren zu dürfen. Die Entscheidung fällt: Sie dürfen leben. Die Uhr des Schicksals wird zurückgestellt unter der Bedingung, dass sie sich vorbehaltlos der Liebe ergeben. Doch kaum sind die beiden zurück ins Leben gekehrt, verfolgt jeder seine eigenen Pläne. Die Vergangenheit stellt ihre Forderungen, die Zeit ist begrenzt und sie verlieren das zweite Leben an der Unfreiheit des ersten.

Gintas Jocius als Pierre Dumaine kehrt das Rebellische und Kompromisslose seiner Figur ohne Übertreibungen heraus. Und das ist gut so: Er ist unangepasst, wie man es von einem Revoluzzer erwartet, aber er überzieht nicht oder spielt sich gar in den Vordergrund. Brillant. Johanna Marx als Ève ist nicht nur körperlich beweglich bis hin zu Tanzfiguren und schwierigen Ballettposen. Man merkt ihr ihre bürgerliche Herkunft an, aber auch sie verspielt ihre zweite Chance. Aus ihrem Tod hat sie nichts gelernt. Ebenso großartig.

Dass die Bürokratie auch vor den Toten nicht halt macht, verkörpert mit Temperament und einem guten Schuss an Komik Tanja Kübler. Als Polizeichef André gefällt Dirk Böther und als Lucette glänzt Irene Benedict. In verschiedenen Rollen sieht man Jürgen Kaczmarek und Christoph Schulenberger. Die umfangreiche Statisterie agiert exakt und diszipliniert. Ein großartiger, aber auch anspruchsvoller Theaterabend. Der Beifall am Schluss war entsprechend lang und durchsetzt mit Jubel und vielen Bravos.

Hartmut Jakubowsky Autor: Hartmut Jakubowsky, am 26.11.2017 um 22:05 Uhr
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